Barbie trifft auf Jelinek: Heftiges Mashup im Off Theater
Mit Sophie Resch hat erstmals ein Ensemblemitglied bei einem Mashup Regie geführt, während der künstlerische Leiter Ernst Kurt Weigel lediglich als Spieler in Erscheinung tritt. Der gemeinsam mit dem Ensemble entwickelte Text bedient sich - sehr frei - Motiven aus Elfriede Jelineks 1979 beim steirischen herbst uraufgeführter Ibsen-Fortschreibung "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften" und Greta Gerwigs vielfach Oscar- und Golden Globes-nominiertem Blockbuster "Barbie" aus dem Jahr 2023. Entstanden ist quietschpinker, schriller Abend, der sich stets selbst auf die Schaufel nimmt, am Ende aber eine ernüchternde Bilanz zieht: Feminismus ist im 21. Jahrhundert längst zur Ware geworden.
Am Anfang begegnen wir Babsie, die gemeinsam mit ihrem Nice-Ken den erfolgreichen pop-feministischen Instagram-Kanal "Babsieland" betreibt. Das tun die beiden freilich aus ihrem sorglosen Alltag im siebenten Wiener Gemeindebezirk heraus. Während Christian Kohlhofer als wasserstoffblonder Ryan Gosling-Verschnitt kaum einen ganzen Satz sprechen darf und lediglich als Kameramann für Babsies Reels fungiert, kennt Rina Juniku als Babsie kein Halten, wenn es um pseudo-feministischen Sprechdurchfall geht. Bemerkenswert ist dabei nicht nur ihre, jegliche Selbstachtung fahren lassende Inkarnation einer peinlichen Tussi, sondern auch das konsequente Barfuß-Gehen auf den Fußballen. Doch als ihr eines Tages ein nicht näher genanntes Buch von Elfriede Jelinek in die Hände fällt (oder besser: es schwebt mit einem Spot beleuchtet eindrucksvoll aus dem Schnürboden), ändert sich alles.
Babsie beschließt, aus ihrer heilen Welt des intersektionalen Pop-Feminismus auszubrechen und sich in die Niederungen der prekären Arbeitsrealität von Frauen begeben, um ihre Aufklärungsmission in einer Ottakringer "HofHER"-Filiale fortzusetzen. Dort trifft sie unter den ausgebeuteten Frauen auf die dauer-gebärende Weird-Babs (Yvonne Brandstetter beeindruckt mit performativen Einlagen), die verblendete Tradwife-Babs (unverbrüchlich naiv: Ylva Maj) und die durchaus mit feministischer Literatur vertraute Eva Babs (kämpferisch: Leonie Wahl). Bald muss Babsie feststellen, dass sie mit ihrem Bling-Bling-Feminismus im stressigen Alltag einer Kassierin keine Meter macht und tappt schließlich mit dem Auftritt von Superprolo-Ken (heftig derb: Weigel) in die ewige Falle von weiblicher Abhängigkeit im kapitalistisch geprägten Patriarchat.
Barbie-Masturbationen im verrauchten Pausenraum
Es ist eine Freude - und bisweilen aufgrund des optischen und akustischen Tussi-Overflows auch anstrengend -, dem Ensemble dabei zuzusehen, wie die von Jelinek entlarvten Widersprüche feministischer Versprechen durchdekliniert werden. Garniert wird dieser 110-minütige, pausenlose Abend von schrägen Szenen wie etwa einer Oberschenkel-Geburt à la Florentina Holzinger oder einem Blick in den verrauchten Pausenraum, wo Männer nackte Barbies als Penis-Ersatz zur Masturbation verwenden (die Inszenierung ist ab 16 Jahren empfohlen) und anschließend auf die harte Tour von der zur Gleichbehandlungsbeauftragten aufgestiegenen Babsie lernen müssen, dass "Nein" auch wirklich "Nein" heißt. Was heißt das alles - nach der parallel laufenden, stark verkopften "Nora"-Dekonstruktion von Sivan Ben Yishai im Schauspielhaus Wien - für die Entscheidung, ob man sich diesem Abend aussetzen soll? Die Antwort ist ein klares: Ja! Soll man.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken...?", Mash-up des bernhard.ensembles, inspiriert von Elfriede Jelinek und Greta Gerwig. Regie: Sophie Resch, Dramaturgie: Sophie Resch und Ernst Kurt Weigel, Ausstattung: Eva Grün und Ernst Kurt Weigel, Kostüme: Julia Trybula. Mit Yvonne Brandstetter, Ylva Maj, Christian Kohlhofer, Rina Juniku, Leonie Wahl und Ernst Kurt Weigel. Weitere Termine: 20., 21., 24., 27. und 28 März, am 7., 11., 14., 17., 18., 21., 25. und 28. April sowie am 5., 8. und 9 Mai, jeweils 20 Uhr. Ab 16 Jahren. www.bernhard-ensemble.at )
Zusammenfassung
- Das bernhard.ensemble zeigt im Off Theater das 110-minütige Mashup "Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken...?", das Motive aus Jelineks "Nora"-Fortschreibung von 1979 und Gerwigs "Barbie"-Blockbuster von 2023 verbindet.
- Die schrille Inszenierung, empfohlen ab 16 Jahren und an mehreren Terminen im März, April und Mai zu sehen, zieht eine ernüchternde Bilanz: Feminismus ist im 21. Jahrhundert zur Ware geworden.
