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"Close"-Regisseur Dhont und die Sprache der Zärtlichkeit

Der 31-jährige belgische Regisseur Lukas Dhont legt mit seinem Trauerporträt "Close" den vielleicht berührendsten Film des Jahres vor. Anlässlich des Europäischen Filmpreises in Islands Hauptstadt Reykjavík sprach der aus Gent stammende Filmemacher mit Journalisten über Angst vor Weiblichkeit, das Abtöten von Zärtlichkeit bei Burschen und sein tanzendes inneres Kind angesichts der Oscar-Chancen.

Frage: Was hat Sie bewogen, die Freundschaft zwischen Burschen in den Mittelpunkt Ihrer Erzählung zu rücken?

Lukas Dhont: In unserer Gesellschaft werden Burschen, wenn sie Nähe suchen, in Richtung Sexualität gedrängt. Der Raum, der ihnen gelassen wird, das in einer Freundschaft oder untereinander zu finden, wird sehr eng gemacht - bis hin zur Unmöglichkeit. Hochgehalten wird stattdessen Virilität oder Maskulinität - ein Konzept, das aber selten Gefühle oder Zärtlichkeit beinhaltet. Dabei ist eine intime Freundschaft in der Jugend eigentlich essenziell im Leben. Wenn man Buben zuhört, wie sie über ihre Freunde sprechen, klingt das meist wie eine Liebesgeschichte. Aber diese Sprache und diese Wörter gehen verloren im Zuge des Erwachsenwerdens. Ich war einer dieser Jungen, der Angst vor Intimität hatte und irgendwelchen Erwartungen entsprechen wollte, das aber nicht konnte. In der Vorbereitung meines Films bin ich darauf gekommen, dass ich damit nicht der Einzige bin. Und davon wollte ich erzählen.

Frage: Weshalb verlieren Burschen diese Sprache der Zärtlichkeit beim Älterwerden?

Dhont: Das kommt aus der Angst vor Weiblichkeit, davor, das Stigma schwul zu bekommen. Wir haben in unserer heteronormativen, patriarchalen Gesellschaft ein Vokabular entwickelt, bei dem Männlichkeit mit Wettbewerb, Unabhängigkeit, Gefühlskontrolle verbunden wird. Und damit nehmen wir ihnen die Zärtlichkeit, die als Schwäche gesehen wird.

Frage: Adressiert "Close" damit speziell ein männliches Publikum?

Dhont: Bei "Close" geht es auch allgemein um Freundschaft. Wir kennen alle die Momente, in denen sich Freundschaften verändern und einem das Herz bricht - ein Ausdruck, der meist mit romantischen Beziehungen verbunden ist, obwohl jeder Mensch das Gefühl auch im Bezug auf Freundschaften kennt. Diese kleinen Wunden, die einem das Leben schlug, hat praktisch jeder. Wenn wir Teenager werden, macht uns das Leben zu Darstellern, weil wir lernen, dass wir, wenn wir zu Gruppen dazugehören wollen, einen Teil von uns selbst verleugnen müssen.

Frage: Auch die Eltern werden in "Close" als differenzierte Charaktere gezeigt, nicht als hierarische Gegenspieler...

Dhont: Ich wollte nachsichtig mit den Eltern sein. Denn auch Eltern sind Kinder von Eltern. Wir sind alle in einem System aufgewachsen, das in Helden und Bösewichte unterteilt - und so wollte ich wirklich nicht denken. Wir sind alle fehlbar, treffen nicht immer heldenhafte Entscheidungen.

Frage: Wie gelingt es Ihnen, so junge Darsteller dazu zubringen, sich so natürlich vor der Kamera zu verhalten?

Dhont: Es war ein langer Prozess, bis wir dort angekamen. Wir haben in den sechs Monaten zwischen Casting und Dreh sehr viel Zeit miteinander verbracht, waren am Meer, haben zusammen gekocht, aber nie geprobt. Ich habe meine Darsteller gebeten, das Drehbuch nur einmal zu lesen, damit sie es nicht wörtlich auswendig lernen, und dann habe ich mit den Jungs einfach über ihre Charaktere gesprochen. Sie sind dann zu Forschern geworden, die ihre Rollen in ihren eigenen Worten zur Gänze erfassen wollten. Und dazu haben wir sehr früh die Kamera geholt, die einfach mitgedreht hat. Dadurch wurde es für sie ganz natürlich, dass da eine Kamera mit dabei ist und sie sich nicht verändern müssen, wenn sie läuft.

Frage: War es schwieriger für Sie, Ihren Zweitling anzugehen, oder hat Sie ihr Debüt "Girl" vor größere Herausforderungen gestellt?

Dhont: Ich bin so glücklich, dass ich nie wieder einen zweiten Film machen muss! Ich hoffe, dass ich das nach dem dritten nicht auch sage. (lacht) Ich war so unsicher - viel schlimmer als bei meinem Debüt. Vielleicht romantisiere ich das im Nachhinein auch, aber bei "Girl" war ich viel naiver, bin so auf einer Welle geschwommen. Aber bei "Close" habe ich das Ganze immer von außen betrachtet, nicht von innen gedacht. Das zu ändern, hat mich viele schlaflose Nächte und viele Spaziergänge mit meiner Familie gekostet.

Frage: "Close" steht auf der Shortlist für den Auslandsoscar. Bedeutet Ihnen diese Ehre etwas?

Dhont: Ich habe meine Oscar-Dankesrede schon mit einer Shampooflasche geübt, als ich zwölf Jahre alt war. Ich bin da das volle Klischee, ich gebe es zu! Aber ich bin einfach mit dem US-Blockbusterkino aufgewachsen. Insofern: Der kleine Lukas tanzt innerlich gerade. (lacht)

(Das Gespräch führte unter anderen Martin Fichter-Wöß/APA)

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  • Der 31-jährige belgische Regisseur Lukas Dhont legt mit seinem Trauerporträt "Close" den vielleicht berührendsten Film des Jahres vor.