APA - Austria Presse Agentur

Berliner Humboldt Forum eröffnet: Schloss oder Shoppingmall

20. Juli 2021 · Lesedauer 3 min

Mit dem Humboldt Forum in Berlin ist am Dienstag eines der international ambitioniertesten Kulturprojekte eröffnet worden. Das für 680 Millionen Euro errichtete Zentrum für Kultur, Kunst und Wissenschaft startet zunächst mit sechs Ausstellungen und einem umfassenden Eröffnungsprogramm. In den ersten 100 Tagen ist der Eintritt frei. Im September folgt der nächste Öffnungsschritt, in der ersten Hälfte 2022 soll das ganze Humboldt Forum im Zentrum Berlins offen stehen.

Die Außenfassade des Stadtschlosses der Hohenzollern wurde großteils wieder hergestellt. Eine Fassadenseite sowie die modernen Teile der Hofseiten hat der italienische Architekt Franco Stella mit ebenso glatten wie einförmigen Betonflächen gestaltet. Sollte es die Corona-Situation wieder zulassen, können täglich rund 10.000 Besucherinnen und Besucher statt aktuell etwa 2.400 ins Humboldt Forum geschleust werden. Die dafür notwendige Infrastruktur mit großen Eingängen, weiten Räumen, breiten Gängen und, ja, Rolltreppen hat schon häufig die Assoziation einer Shoppingmall hervorgerufen.

Zur Eröffnung sprach die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) von einer "Arena der demokratischen Streitkultur", in der "die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte bald eine zentrale Rolle spielen" werde. Generalintendant Hartmut Dorgerloh will einen "Austragungsort gesellschaftlicher Debatten und Konflikte", an dem Menschen Dinge in Bewegung setzen und grundlegende Verständigungsprozesse anstoßen.

Die Kolonialismusdebatte wird durch die Rekonstruktion befördert. In der Zeit der Hohenzollern wurde das Deutsche Reich zur Kolonialmacht. Im heutigen Namibia wurden unter deutschem Befehl etwa 75.000 Herero und Nama getötet. Auf dem Dach des Forums findet sich wieder, was die Hohenzollern während der Revolution 1848 nachträglich auf den Schlossbau setzten, um die Monarchie gegen demokratische Bestrebungen zu verteidigen: Kreuz und Kuppel mit einem weithin sichtbaren Bibelspruch, der die Unterwerfung aller Menschen unter das Christentum fordert. Unter solchen Zeichen soll nun im Humboldt Forum mit Vertretern aus den betroffenen Herkunftsstaaten der Kolonialismus aufgearbeitet werden.

Um den Ort wird seit fast drei Jahrzehnten gestritten. Hier wuchs aus einer Sumpfwiese ein Stadtteil, Dominikaner errichteten ein Kloster, erst gab es ein Renaissance-, dann das Barockschloss. Die DDR-Oberen sprengten 1950 die Schlossruine, das wiedervereinigte Deutschland entsorgte den asbestverseuchten Palast der Republik.

Für die nun vollendete Bebauung sammelten Schlossfans rund 100 Millionen Euro. Stella baute damit barocke Fassaden an drei Außenseiten, im großen Schlüterhof sowie dem Portalteil des Foyers. Zwischen den Insignien preußischer Macht wie Kronen und Adler sind vereinzelt dunklere Stellen im Stein zu finden - die wenigen originalen Überreste des alten Schlossbaus.

Im 40.000 Quadratmeter umfassenden Gebäude birgt auch die Konstruktion des Humboldt Forums mit vier Institutionen weiter Zündstoff. Dorgerloh ist als Chef der Dachkonstruktion der Stiftung Humboldt Forum vor allem für Sonderausstellungen und Veranstaltungen zuständig. Daneben agieren weitgehend unabhängig zwei Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Land Berlin und die Humboldt-Universität. Gezeigt werden Exponate aus Asien, Afrika, Amerika, Ozeanien und Berlin.

Nach zunächst bau-, dann coronabedingt mehrfach verschobener Eröffnung und einem digitalen Vorspiel im Dezember werden die Türen in drei Etappen aufgesperrt. Zunächst warten im historischen Keller, im Erdgeschoß und in der ersten von drei Etagen sechs Ausstellungen, für die ersten 100 Tage alles ohne Eintritt. Neben der Sonderausstellung "schrecklich schön. Elefant - Mensch - Elfenbein" gibt es fünf weitere Präsentationen: "Nach der Natur" im Bereich der Humboldt-Universität, die "Berlin Global"-Ausstellung von Stadtmuseum und Kulturprojekte Berlin, "Nimm Platz!" als Ausstellung für Kinder, die "Geschichte des Ortes" zur wechselhaften Historie an dieser Stelle der Stadt und schließlich "Einblicke. Die Brüder Humboldt" zu Wirken und Schaffen der Namensgeber Alexander (1769-1859) und Wilhelm (1767-1835) von Humboldt.

Quelle: Agenturen