APA - Austria Presse Agentur

Barock mit Drehmoment: Lauwers' "Poppea" an der Staatsoper

23. Mai 2021 · Lesedauer 4 min

Der Drehtanz beginnt stets kraftvoll, schnell, nimmt gleichsam die ganze Staatsoper als Schwungmasse. Wieder und wieder wird man Zeuge der Ermüdung, der Verlangsamung, bis endlich - mit einer Umarmung - die Ablöse kommt und der nächste Derwisch den Dienst antritt. Ein drehender Körper steht im Zentrum der Bühne von Jan Lauwers' "L'Incoronazione di Poppea", die gestern, Samstag, ihre Wiener Premiere am Ring feierte. Ein Barock-Abend, wie er dem großen Haus gebührt.

Dieser Monteverdi ist ein körperliches Ereignis: Lustvoll und brutal, im Kampf, im Tanz, beim Sex und beim Mord. Die blutrünstige, wollüstige Geschichte rund um Kaiser Nero und seine Geliebte Poppea, die er zu seiner Frau machen möchte, hat der belgische Theatermacher und Choreograf bereits 2018 für die Salzburger Festspiele zu seiner ersten Operninszenierung gemacht. Dass die Koproduktion ihre Stärken als erste Premiere nach dem Lockdown an der Staatsoper noch mehr ausspielen würde, konnte man da noch nicht ahnen. Der Kult der Berührung, des intimen Menschenknäuels, mit dem Lauwers' Tänzerinnen und Tänzer das Geschehen umrunden, kommentieren, verstärken, beleben, ist ein heilsames, schockartiges Antidot zu "Social Distancing".

Angesteckt wird man in diesem alten Rom freilich nicht mit Corona, sondern mit moralischer Korruption, mit einer Vergötterung und Vergoldung niedrigster Beweggründe, die in ungerechten Machtstrukturen immer wildere Blüten treibt. Monteverdi treibt selbst sein Spiel mit den Lauschenden, wenn er den Rücksichtslosen zu den schönsten Melodien, den süßesten Liebesduetten, den ausgelassensten Tanzrhythmen verhilft. Für die Staatsoper wurde zudem musikalisch an einigen Stellschrauben gedreht: Statt den kammermusikalisch werkenden Arts Florissants in Salzburg hat man den Concentus Musicus für ein - spätes! - Debüt an den Ring geholt und in großer Besetzung unter Pablo Heras-Casado für überbordende barocke Prachtmomente gesorgt.

Prachtvoll auch der Strauß der Stimmen: Kate Lindsey - als bedrohlich durchgeknallter Nerone bereits in Salzburg gewaltig, diesmal noch durchtriebener - sorgt mit dem satten, vielschattierten Farbspektrum ihres Mezzo für die unwiderstehliche Ambivalenz ihrer Figur. Mit Slavka Zamecnikova, die seit der Direktion Roscic teil des Ensembles ist, ist - durch die Coronakrise bisher weitgehend unbeachtet - ein Stern am Wiener Opernhimmel aufgegangen, der wohl noch große internationale Leuchtkraft entwickeln wird. Ihre erste Hauptrolle am Haus als Poppea geht über vor Spielfreude und Bühnenpräsenz, mit ihrem luxuriösen Sopran, hell, nobel und mühelos, aber auch in ihrem Äußeren, erinnert sie wohl manche an eine junge Netrebko.

Mit Vera-Lotte Boecker präsentierte sich ein weiteres junges Ensemblemitglied als Drusilla sehr ansprechend dem ersten Live-Publikum, ebenso der Tenor Daniel Jenz sowie fünf Mitglieder des Opernstudios, unter denen Isabel Signoret als Amor und Valletto hervorstach. Countertenor Xavier Sabata feierte ein intensives Hausdebüt als Ottone, Willard White als Seneca und Christina Bock als Ottavia. Gemeinsam mit den Tänzerinnen und Tänzern von Lauwers' Needcompany entsteht ein nahtloses Ensemble, ein lebendiger Organismus mit einem rotierenden Herzschlag in Form des pausenlosen Drehens in der Mitte.

Versprühte Jan Lauwers' performativer Monteverdi in Salzburg noch gewagte Studioatmosphäre, und entlockte dem Festspielpublikum den einen oder anderen empörten Buhruf, so ist die neue Einstudierung im Haus am Ring bereits mit großer Erfolgsgewissheit angekommen. Von einem - coronabedingt - nur halbvollen Auditorium war im üppigen Schlussjubel jedenfalls nichts zu merken.

(S E R V I C E - "L'incoronazione di Poppea" von Claudio Monteverdi. Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado, Regie: Jan Lauwers. Mit Kate Lindsey, Slavka Zamecnikova, Xavier Sabata, Christina Bock, Willard White, Vera-Lotte Boecker, Daniel Jenz, Thomas Ebenstein; Needcompany - Solotänzer: Sarah Lutz, Camilo Mejia Cortes. Concentus Musicus Wien. Weitere Vorstellungen am 28. und 31. Mai, 3. und 8. Juni. www.wiener-staatsoper.at)

Quelle: Agenturen