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Blödeln am "Zentralfriedhof": Burgtheater-Abschiedspremiere

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Die einen verfolgten 80 Minuten lang mit Leichenmiene das Geschehen, die anderen lachten sich fast zu Tode: Im Zuschauerraum des Burgtheaters schieden sich am Freitag schon lange vor der Geisterstunde die Geister. Regisseur Herbert Fritsch trug bei "Zentralfriedhof", der Abschiedspremiere der Direktion Martin Kušejs, das Burgtheater zu Grabe. Am Ende hieß es nicht mit Wolfgang Ambros "Es lebe der Zentralfriedhof", sondern mit einer Würstelstandaufschrift: "Eh scho wuascht."

Die Wiener sind bekanntlich stolz darauf, dass der Zentralfriedhof zwar nur halb so groß wie Zürich, dafür aber doppelt so lustig sein soll. Viel zu lachen gibt es auch bei dieser textlosen Eigenentwicklung des in Berlin lebenden Spezialisten der leichten Muse, der im Vorjahr am Burgtheater Ferdinand Raimunds "Die gefesselte Phantasie" entfesselte - vorausgesetzt, man kann sich über Totengräber und ihre Hosenträger amüsieren, die sich zu einer Laokoon-Gruppe verheddern, über Fahrrad-Ballette und Faxen mit Schaufeln.

Fritsch schenkt Hans Dieter Knebel eine sehr schöne, poetische Eröffnungschoreografie und leitet danach eine insgesamt elfköpfige Totengräberschar (darunter Sabine Haupt, Dorothee Hartinger, Paul Wolff-Plottegg und Arthur Klemt) zunächst zum gemeinsamen Blödeln, danach zum gemeinsamen Erschrecken an. Beides nicht gerade die typischen Neigungen eines Berufsstands, dem der Tod Teil des Lebens ist und der daher gewohnt ist, ihm nüchtern und abgeklärt gegenüberzutreten. Ein Totentanz mit einem großen Skelett, Gräber, aus denen die Toten emporwachsen und eine Sprunggrube für die ständige Wiedergeburt (Trampolinchoreografie und Breakdanceeinlagen: Yahya Micah James) verbinden Gruselkabinett und Geisterbahn.

Mit einem "Hallo Wien - Halloween"-Chor schließt man kurzzeitig an den Volkstheater-Abend "Heit bin e ned munta wuan" an, bei dem mit Texten der Wiener Gruppe eine "Liebeserklärung an den Tod" zelebriert wird. Am Burgtheater fehlt jedoch nicht nur dessen morbide Poesie, sondern auch das typisch Wienerische. Dieser "Zentralfriedhof" könnte auch in Hamburg-Ohlsdorf zu finden sein (wo der flächenmäßig größte Friedhof Europas liegt).

Dass ein Abend, der sich mit einem Friedhof beschäftigt, so wenig in die Tiefe geht und so sehr an der Oberfläche bleibt, wäre ja schon wieder komisch - wenn das Treiben auf der Bühne nicht überwiegend kindisch wäre. So schließt der Abend mit einem Blinde-Kuh-Spiel, bei denen die Augen der Totengräber mit bunten Tüchern bedeckt sind und schwarz gewandete Wachmänner Sorge tragen, dass sie dabei nicht von der Bühne fallen. Und der Sinn dahinter? "Eh scho wuascht."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Zentralfriedhof", Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Helmi, Elena Kreuzberger und Maria-Lena Poindl. Mit: Gunther Eckes, Sabine Haupt, Dorothee Hartinger, Yahya Micah James, Arthur Klemt, Hans Dieter Knebel, Elisa Plüss, Dunja Sowinetz, Tilman Tuppy, Hubert Wild und Paul Wolff-Plottegg. Uraufführung am Burgtheater. Nächste Vorstellungen: 22. und 27. April sowie 1., 26. und 31. Mai; www.burgtheater.at)

ribbon Zusammenfassung
  • 'Zentralfriedhof', die Abschiedspremiere der Direktion Martin Kušejs im Burgtheater, sorgt mit einer textlosen Inszenierung von Herbert Fritsch für geteilte Meinungen unter den Zuschauern.
  • Die humorvolle Darstellung des Todes durch eine elfköpfige Totengräberschar bleibt an der Oberfläche und verzichtet auf die für Wien typische morbide Poesie.
  • Die Inszenierung endet mit einem Blinde-Kuh-Spiel, wodurch die leichte Herangehensweise an das Thema Tod unterstrichen wird; das Stück könnte damit in jeder Stadt spielen.

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