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Begehren und Abscheu: Neuer Roman von Bret Easton Ellis

16. Jan. 2023 · Lesedauer 5 min

Teenager, Drogen, Sex, Mord: Bret Easton Ellis bleibt mit seinem jüngsten Buch "The Shards" seinen Themen treu und in den Achtzigern verhaftet. Mal als Roman, mal als Biografie hat es der provokante Schriftsteller angekündigt. In der Ich-Form schreibt Ellis über einen "düsteren Tunnel", den er "als Siebzehnjähriger durchquerte". Über mehr als 700 Seiten führt der Autor Selbstgespräche, die einem durchaus den Nerv ziehen können, angereichert mit expliziter Gewalt.

"Dies ist ein fiktionales Werk, die Figuren, Ereignisse und Vorfälle entspringen der Vorstellungskraft des Autors. Abgesehen vom Autor selbst", hat Ellis am Ende der Geschichte vermerkt, die er 1981 - in seinem letzten Jahr an einer weiterführenden Schule - angesiedelt hat. Der heute 58-Jährige arbeitet da schon an seinem ersten Roman "Unter Null", der ihm den weltweiten Durchbruch bringen sollte und bei vielen Fans als sein nach wie vor bestes Werk gilt.

"The Shards" ist eine Art Selbstreflexion, ein therapeutisches Gespräch zwischen dem Schüler Ellis und dem Autor Ellis, ein schizophrener Bericht zwischen Fakt und Fiktion: "Du hörst Dinge, die gar nicht da sind", so der Erzähler an einer Stelle zu sich selbst. Im selben Atemzug zitiert er sein Alter Ego: "Doch da sei ich mir nicht mehr so sicher, sagte der Autor." Dieser war 1981 ein Teenager und wie seine Freunde "mit Sex und Popmusik" beschäftigt, "mit Filmen und Prominenten, mit Lust und kurzlebigen Phänomenen" und der "eigenen neutralen Unschuld".

Sie hören Pop ("Vienna" von Ultravox zieht sich als ein Hauptmotiv durch die Geschichte: "The feeling has gone, schrie der Sänger heraus. It means nothing to me. This means nothing to me."), nehmen Drogen, haben Sex und legen Wert auf ihr Aussehen. Wie in früheren Romanen schreibt Ellis sehr ausführlich über Kleidung und Style ("... maßgeschneiderte graue Hose, in den Hosenbund gestecktes weißes Button-down-Hemd von Armani mit dem winzigen Adler-Logo auf der Brust, Gucci-Gürtel, gestreifte Krawatte, weinrote Pennyloafer ...").

Der homosexuelle Erzähler befindet sich in einer Beziehung mit einer Mitschülerin, geht mit Schulkollegen fremd, wird vom Vater seiner Freundin missbraucht und beschreibt Sex bisweilen derb und explizit pornografisch. Gleichermaßen angezogen und abgestoßen fühlt er sich von Robert, einem neuen Mitschüler mit Geheimnis. Ellis, der Erzähler, sieht einen Zusammenhang zwischen Robert und einem Serienmörder, Trawler genannt, und einer mysteriösen Sekte mit dem nicht weniger klischeehaften Namen Riders of the Afterlife. Zunehmend verfällt er in Wahn und Ängste.

Er habe sich damals in einer Joan-Didion-Phase befunden, lässt Ellis in "The Shards" wissen und verhehlt seine Einflüsse nicht. Und er sei besessen von Stephen King gewesen. Dessen "Shining" bezeichnet er als einen der Romane, die in ihm den Wunsch weckten, Schriftsteller zu werden. Ganz nach dem Vorbild von Kings Page-Turner deutet Ellis in seinem Wälzer immer wieder düstere Ereignisse an, die lange auf sich warten lassen. Ellis gewährt sich viel Platz, Belanglosigkeiten ausführlich zu schildern - wie das Dekorieren eines Umzugswagens oder die Wegstrecke einer Autofahrt. Oder wenn er schlussfolgert, dass jemand auf der Toilette war, weil er nach Seife riecht. Sehr langsam führt das in eine immer wahnwitzigere Paranoia.

"The Shards" erweckt den Eindruck einer Mischung aus Ellis' bisherigem Schaffen, es ist so was wie ein Buch für Fans. Mit "Unter Null" und vor allem "American Psycho" schockte der Autor und sorgte für ein literarisches Erdbeben. Mit Wiederholung ("Unter Null" 2.0 mit Sex & Crime aus "American Psycho") stellt sich hier ein Gewöhnungseffekt ein, auch wenn "The Shards" sicher Ellis' bestes Werk seit längerem und eine Rückkehr zur Form ist. Manchmal gelingt es dem Schriftsteller immer noch extrem zu verstören, weniger durch die grafische Beschreibung von brutaler Gewalt (die in "The Shards" aufgesetzt wirkt oder wirken soll), als durch irritierende Handlungen (wie das Entwenden der Unterhose eines Mordopfers aus dessen Kasten) oder verstörende Gedanken ("ich stelle mir vor, wie ich an seiner Achselhöhle leckte", sinniert der Erzähler angesichts eines möglichen Folterers und Mörders).

"Begierde und Abscheu" empfindet Ellis, die Figur im Buch, und darum dreht sich der gesamte Roman. Die Paranoia, die den Protagonisten heimsucht, versteht Ellis, der Autor, perfekt aufs Papier zu bringen. Es wird nie ganz klar, wo die Realität der Fiktion weicht - und umgekehrt: "Das war das Letzte, was ich tun wollte", sagt der Erzähler in einer dramatischen Szene, "aber es war, wie mir bewusst wurde, auch Teil eines Plans, den ich zu entwerfen begann, einer neuen Geschichte, die ich schreiben wollte." Dieses Spiel aus Sein und Schein verstand Ellis bereits mit "American Psycho" bestens zu zelebrieren.

Eine Attacke gegen die politische Korrektheit hat der US-Schriftsteller zuletzt abgeliefert ("Weiß", 2019). Nur logisch, dass er sich in "The Shards" nicht selbst zensuriert. Den Schrecken von "American Psycho" zu überbieten, das gelingt ihm freilich nicht. Trotz einer pornografischen Horror-Love-Story, den Drogen und allerlei Grauslichkeiten wirkt der Roman ermüdend und bisweilen an der Grenze zur Parodie - aber vielleicht ist es genau das, womit Ellis zu provozieren beabsichtigt. Wollte Ellis seine Gefühle als missbrauchter homosexueller Schüler in einer Zeit, als Outings ein absolutes No-Go waren, seine Gefühle von Entfremdung und der zunehmenden Last einer Lebenslüge offenbaren, wäre das ohne Gemetzel wohl kein Ellis-Roman geworden. Ob der lange, fiebrige Drogen-Psycho-Alptraum im klassischen Ellis-Stil mit den typischen Ellis-Zutaten Sex, Drugs, Crime und einer Playlist der Achtziger tatsächlich ein "Meisterwerk" ist, darf hinterfragt werden.

(S E R V I C E - Bret Easton Ellis: "The Shards", aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 736 Seiten, 29,50 Euro)

Quelle: Agenturen