APA - Austria Presse Agentur

Corey Taylor: "Manchmal ist mein Kopf wie ein Folterraum"

28. Sept 2020 · Lesedauer 4 min

Mit der Inspiration ist es so eine Sache: Man kann sich nie ganz sicher sein, wann sie einen erwischt. Davon weiß auch Corey Taylor, seines Zeichens Sänger der weltweit erfolgreichen Maskenträger Slipknot, zu erzählen. Auf seinem ersten Soloalbum "CMFT" finden sich vertonte Träume ebenso wie eine eigenwillige Badezimmergeschichte. "Manchmal ist mein Kopf wie ein Folterraum", lachte er im Interview.

Der 46-jährige Taylor ist vielleicht einer der letzten großen Stars im Rockzirkus. Mit Slipknot hat er in den vergangenen zwei Dekaden den Metal maßgeblich mitgestaltet, seine Zweitband Stone Sour ist dagegen für die etwas bekömmlicheren Nummern zuständig. Die Welt bereiste er mit beiden Formationen und fand dazwischen Zeit, sich auch als Autor und Schauspieler zu betätigen. Nun fügt er seiner Karriere ein neues Kapitel hinzu.

"CMFT", das für seinen Highschoolspitznamen "Corey Motherfucking Taylor" steht, ist ein geradliniges Hardrockalbum geworden, mal nach vorne preschend wie im Opener "HWY 666" (dessen Zeilen Taylor übrigens bereits als Jugendlicher verfasst hat), dann melancholisch und nachdenklich wie in der Klavierballade "Home". "Ich hätte diese Platte schon viel früher machen können", erzählte der Sänger im APA-Interview. "Aber jetzt hat es sich einfach richtig angefühlt. Es ist wie der Höhepunkt einer Karriere, in der ich die Leute immer wieder fordern und überraschen wollte."

Nun, mit Überraschungen halten sich die 13 Stücke zwar vornehm zurück, aber gut gemacht ist die Musik zweifellos. "Ich habe mich einfach an den Songs orientiert, die mir gefielen, und sie dann auf das Album gepackt. Einen bestimmten Sound hatte ich dabei gar nicht im Sinn", so Taylor. "Die Platte spiegelt einfach meinen Musikgeschmack wieder. Diese Liedern sollen dich auf eine Reise mitnehmen, sollen dich glücklich oder traurig machen, sollen dich zum Mitsingen bringen."

Bei eingängigen Nummern wie dem stampfenden "Halfway Down" kann man sich durchaus vorstellen, wie die Fans bei einem Konzert die Fäuste recken und ihre Stimmbänder malträtieren. Oder aber, wie sie zum "European Tour Bus Bathroom Song" ins Moshpit stürmen - ein waschechter Hardcore-Brecher mit viel Witz. "Es hat so viel Spaß gemacht, das einzuspielen", schmunzelte Taylor. "Viele denken, der Titel ist ein Witz. Dabei ist das buchstäblich der ehrlichste Songtitel, den ich jemals hatte."

Die Idee zur gerade mal zwei Minuten langen Nummern sei auf einer Tournee durch Europa entstanden. "Jeder Tourbus dort hat das gleiche Schild im Badezimmer, auf dem steht: 'Please do not put paper in toilet, please use the bin provided.' Das steht wirklich in jedem verdammten Bus, ich schwöre es! Und wenn du dann unterwegs bist, auf der Straße richtig durchgeschüttelt wirst, weil du vielleicht nicht den besten Fahrer hast, und die ständig dieses Schild siehst, während du versuchst, dich nicht zu bepinkeln, dann passiert etwas. Mein verdrehtes Hirn hat diese Buchstaben in einen Rhythmus gepackt, und fertig war der Song!"

Das Stück "Meine Lux" sei ihm wiederum im Traum "zugeflogen", meinte Taylor. "Darin habe ich das mit meiner Soloband gespielt, während die Fans jede Zeile lauthals mitgesungen haben. Als ich dann aufgewacht bin, musste ich es sofort aufschreiben. Das war eine verdammt schräge Erfahrung. Du fragst dich nur: Ist das wirklich gerade passiert?"

Insgesamt wolle er eine gute Stimmung verbreiten. "Es gibt aber durchaus ernstere Momente, wie in 'Silverfish', in dem es um die dunklen Stunden geht, wenn du mit deinen Gedanken alleine bist. Bei Depressionen oder Abhängigkeiten sind es ja vor allem diese Zeiten, in denen es verdammt schwer werden kann. Diese tödliche Ruhe kann Menschen ganz schön aus der Bahn werfen. Oder 'Culture Head', das sich mit politischen wie religiösen Extremen beschäftigt. Man schaut auf beide Seiten und denkt sich: Ihr seid alle so voller Scheiße!"

Die Unterhaltung soll dabei aber nicht zu kurz kommen. "Es gab diese Energie und Freude, die wir verspürten, als wir diese Songs eingespielt haben. Das ist einfach ansteckend! Ich will die Leute daran erinnern, dass Rock'n'Roll Spaß macht und nicht unbedingt schwer oder verkopft sein muss. 'CMFT' sollte diesen Partyvibe haben, aber trotzdem ernst gemeint sein", unterstrich Taylor.

Ob er damit nun richtig liegt oder nicht: Auf seine Fangemeinde kann sich der Sänger wohl verlassen, wie er auch selber weiß. "Mir ist klar, dass ich verdammt viel Glück habe. Meine Fans sind sehr offen dafür, was ich mache - ganz egal, wie es auch klingen mag. Das will ich natürlich nicht ausnützen. Aber es fühlt sich gut an, dass die Leute mir vertrauen und sich anhören, was ich umsetze. Bisher hat es auch ziemlich gut funktioniert." Und es dürfte so weitergehen: Jedenfalls habe er ein zweites Soloalbum schon in der Hinterhand und will - so es das Coronavirus zulässt - kommendes Jahr mit beiden Alben touren. "Das wäre ziemlich cool!"

Quelle: Agenturen