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Autorin: Olympia hat "einen einzigen Sieger: Xi Jinping"

03. Feb. 2022 · Lesedauer 6 min

"Das ist mein Lebenswerk", sagt Radka Denemarková. "Ich habe in diesem Buch alles bilanziert, was ich in meinen bis dahin 50 Jahren begriffen und nicht begriffen habe. Ich habe geschrieben, als wäre es das letzte." Fünf Jahre hat die tschechische Autorin an "Stunden aus Blei" geschrieben, 2018 wurde es fertig und im Jahr darauf ein Bestseller und Buch des Jahres in ihrem Heimatland. Nun liegt die deutsche Übersetzung vor. Heute Abend liest Denemarková in Wien aus dem Roman.

Am Dienstag hatte sie eine Lesung Graz. Dort fand sie vor vier Jahren als Stadtschreiberin die Konzentration, das 880 Seiten starke Buch fertigzustellen. "Es war ein Stipendium ohne Bedingungen. So ist es richtig. Kunst braucht absolute Freiheit. Und dieses Buch brauchte Einsamkeit." Denemarková, 1968 in der mittelböhmischen Kleinstadt Kutná Hora geboren, erzählt das ganz selbstverständlich in einem gewählten Deutsch. Ihre erste Deutschlehrerin hatte sie im Alter von neun Jahren. "Mit ihr war ich bis zum Ende ihres Lebens befreundet." Von ihr erfuhr sie, dass das, was in den Schulen über die Vertreibung der Sudetendeutschen gelehrt wurde, nicht die ganze Wahrheit war. Später schrieb sie den Roman "Ein herrlicher Flecken Erde" darüber. "Ich hasse Ungerechtigkeit", sagt sie im Gespräch mit der APA. "Und ich hasse den Begriff Kollektivschuld."

Sie studierte Germanistik und Bohemistik an der Karlsuniversität in Prag und übersetzte u.a. Bert Brecht, Roland Schimmelpfennig, Herta Müller oder Thomas Bernhard. Dass sie in tschechischen Medien mit Elfriede Jelinek verglichen wird, lässt sie schmunzeln. "Natürlich ist das eine große Ehre für mich. Aber ich mag solche Schubladisierungen nicht. Und ich glaube, dass ich schon ein bisschen anders schreibe als sie."

Ganz am Rand kommt Wien auch in "Stunden aus Blei" vor. Die Hauptschauplätze sind jedoch Prag und Peking. Nie hätte sie sich träumen lassen, einmal ein Buch über China zu schreiben, doch eine Einladung zu einem internationalen Literaturfestival in Peking 2013 war eine tiefgreifende Erfahrung. "Ich war fasziniert davon, was in China los ist. Mich interessiert überall, was unter der Oberfläche ist. Aber es hat sehr lange gedauert, bis ich Menschen gefunden habe, die Vertrauen zu mir gefasst haben." Genauso musste sie aber feststellen, dass praktisch alle chinesischen Studierenden der Bohemistik Zuträger des Geheimdienstes waren.

Mit Unterbrechungen war sie insgesamt zwei Jahre in China. Ihre vielen Kontakte in die Dissidenten-Szene blieben nicht unbemerkt - und schon gar nicht die Veröffentlichung eines sich kritisch mit Staatspräsident Xi Jinping auseinandersetzenden Essays. Seit 2017 hat Radka Denemarková Einreiseverbot in China. Und viele Erfahrungen, die ihre Hauptfigur, eine namenlose tschechische Schriftstellerin, in ihrem Roman macht, haben ihren Ursprung in eigenen Erlebnissen. So sei etwa eine Medizinstudentin im Alter ihres Sohnes, mit der sie sich angefreundet hatte, obwohl sie offenbar als Spitzel auf sie angesetzt war, plötzlich verschwunden. Die Eltern ließen sich scheiden, die Mutter sagte sich von der Tochter los, der Vater, ein Arzt, der zumindest den Leichnam seiner Tochter bestatten wollte, wurde als Hilfskraft in die Provinz verbannt. "In China verschwinden laufend Menschen. Und niemanden interessiert das - es sei denn, es ist zufällig eine prominente Tennisspielerin."

Ist die Protagonistin also Denemarkovás Alter Ego? "Nur zum Teil", meint sie - und fügt lachend an: "Viel mehr habe ich von Pommerantsch." Pommerantsch ist ein tausendjähriger hoch intelligenter Kater, der an der Seite seines Kompagnons Mansur kommentierend durch die Geschichte tigert. Denn "Stunden aus Blei" ist nicht einfach eine politische Anklage, sondern ein literarisch überaus anspruchsvolles Werk, voller Anspielungen, direkter Zitate und Debatten ihrer Auslegung. "Ich wollte eine Form zwischen Prosa, Essay und Poesie finden, politisch-gesellschaftlich, aber auch ganz intim. Dabei hat mir Musils 'Mann ohne Eigenschaften' ebenso geholfen wie Tolstois 'Anna Karenina'. Ihm ging es um Russland und die Krankheiten seines Landes. Mir geht es um China und seine Krankheiten."

