APA - Austria Presse Agentur

Burgtheater nach 307 Tagen mit Matinee wiedereröffnet

05. Sept 2021 · Lesedauer 5 min

Die neuen Sitze bieten tatsächlich mehr Beinfreiheit als früher, doch die aktuellen Anti-Corona-Regeln sind noch verbesserungswürdig: Das ist die Bilanz des ersten Lokalaugenscheins, den das Burgtheater am Sonntagmittag bei seiner Wiedereröffnung nach 307 Tagen und somit der längsten Schließzeit seiner Geschichte bot. Einsamer Höhepunkt der "Es geht um einen Augenblick" betitelten Matinee, an der auch der Bundespräsident teilnahm, war die Festrede der Autorin Nava Ebrahimi.

Burgtheater-Direktor Martin Kušej begrüßte zu der von Schlagzeugerin Michaela Brezovsky musikalisch begleiteten "kleinen Feierstunde", zu der das Ensemble des Hauses einen rund 50-köpfigen Rainald-Goetz-Chor und Musiker Oliver Welter zwei Lieder seines neuen "Winterreise"-Programms beisteuerten. Er freute sich, dass die Verbesserung der Frischluftzufuhr und die Erneuerung des "altehrwürdigen, aber bereits ein bisschen durchgesessenen Mobiliars" termingerecht abgeschlossen werden konnten und erinnerte an die letzte Vorstellung vor der zunächst coronabedingten Schließung, die Nacht des 2. November, bei der nach der Terrorattacke die Zuschauerinnen und Zuschauer noch lange verharren mussten, ehe die Polizei für eine sichere Heimkehr garantieren konnte. Es sei einer der wichtigsten Abende seines Lebens gewesen, das Burgtheater habe sich dabei als Schutz- und Zufluchtsraum bewährt. "Es war weniger ein Raum der Angst und des Schreckens, so habe ich das damals erlebt, als einer der Gemeinsamkeit, der Zuversicht und der Solidarität."

Am gleichen Tag hätten Terroristen in der Universität von Kabul 19 Menschen getötet - woran eine Installation aus Kerzen am Desider-Friedmann-Platz erinnert habe: "Kabul Wien". "Auch heute sind wir gefordert, die Namen dieser zwei Städte wieder in einem Atemzug zu nennen und das Leid nicht zu übersehen. Also schutzbedürftigen Menschen aus Afghanistan nach Kräften Zuflucht und Hilfe und Perspektive zu bieten, und zwar nicht nirgendwo, sondern bei uns, in Wien, in Österreich." Dafür gab es viel Applaus.

Darauf nahm auch Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi am Ende ihrer lange akklamierten Rede Bezug: "Spätestens, allerspätestens mit dem, was wir in Moria, an allen EU-Außengrenzen, was wir in Afghanistan zulassen, haben wir jeglichen Anspruch auf moralische oder gar zivilisatorische Überlegenheit verwirkt. Bitte schminken wir uns jede Form von Überheblichkeit ab." Davor hatte sich die in Teheran geborene, in Köln aufgewachsene und seit 2012 in Graz wohnende Autorin, die u.a. 2017 mit dem Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt ausgezeichnet wurde, ausführlich mit den Umständen ihrer Rede befasst, mit dem Verfassen während der Betreuung ihrer Kinder in neunwöchigen Sommerferien, aber auch mit den Gründen, denen sie diesen Auftrag wohl verdanke - etwa als Frau und Migrantin, die "dem Patriarchat, der Mehrheits-, nein, der Dominanzgesellschaft den Spiegel vorhalten" solle: "Mehr als zwei Jahrhunderte Burgtheater, Jahrhunderte weißer Männer, hier noch sehr lebendig, lasten auf mir und ich soll meine Rolle spielen, mich aber zugleich originell freischreiben, soll mich wegschreiben von den weißen Männern und damit auch irgendwie mithelfen, das Burgtheater hinzuschreiben auf einen neuen Weg."

