Clüver Ashbrook: Demokratie in USA und Europa "angezählt"
"Unsere Demokratien an sich, unsere gemeinsame Staatsform, die wir mit den Amerikanern so lange geteilt haben, sie ist angezählt." Mit dieser dramatischen Feststellung leitete Clüver Ashbrook ihren Beitrag zum Elevate-Diskursprogramm am Donnerstag im Heimatsaal des Grazer Volkskundemuseums ein. Basierend auf ihrem Anfang des Jahres erschienenen Buch "Der amerikanische Weckruf" erläuterte die Politologin die Entwicklung der US-Demokratie von ihren Anfängen bis in die Gegenwart.
Unter anderem verwies sie darauf, dass bereits US-Gründerväter wie Thomas Jefferson und Benjamin Franklin mahnende Worte in Richtung möglicher Gefahren für das demokratische System in Amerika übrig hatten. Clüver Ashbrook zitierte den damaligen Gouverneur von New York, der bereits 1778 unter einem Pseudonym aus heutiger Sicht prophetisch scheinend gemeint habe, dass unter den Voraussetzungen der US-Verfassung nur ein Mann kommen müsse, der ambitioniert genug wäre, um mit der ihm zur Verfügung stehenden Macht sein eigenes Land zu ruinieren.
In weiterer Folge erläuterte sie die Methoden, mit denen die Regierung von Donald Trump moralisch und strukturell auf einen nationalkonservativen Umschwung in der US-Gesellschaft hingearbeitet habe und zählte auch verschiedene Maßnahmen vergangener Präsidenten von Ronald Reagan über Bill Clinton sowie einschneidende Ereignisse wie die Finanzkrise von 2008 auf, die den Boden dafür aufbereitet hätten.
Bedeutung von Widerstand
Den europäischen Medien attestierte die Politologin eine gewisse "Hörigkeit" Trump und der US-Regierung gegenüber. Deshalb sei in Europa auch das mittlerweile beträchtliche Ausmaß des gesellschaftlichen und auch institutionellen Widerstands in den Vereinigten Staaten gegen die Regierungspolitik weitgehend unbekannt. Während Clüver Ashbrook beispielsweise den erfolgreichen Protest gegen den ICE-Einsatz in Minnesota als Hoffnungsschimmer sah, stellte sie gleichzeitig die Frage in den Raum, ob der Widerstand angesichts der im November anstehenden US-Wahlen ausreichen werde, um Donald Trumps Macht wieder einschränken zu können.
Es sei für Europa jedenfalls angezeigt, die Abhängigkeit von den USA zu prüfen. Dies geschehe auch bereits. Zum Schluss richtete sie einen Appell an die Menschen in Europa, sich mit den eigenen Bedrohungen der Demokratie und verschiedenen Systemschwächen auseinanderzusetzen. "Da gilt es eben auch, den sozialen Ausgleich im Blick zu behalten und sich dafür einzusetzen. Denn in den USA haben diese Zersetzungsmethoden nur funktioniert, weil sich dieses Wohlstandsgefälle auftat. Aber nicht nur die Politik muss ran. Wir sind die Politik", so der Aufruf der Rednerin, zu handeln.
Festival-Eröffnung am Abend
Während das Diskursprogramm am Nachmittag mit einer Podiumsdiskussion und einem Film weiterging, fand am Abend die feierliche Eröffnung des 22. Elevate Festivals in der Helmut List Halle statt. Das diesjährige Festival steht unter dem Motto "Vital Signs", Lebenszeichen, und bietet bis Sonntagabend insgesamt 150 Musikschaffenden und 30 Sprecherinnen und Sprechern eine Bühne.
(S E R V I C E - https://elevate.at/de/ )
Zusammenfassung
- Die Politologin Cathryn Clüver Ashbrook warnte beim Auftakt des 22. Elevate Festivals in Graz, dass die Demokratie in den USA und Europa angesichts monarchischer und autoritärer Tendenzen 'angezählt' sei.
- Sie betonte, dass in den USA ein breiter gesellschaftlicher und institutioneller Widerstand gegen die Politik Donald Trumps entstanden ist, dieser aber in Europa aufgrund einer gewissen 'Hörigkeit' der Medien kaum wahrgenommen werde.
- Clüver Ashbrook rief dazu auf, dass Europa seine Abhängigkeit von den USA prüft und sich aktiv mit eigenen Bedrohungen und Systemschwächen der Demokratie auseinandersetzt, wobei sie insbesondere auf die Bedeutung des sozialen Ausgleichs hinwies.
