APA - Austria Presse Agentur

Bachmann-Preis: Introspektion und zwei Favoritinnen

Juni 20, 2020 · Lesedauer 8 min

Heuer war alles anders: Zunächst von einer coronabedingten Absage bedroht, gingen die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur schließlich in einer digitalen Version über die Bühne. Den vorab aufgezeichneten Autorenlesungen folgten virtuelle Live-Diskussionen der Jury, während Christian Ankowitsch mit dem Justitiar Andreas Sourij im Klagenfurter ORF-Zentrum die Stellung hielt.

Auf dem Vorplatz im Garten weilten Julya Rabinowich und Heinz Sichrovsky, die in den Pausen als Bachmann-Preis-Kommentatoren auftraten. Wer jedoch geglaubt hat, dass die Autoren durch die räumliche Distanz von der Jury weniger hart kritisiert werden könnten, wurde eines Besseren belehrt. Vor allem Neuzugang Philipp Tingler war nicht selten anderer Meinung als seine Kollegen, heftige Wortgefechte auf der Metaebene waren die Folge. So stand denn auch die Literaturkritik selbst immer wieder im Fokus. Chancen auf einen Platz auf der Shortlist, aus der am Sonntag die Preisträger gewählt werden, haben vor allem die Österreicherin Laura Freudenthaler, die 80-jährige Helga Schubert und - mit Außenseiterchancen - Egon Christian Leitner. Auch der Text von Katja Schönherr gefiel der Jury, Klaus Kastberger lobte ihn als "lustigsten Text des heurigen Bewerbs".

Den Auftakt bildete jedoch am Mittwochabend die "Klagenfurter Rede zur Literatur" von Sharon Dodua Otoo, der Bachmann-Preisträgerin von 2016. "Dürfen Schwarze Blumen Malen?" nannte die 1972 in London geborene und in Berlin lebende Autorin ihr Rede, in der sie vor allem die in Deutschland geführte Debatte um den kamerunischen Historiker und Philosophen Achille Mbembe thematisierte, dem Antisemitismus und Holocaustrelativierung vorgeworfen werden. Neben Schwarzen Autorinnen und Autoren zitierte sie auch Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison: "I'm writing for Black people... I don't have to apologise."

Der erste Lesetag am Donnerstag zeigte vor allem, was der Kritik nicht gefiel. Eine erste Favoritin gab es erst am Freitagvormittag mit der ältesten diesjährigen Teilnehmerin, der 80-jährigen Helga Schubert. "Vom Aufstehen" heißt der sich mit der Mutter der Erzählerin auseinandersetzende Text, der auf helle Begeisterung stieß: "Ich liebe Sie", sprach Tingler die Autorin direkt an. Kastberger fand den Text zwar "manchmal klischeehaft", zeigte sich aber "insgesamt sehr beeindruckt". Michael Wiederstein und Nora Gomringer formulierten manche Einwände, während Brigitte Schwens-Harrant und Einladerin Insa Wilke viele lobende Worte fanden.

Zu einer der Favoritinnen zählt auch die 1984 in Salzburg geborene und in Wien lebende Autorin Laura Freudenthaler ("Die Königin schweigt", "Geistergeschichte") mit ihrem Text "Der heißeste Sommer". Ihre Erzählerin beobachtet mit mysteriösen, blutigen Lippen das Aufkommen einer Feldmaus-Plage in einem Dorf sowie das langsame Voranschreiten von Erdfeuern, die aufgrund der Trockenheit um sich greifen. Schnell wurde deutlich, dass sich Freudenthaler damit an die Spitze der potenziellen Preisträgerinnen geschrieben hat. Wilke lobte die Nüchternheit, mit der Freudenthaler beschreibt, wie Dinge außer Kontrolle geraten: "Der Text hat eine unglaubliche Wucht." Für Kastberger war es heuer der erste Text, der an die Namensgeberin des Bachmann-Preises herankomme. Gäbe es eine Aktie, würde er "wetten, dass das eine der aufkommenden Kräfte der deutschsprachigen Literatur sein wird". Freudenthaler könnte "eine aus tausend sein, die bleiben wird".

