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Berlin, Bagdad: "Der Erinnerungsfälscher" von Abbas Khider

25. Jan. 2022 · Lesedauer 3 min

Es wäre komisch, wenn es nicht so tragisch wäre. Der Mann hat richtige Papiere. Er hat nur den falschen Namen. Wer als Deutscher Said Al-Wahid heißt, kann sicher sein, dass er sich nicht sicher fühlen darf. Als er eines Tages im ICE zwischen Mainz und Berlin den Anruf erhält, seine Mutter liege im Sterben, und daraufhin den nächsten Flug nach Bagdad bucht, steigen alle Erinnerungen wieder hoch. "Der Erinnerungsfälscher" ist ein kurzer, aber starker Roman von Abbas Khider.

Abbas Khider ist seit vielen Jahren ein Beispiel dafür, wie sehr die deutschsprachige Literatur durch Zugewanderte bereichert wird. 1973 in Bagdad geboren, wurde er als Jugendlicher aus politischen Gründen verhaftet und in einem Foltergefängnis inhaftiert. 1996 floh er aus dem Irak. Seit 2000 lebt er in Deutschland, studierte Literatur und Philosophie und begann zu schreiben. Auf seinen Debütroman "Der falsche Inder" (2008) folgten u.a. die Romane "Die Orangen des Präsidenten" (2011), "Ohrfeige" (2016) und "Palast der Miserablen" (2020) sowie einige Auszeichnungen. "Der Erinnerungsfälscher" konfrontiert einen mit zwei sehr verschiedenen und doch absurden Realitäten: mit der deutschen Bürokratie und dem irakischen Alltag.

Said hat seinen mühsam erworbenen deutschen Reisepass überall dabei, fährt also nach dem Anruf von einem Podiumsgespräch gar nicht erst nach Hause, sondern schnurstraks zum Frankfurter Flughafen. Und er hat viel Zeit sich zu erinnern: an die Kindheit im Irak, an die gefährliche Flucht, an das lange, zermürbende Asylverfahren und den Kampf um Anerkennung. An den Abschiebe-Bescheid nach Sturz des Saddam-Regimes und seine Taktik, alle seine Ersparnisse zu investieren und sich bei der Berufung an eine teure, renommierte Münchner Anwaltskanzlei zu wenden: "Es war besser, wenn die weißen Inländer solche Angelegenheiten unter sich erledigten. Wohnungssuche, Termine aller Art, Formalitäten sollte jemand wie Said nie allein angehen. Das war das Terrain der Einheimischen." Seine Entscheidung sollte er, mittlerweile mit Monica zusammen und Vater eines kleinen Sohnes, nie bereuen.

Autor wurde Said, um seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Die großen, verdrängten Lücken seines Erlebens können auf diese Weise durch Erfindungen aufgefüllt werden und beginnen, die Wunden zu schließen. Denn das, an was er sich erinnert, ist schmerzhaft genug. Sein eigener Vater war hingerichtet worden, als er acht Jahre alt war. Von seiner Mutter hatte Said nach seiner Flucht neun Jahre lang nichts gehört. Nun kommt er zu spät. Sein Bruder Hakim holt ihn am Flughafen ab - und muss berichten, dass ihre Mutter von wenigen Stunden gestorben sei.

Auch die Wiederbegegnung mit seiner Heimatstadt und seiner Familie ist schmerzlich. Die Trümmer seiner Erinnerung vermengen sich mit den Ruinen der zerstörten Stadt, in der neue Gerüchte die Runde machen. Der IS ist im Vormarsch. Der Flughafen könnte schon bald wieder geschlossen werden. Nach dem Trauertag möge Said so rasch wie möglich wieder abhauen, fleht seine Schwägerin.

Das Buch schließt mit einem Dialog von Said mit seinem Sohn Ilias kurz vor dessen siebenten Geburtstag. "Du hast mir versprochen, wenn ich sieben Jahre alt werde, fliegen wir nach Bagdad." - "Habe ich das?" - "Ja. Papa?" - "Ja?" - "Und? Fliegen wir bald nach Bagdad?" Für eine befriedigende Antwort wird sich der "Erinnerungsfälscher" wohl eine ganz besonders gute Geschichte einfallen lassen müssen.

(S E R V I C E - Abbas Khider: "Der Erinnerungsfälscher", Hanser Verlag, 128 Seiten, 19,60 Euro)

Quelle: Agenturen