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Bob Dylan schrieb 66 Essays über moderne Songs

04. Nov. 2022 · Lesedauer 4 min

Fans von Bob Dylan warten seit einer gefühlten Ewigkeit auf eine Fortsetzung seiner "Chronicles" (2004). Nun ist ein neues Buch des Literatur-Nobelpreisträgers erschienen, aber kein zweiter Teil seiner Lebenserinnerungen, sondern eine Analyse von 66 Liedern anderer Acts. In "Die Philosophie des modernen Songs" folgt der Künstler der Spur der populären Musik, beschreibt seine persönlichen Gefühle zu diesen Stücken und liefert spannendes Hintergrundwissen.

Eigentlich ist der Stoff keine Überraschung, hat Dylan doch in seiner von 2006 bis 2009 in den USA laufende Radiosendung "Theme Time Radio Hour" eine Unmenge an bekannten und obskuren Liedern präsentiert und dabei ein erstaunliches Fachwissen bewiesen. Die Spannbreite der ausgewählten Songs war enorm - wie auch in seinem neuen Buch. Dylan beschäftigt sich mit Kompositionen aus Pop, Country, Punk, Soul und Rock, geht aber bis in die amerikanische Klassik aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.

Die Reihenfolge ist nicht chronologisch, Kapitel 1 ist "Detroit City" gewidmet, einer Single von Bobby Bare aus dem Jahr 1963. Dylan beschreibt zunächst den Inhalt: "In diesem Song bis du der verlorene Sohn. (....) Dein Leben geht in die Binsen. Du bist in die große Stadt gekommen und hast Dinge über dich erfahren, die du nicht wissen wolltest, du warst zu lange auf der dunklen Seite." Dann liefert der 81-Jährige den Kontext, erzählt von Detroit und über den Interpreten, erklärt die Bedeutung des Liedes und warum es funktioniert. Nach diesem Schema ist das gesamte Buch aufgebaut.

Dylan bedient sich natürlich seiner eigenen Sprache, daher ist "Die Philosophie des modernen Songs" mehr als ein Sachbuch, nämlich auch ein literarischer Genuss. Da heißt es etwa über Elvis Costellos "Pump Me Up", das von Selbstbefriedigung handelt: "Der Song kommt auf glühenden Kohlen mit anzüglichen Blicken daher, mit himmlischer Propaganda und Verunglimpfung, die man sowieso nicht versteht." Über Jimmy Wages' "Take Me From This Garden Of Evil" schreibt Dylan: "Dies ist ein Garten der kommerziellen Habsucht, der sexuellen Gier, der willkürlichen Grausamkeit und des alltäglichen Irrsinns. Hypnotisierte Massen und unverbesserliche Arschlöcher, der Sänger möchte davon erlöst werden, wer will das nicht?"

Dylan-Fanatiker bekommen einen weiteren Einblick über seine Einflüsse - und wo der Künstler seine, sagen wir mal "Anregungen" für eigene Songs bekommen hat. Für Nicht-Fanatiker ist es ein Songbook zum Schmökern und Entdecken. Die Analysen sind ebenso sachlich fundiert wie persönlich gehalten, das Panoptikum reicht von "Tutti Frutti" über "Black Magic Woman" bis zu "London Calling". Der Autor ist in dieser Sammlung an Essays bisweilen philosophisch, dann wieder witzig, manchmal mysteriös oder lakonisch, bei Bedarf direkt: "Wir fluchen alle über die vorangegangene Generation, wissen aber, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir uns selbst in sie verwandeln" (Gedanken zu "My Generation" von The Who).

Angereichert ist das Buch mit vielen Fotos, allesamt mit Bedacht ausgewählt - das erwähnte "Take Me From This Garden Of Evil" wird etwa von einem Ausschnitt aus dem "Höllen"-Mosaik von Coppo di Marcovaldo, einer orgiastisch anmutenden Inszenierung der Rolling Stones aus der "Beggars Banquet"-Fotosession und dem Filmplakat von "Garden Of Evil" umrahmt. Letztendlich lernt man auch einiges über Bob Dylan: "Das Gute am Unterwegssein ist, dass man sich nicht verzettelt. Nicht einmal mit schlechten Nachrichten. Du bereitest anderen Menschen Vergnügen und behältst deinen Kummer für dich", heißt es zu "On The Road Again" (Willie Nelson) - könnte sich aber auch auf Dylans "Never Ending Tour" beziehen.

(S E R V I C E - Bob Dylan: "Die Philosophie des modernen Songs", aus dem Amerikanischen von Conny Lösch, C.H. Beck, 352 Seiten, 37 Euro)

Quelle: Agenturen