Außenseiterchancen gibt es auch für "Immer im Krieg" des Grazers Egon Christian Leitner, der zu einer intensiven Jurydebatte führte. Wilke ortete "einen Eulenspiegelton" in den Geschichten, die Leitner mosaikartig und komplex zusammenfasse. "Ambivalent und komplex ist dieser Text überhaupt nicht, er ist total hermetisch", antwortete Tingler, der darin "ein Weltbild mit kategorischen Positionen von Gut und Böse" fand. Wiederstein nannte den Text gelungen, eben weil der Autor eine Haltung habe und sich in den Text integriere. Einen "radikalen Text", der sich mit der sozialen Wirklichkeit beschäftige, fand Kastberger, der Leitner eingeladen hatte. Ein "großer Wurf" war der Text auch für Gomringer. Der vor allem als Lyriker bekannte Levin Westermann zog in seinem an literarischen Zitaten reichen Text ebenfalls mehr Lob als Kritik auf sich. Tingler fühlte sich "in einem grotesken Sketch gefangen", Wiederstein sah im Erzähler einen "Bildungsbürger, der seinen Kanon ausbreitet". Für den einladenden Hubert Winkels war es ein "magischer Gesang, wo man keinen Inhalt verstehen muss", Gomringer lobte vor allem "die liturgische Art der Rezitation".

Die deutsche Autorin Katja Schönherr (Jahrgang 1982), die am Samstag las, wurde für eine "amüsante, einfache Geschichte" gelobt, für Kastberger war "Ziva" eine Allegorie auf das Wettlesen. Die Einfachheit missfiel allerdings Winkels, der sich an Satiren von Ephraim Kishon erinnert fühlte. "Der Text ist schnell komplett erschöpft und bescheiden in seinem Anspruch". Schwens-Harrant kritisierte die "sehr beschränkte Innensicht", insgesamt sei ihr der Text "zu deutlich". Wiederstein gefiel's: "Der Text ist eine Art Vexierspiel und er zeigt: Man kann klassisch erzählen und dennoch ein großes Geheimnis bis zum Ende bewahren."

Der erste Lesetag brachte am Donnerstag schließlich kaum Favoriten zutage. Den Anfang machte Jasmin Ramadan, die einen Auszug aus ihrem Roman "Ü" las, in dem sie mehrere miteinander verbundene Menschen charakterisierte. Allerdings blieb der einladende Juror Tingler mit seinem Lob ("Ein famoser Beitrag") ziemlich alleine. Wilke entdeckte eine "Parodie des Geschlechterkampfes", Kastberger fand den Text "recht simpel und mechanistisch", Winkels fand ihn "sehr wenig durchdacht" und "grotesk falsch". "Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere" hieß der Text von Lisa Krusche, in dem eine junge Frau in einer offenbar nahen, dystopischen Zukunft zeigt. Wilke zeigte sich "beeindruckt vom Mut zum Politischen, vom Mut zum Gefühl", den Krusche in aller Komplexität und Widersprüchlichkeit in eine Science-Fiction-Welt eingebaut habe. Winkels entdeckte zahlreiche Bezüge zur griechischen Mythologie, Wiederstein sah das reale Computerspiel "The Last of Us" als Vorbild. Ganz und gar nicht angesprochen fühlte sich Tingler, der "scheinbar intensive, doch oberflächliche Bilder" ortete.