Politisch habe sich nicht viel geändert, seit Navid Kermani vor 16 Jahren zum 50-Jahr-Jubiläum der Wiedereröffnung des Burgtheaters eine viel beachtete Rede gehalten habe, man müsste "nur ein paar Dinge ändern (...), zum Beispiel Straße von Gibraltar gegen Ägäis austauschen und so, oder nein, auch die Straße von Gibraltar bleibt ein Massengrab im Mittelmeer, es sind nur neue hinzugekommen, die Ägäis zum Beispiel." Hätte sie einfach die Rede von Kermani noch einmal gehalten, hätte es wohl "keine und keiner bemerkt, dass sie die Rede schon einmal gehört haben, sogar unsere Namen klingen zum Verwechseln ähnlich, das wäre das perfekte Verbrechen gewesen, das perfekte Verbrechen mit der Vergeblichkeit".

Und doch habe sich seither manches verändert und verschärft: "Kurz und Nehammer haben anscheinend jede Scham verloren, schüren mit ihren Aussagen Rassismus, absichtsvoll oder nicht macht im Ergebnis keinen Unterschied, sie erklären die Menschenrechtskonvention für hinfällig und damit das Recht auf Asyl zu einer Gnade. Die Botschaft, die bei vielen, vielen Menschen mit Migrationsgeschichte in Österreich ankommt, und auch bei mir, wenn ich in mich hineinhorche: Ihr habt es zwar hierhergeschafft, trotz aller Steine, die wir euch in den Weg gelegt haben, also bleibt halt, aber noch mehr von euch wollen wir nicht! No way! Da verkaufen wir lieber die Menschenrechte und alle Ideale der Aufklärung, derer wir uns sonst so gerne rühmen", sagte Nava Ebrahimi., die darauf hinwies, dass es "reiner Zufall" sei, dass sie heute Deutsch und "nicht Englisch oder Schwedisch oder Französisch spreche, ich hätte mir jede andere Sprache zu eigen gemacht für meine Zwecke".

Sie bitte um ein wenig Nachsicht, "wenn ich den Bogen hier überspanne, aber einmal muss ich das tun, einmal muss ich ausprobieren, wie weit ich gehen darf, damit ich bei der nächsten Rede Maß halten kann. Ich verlange gar nicht viel von Ihnen, und ich weiß, das ist das Burgtheater, hier gelten die strengsten Maßstäbe in Österreich, dennoch bitte ich Sie, mir gegenüber in etwa so großzügig zu sein wie gegenüber der österreichischen Politik, sich in Ihrem moralischen Urteil ebenso elastisch zu zeigen wie gegenüber österreichischen Politikerinnen und Politikern, mehr erwarte ich gar nicht." Auch dafür gab es Zwischenapplaus.

Apropos "strengste Maßstäbe": Burgtheater-Direktor Kušej bittet zu Saisonbeginn in einer Tonband-Durchsage vor Beginn der Vorstellungen das Publikum: "Lassen Sie sich impfen!" Es sei obligatorisch in den Häusern des Burgtheaters ein Mund-Nasen-Schutz zu tragen, man empfehle aber FFP2-Masken. Das 3-G-Regel-Kontrollsystem ist jedoch noch nicht ganz ausgereift: Beim Abholen der reservierten Karten wird man umständlich kontrolliert, danach jedoch ohne Nachweis der bereits erfolgten Kontrolle wieder hinausgeschickt, um beim entsprechend zugewiesenen Eingang erneut kontrolliert zu werden. Das können andere Bühnen mittlerweile besser.

Die erste Burgtheater-Vorstellung mit der neuen Bestuhlung findet am Sonntagabend statt und gilt der "Maria Stuart", die bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte. "Ich glaube, wir sehen uns dann wieder", entließ der Direktor die Matinee-Gäste in die Spätsommer-Sonne.

Quelle: Agenturen