APA/Wienbibliothek im Rathaus

Ausstellung zur Familie von Karl Kraus im Wiener Rathaus

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Die "Monokultur der Kraus-Forschung" mit neuen Aspekten zu bereichern - dazu tritt die Historikerin Katharina Prager anlässlich des 150. Geburtstages von Karl Kraus am 28. April an. In einer Ausstellung im Foyer der Wienbibliothek beleuchtet sie ab Freitag seine jüdischen Familie, in einer "Wiener Vorlesung" widmet sie sich am 29. April im Gartenbaukino seiner Einstellung zu Frauen und seiner Haltung zu Dollfuß. Pragers Ziel: "Den reinen Huldigungsgestus rauskriegen!"

Rund um das Jubiläum wird allerorten die Aktualität, Unerschrockenheit und Unerbittlichkeit des prominenten Medien- und Sprachkritikers hervorgehoben. Gezeichnet wird dabei das Bild eines Einzelkämpfers, der sich gegen den Zeitgeist seiner Zeit gestellt hat. "Man kann ihn aber durchaus auch als Kind seiner Zeit beschreiben und dabei aufzeigen, was er neben all seiner berechtigten Kritik übersehen hat", sagt Prager, die bei ihrer Beschäftigung mit Kraus "schon immer wieder Widerstände überwinden musste". Dass für den scharfzüngigen Journalisten Frauen keineswegs gleichberechtigt waren, ist ein dunkler Punkt unter seinen vielen progressiven Haltungen. "Wenn man heute seine Aphorismen über Frauen liest, denkt man sich schon auch: Muss ich mir das antun?"

Dass Karl Kraus (1874-1936) im Ständestaat ein probates Bollwerk gegen den Nationalsozialismus sah, oder dass er ein elitäres Verhältnis zu seinen Leserinnen und Lesern hatte, denen er nicht entgegenkommen wollte - all' dies seien Aspekte, die etwa in dem von Katharina Pager und Simon Ganahl herausgegebenen großen "Karl Kraus-Handbuch" zwar Berücksichtigung fanden, von der breiteren Öffentlichkeit "aber noch nicht genügend wahrgenommen werden", meint Prager.

Auch der Internetplattform "Wien Geschichte Wiki" ist es in seinen über 200 Einträgen ein Anliegen, "Karl Kraus durchaus kritisch in Kontext zu setzen" und "problematische Aspekte seiner Person und seines Werkes wie Antisemitismus oder Misogynie öffentlich zu thematisieren und zu debattieren", hieß es im Vorfeld. Der jüngste Ankauf einer Korrespondenz mit der sehr jungen Schauspielerin Irma Karczewska, die sie sich in den frühen 1930er-Jahren in einem ebenfalls in der Wienbibliothek befindlichen Tagebuch kritisch zu ihrer Beziehung mit Kraus äußerte, belegt etwa eine Beziehung, die heute als Missbrauch eingestuft würde. "Ich bin aber weder seine Richterin noch seine Anwältin", sagt Prager. "Ich werde ihn weder anklagen, noch verteidigen."

Rund 150 Briefe und Postkarten von Mitgliedern der 1877 aus dem böhmischen Jičín nach Wien gezogenen Familie an Karl Kraus und 50 von ihm an seine Verwandten befinden sich heute im Karl Kraus-Archiv der Wienbibliothek im Rathaus, die sich im ersten Heft ihrer neuen Gratis-Publikationsreihe "wiener hefte" den diesbezüglichen Beständen sowie der Archivarin Sophie Schick (1914-1995), die zwischen 1960 und 1994 am Aufbau des Karl Kraus-Archivs mitarbeitete, widmet. Einige der gesammelten Objekte hat Prager nun in einer kleinen Foyer-Ausstellung in Vitrinen ausgebreitet.

Nacheinander werden Eltern, Geschwister und Nichten und Neffen des Satirikers behandelt. Dabei lassen sich herzliche familiäre Bande ausgerechnet bei jenem ausmachen, der sich als großer Solist darzustellen versuchte und seine Selbststilisierung mit dem Ausspruch "Das Wort ›Familienbande‹ hat manchmal einen Beigeschmack von Wahrheit." unterstrich. Seine finanzielle Unabhängigkeit bekam Kraus allerdings durch das Unternehmen seines Vaters Jacob (Prager: "Er hat ein Vermögen mit der Erfindung des Papiersackerls gemacht."), das von seinen Brüdern weitgeführt wurde. Die Familie habe seine publizistischen Kämpfe stets mitgetragen und "Die Fackel" auch eifrig gelesen, erklärt Prager bei der Vorab-Visite der APA.

Bedrückend ist dann das Blättern im bereitliegenden Materialienordner zu Vertreibung und Vernichtung der Familie Kraus, sowie der an der Wand angebrachte Stammbaum, bei dem mittels QR-Codes auch direkt Zusatzmaterial abgerufen werden kann. Vier der 1938 noch lebenden Schwestern und Brüder von Karl Kraus - Emma, Louise, Joseph und Rudolf - wurden ermordet. Schwester Malvine konnte als Einzige rechtzeitig nach New York emigrieren. In Konzentrationslagern getötet wurden auch zwei Nichten und ein Neffe. Ein Neffe entkam mit einem Kindertransport nach England. Nicht gesichert ist, wie viele Großneffen und -nichten von Karl Kraus heute in Großbritannien und den USA leben. Prager: "Es wäre spannend, wenn sich aufgrund der Ausstellung jemand melden würde. Das ist ein Bereich, in dem es noch viel zu erforschen gibt."

(S E R V I C E - "Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben - Die Familie des Satirikers Karl Kraus", Ausstellung in der Wienbibliothek im Rathaus, Eingang Felderstraße, Eröffnung: Donnerstag, 25.4., 18.30 Uhr, 26. April bis 18. Oktober, Mo bis Fr, 9-19 Uhr, Eintritt frei; "Wiener Vorlesung" zu Karl Kraus, Lesung von Karl Markovics, Vortrag von Katharina Prager, Gespräch mit Gerald Krieghofer: Montag, 29. April, 19 Uhr, Gartenbaukino; https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Karl_Kraus_(Portal))

ribbon Zusammenfassung
  • Historikerin Katharina Prager zeigt neue Aspekte in der Kraus-Forschung anlässlich seines 150. Geburtstages in einer Ausstellung im Wiener Rathaus auf.
  • Die Ausstellung beleuchtet die jüdische Familie von Karl Kraus und stellt familiäre Bande dar, die im Kontrast zu seiner Selbststilisierung als Einzelkämpfer stehen.
  • Rund 150 Briefe und Postkarten aus dem Familienkreis sind Teil des Karl Kraus-Archivs der Wienbibliothek und geben Einblick in das Familienleben.
  • Vier Geschwister von Karl Kraus wurden während des Holocaust ermordet, was in der Ausstellung durch einen Stammbaum mit QR-Codes dokumentiert wird.
  • Die Ausstellung 'Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben - Die Familie des Satirikers Karl Kraus' ist vom 26. April bis zum 18. Oktober bei freiem Eintritt zugänglich.

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