Wenig Zuspruch fand auch die Erzählung "Über uns, Luzifer" des deutschen Autors Leonhard Hieronymi, der eine Rumänien-Reise dreier Freunde auf den Spuren des Grabs von Ovid begleitete. Wilke ortete in dem Text "eine konservative Ästhetik", Tingler fand einen "dandyesken Anspruch, der nicht wirklich eingelöst wird", und ein "Fehlen jeder Ironie". Winkels zeigte sich angesichts dieses Textes "über behauptete und nicht eingelöste kulturelle Größe" recht ratlos. "Ein Text im Jetzt, suchend und verwirrend", lautete Gomringers Urteil, "pseudo und nicht echt". Mit ihrem Text "Nadjeschda" hat die 1976 in Innsbruck geborene Autorin Carolina Schutti ebenfalls eher wenig Zuspruch erhalten. Winkels ortetet zwar eine "Leichtigkeit und Eleganz der Darstellung" und Wilke sah "etwas sehr Machtvolles in der Art, wie sich der Text entwickelt", aber sowohl Kastberger ("Ich fürchte, ich bin der falsche Leser für diesen Text") als auch Tingler ("Für mich ist das ein Paradebeispiel für ein veraltetes akademisches Literaturmodell") zeigten sich unzufrieden. Sehr kontrovers fiel die Kritik für "kuzushi" des Österreichers Jörg Piringer aus. Winkels lobte die Ambivalenz des Textes in der Frage nach der Autorenschaft (Mensch oder Computer), Wilke zeigte sich enttäuscht, "dass der Text zwar die Spuren legt, aber dann auf der Inhaltsebene bleibt", Tingler fand "das Ganze irgendwie so frisch wie die Idee, alles klein zu schreiben."

Hanna Herbst, die größtenteils in Österreich aufgewachsen ist und vorwiegend als Journalistin arbeitet, entzweite mit "Es wird einmal" die Jury. Winkels vermisste die Außenwelt, Wiederstein begeisterte sich über "das perfekte Imperfekte" des Textes, Tingler vermisste die "emotionale innere Welt des Ichs" und sah einen "experimentellen Text". Mit einer verschachtelten Prosa über die Geschichte der fiktiven Ostsee-Insel Warenz stieß Matthias Senkel am Freitag auf gemischte Reaktionen. Während Tingler "passagenweise fast ins Koma gefallen" ist und den Text "einfach lahm" fand und damit in dieselbe Kerbe schlug wie Kastberger ("fade und langweilig"), freute sich Wiederstein über eine "Art literarische Schatzsuche". Auch Winkels, der den Autor eingeladen hat, lobte die Bruchstückhaftigkeit des Textes, für Wilke war es ein "ausgesprochen gewitzter Text", eine "gelungene Collage". Die 1985 in Steyr geborene und in Wien lebende Lydia Haider musste für den brachialen Text "Der große Gruß" sehr harsche Kritik einstecken, Lob kam lediglich von der einladenden Gomringer. Die Jury war sich über den "Maximalismus", der im Laufe des Textes nicht gesteigert werden konnte und die Bezüge zu den Wiener Aktionisten weitgehend einig. Winkels, der dem Text "vielfältige Probleme" attestierte, monierte, dass der im Text geäußerte Hass "keinen Gegenstand außer sich selber" habe. Als letzte Teilnehmerin stieg schließlich Meral Kureyshi (Jahrgang 1983) in den Ring, ihr Text "Adam" stieß ebenfalls auf wenig Gegenliebe. Für Wilke war er "wie ein schlaffer Händedruck", während Wiederstein den Text als Coming of Age-Geschichte verteidigte.

Am Sonntag startet um 11 Uhr die Vergabe des Bachmann-Preises: Neben dem Ingeborg-Bachmann-Preis der Landeshauptstadt Klagenfurt, den im Vorjahr Birgit Birnbacher gewann, werden vier weitere Preise vergeben: der Deutschlandfunk-Preis mit 12.500 Euro, der Kelag-Preis mit 10.000 Euro sowie der 3sat-Preis mit 7.500 Euro und der BKS Bank-Publikumspreis mit 7.000 Euro, der mit einem Stadtschreiberstipendium in Klagenfurt verbunden ist.

Quelle: Agenturen