Und die sind mannigfaltig und schwer. "Diese Totalität ist etwas Neues. Hier hat sich das Schlimmste aus Kommunismus und Kapitalismus verbunden. Und dem Westen sind die Menschenrechte vollkommen egal geworden. Es geht nur noch ums Business." Das sei auch unverkennbar die tschechische Position. Präsident Zeman habe sich bewundernd über das Land geäußert, "das ich als brutaler Polizeistaat erlebt habe", die tschechische Botschaft habe ihr Hilfe verweigert - was früher undenkbar gewesen wäre. "Da wusste ich, ich muss etwas Kompromissloses schreiben. Dabei wollte ich nie eine Rebellin sein. Aber das Leben macht mich dazu."

Wie ein Treppenwitz der Geschichte mute an, dass Vaclav Havel heute in Osteuropa als naiver Idealist verlacht, in China von kritischen Menschen jedoch als wirkliches Vorbild gesehen und gelesen werde. "Stunden aus Blei" schont weder die tschechische noch die chinesische Politik. Zu glauben, das heutige chinesische Regime könne man mit Diplomatie und Kompromissen zähmen, sei gefährliche Naivität, sagt Denemarková. "Man muss Stärke zeigen. Alles andere bringt nichts." Deswegen hätten die Nationen der Welt auch geschlossen die Winterspiele in Peking boykottieren sollen, die nur dazu dienten, das Regime nach innen wie außen zu festigen. "Es geht nicht um Sport, es geht nur um Propaganda. Das war zwar schon 2008 bei den Sommerspielen so, damals hat China aber noch ein freundliches Gesicht gezeigt. Das ist heute nicht mehr so. Heute wirkt es wie eine Parodie auf Olympische Spiele. Heute erinnern sie an die Spiele 1936 unter Hitler. Mit dem Antreten erniedrigt man auch die Millionen Opfer. Diese Spiele haben einen einzigen Sieger: Xi Jinping!"

Zwei Begriffe ziehen sich durch "Stunden aus Blei". Oft schreibt Denemarková von "Körpern", wenn es eigentlich um Personen geht. Der Körper vergesse nie, auch dort, wo ein Trauma ins Unterbewusste verdrängt werde, sagt die Autorin: "Das Gedächtnis des Körpers lügt nie." Und auch "Blei" begegnet man in vielfachen Variationen - ganz real in Ablagerungen, die den tschechischen und chinesischen Alltag belasten, aber auch symbolisch und metaphorisch, wie in jenem Gedicht von Emily Dickinson, das dem Buch auch seinen Titel gegeben hat: "Die Stunde ist aus Blei..." Wichtig ist ihr vor allem: "Blei ist giftig. So wie alle Totalitäten giftig sind. Das ist nämlich die gefährlichste Pandemie: dass diese Totalität bewundert wird!"

So sehr sich Radka Denemarková in Rage reden kann, so erleichtert ist sie, dass das Schreiben dieses Buches hinter ihr liegt. "Ich weiß nicht recht, was mir da passiert ist. Ich bin bloß froh, dass ich das überlebt habe." "Stunden aus Blei" soll aber durchaus nicht ihr letztes Buch gewesen sein. Sie sitzt bereits an einem neuen Roman. Wovon er handeln wird, verrät sie prinzipiell nicht. Weiß sie wenigstens, ob er wieder ähnlich umfangreich werden wird? "Das weiß man nie!"

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Radka Denemarková: "Stunden aus Blei", aus dem Tschechischen von Eva Profousová, Hoffmann und Campe, 880 Seiten, 32,90 Euro; Lesungen: Heute, Donnerstag, 3. Februar, 19 Uhr, Österreichische Gesellschaft für Literatur, Palais Wilczek, Wien 1, Herrengasse 5, Moderation: Ludger Hagedorn, Platzreservierung unter Angabe von Kontaktdaten ist unbedingt erforderlich: Tel.: 01 / 5338159 oder E-Mail an: [email protected]; 10. Februar, 19.30 Uhr, Stifterhaus, Linz, Adalbert-Stifter-Platz 1, Moderation: Alexandra Millner. Anmeldung: 0732 / 7720 11294 oder E-Mail an: [email protected])

Quelle: Agenturen