APA - Austria Presse Agentur

Auch Filmeltern der "Geschichten vom Franz" wurden gemobbt

05. Aug 2021 · Lesedauer 6 min

Am Schluss pfuscht das Wetter doch noch rein. Ursula Strauss und Simon Schwarz sitzen unter Regenschirmen auf einer Hollywoodschaukel im Hof eines Gründerzeithauses in Wien-Währing. Dort werden die letzten Szenen der "Geschichten vom Franz" nach Christine Nöstlingers bekannter Kinderbuchreihe gedreht. Schwarz und Strauss spielen Franz' Eltern. Die Vorlage kannten sie gar nicht, wie sie später im APA-Gespräch zugeben. Mobbingerfahrungen sind ihnen aber nicht fremd.

19 Bände schrieb Nöstlinger ab den 1980er-Jahren über den lockigen Kinderheld, der wegen seiner kleinen Körpergröße und piepsigen Stimme gehänselt wird. Autorin Sarah Wassermair hat daraus ein Drehbuch mit modernen Einsprengseln - u.a. kommt ein Influencer vor - destilliert. Der auf 90 Minuten angelegte Film unter der Regie von Johannes Schmid kommt 2022 ins Kino. Am Mittwochabend war nach 28 Drehtagen alles im Kasten.

"Ich kann dieses Leiden, das Gefühl des Nicht-Angenommen-Werdens, des Nicht-Perfekt-Seins, keinen Platz zu finden in diesem Ranking der Kinder total nachvollziehen. Ich hatte in meiner Kindheit und beginnenden Pubertät auch Phasen, in denen es mir richtig schlecht gegangen ist, weil ich nirgendwo dazu gehörte", erinnert sich Strauss an ähnliche Erfahrungen, wie sie Franz durchmacht. Das Tolle an Nöstlingers Büchern sei aber, dass sie es als Autorin geschafft habe, "mit all ihren Figuren Menschen zu zeichnen, die sich am Rande der Gesellschaft befinden, mit einem großen Problem kämpfen, die aber nicht aufhören, mutig voranzuschreiten".

Auch Schwarz kennt das Gefühl des Außenseiters. "Ich war rothaarig. Ich wurde heftigst gemobbt. Ich war aber ein robuster Typ und habe mich dagegen wehren können, aber ich hab darunter gelitten", denkt der Schauspieler nicht nur positiv an seine Kindheits- und Jugendjahre: "Ich fand meine roten Haare immer zum Kotzen. Es hieß immer 'Der Rostige'". Für Kids, denen es ähnlich gehe, könne der Franz ein Vorbild sein: "Das ist schon eine Figur, die Kraft geben kann."

Jossi Jantschitsch, der in seinem Filmdebüt als Franz gleich die Hauptrolle spielt, erkennt ebenfalls Gemeinsamkeiten zwischen sich und seiner Figur. "Er ist klein, so wie ich. Und er wird auch gemobbt in der Schule, so wie ich", erzählt der Zehnjährige am Set offenherzig. Anleihen an Nöstlingers Held, um damit umzugehen, hat er aber nicht nötig: "Ich konnte mich schon mein Leben lang gut wehren, weil ich immer einen besten Freund hatte, der mir geholfen hat." Auch der Franz hat mit Gabi (Nora Reidinger) und Eberhard (Leo Wacha) zwei dicke Kumpels an seiner Seite. An die 1.000 Kinder wurden übrigens für das Kindertrio gecastet, erzählt Produzentin Katharina Posch. "Jossi war der letzte Kandidat, der gekommen ist" - und offenbar überzeugt hat.

Die Franz-Reihe entstand zwischen 1984 und 2011 und erreichte eine Auflage von 2,5 Mio. Stück. An den beiden Elterndarstellern gingen sie bisher trotzdem relativ spurlos vorbei - und das, obwohl sie Nöstlinger nach eigenem Bekunden sehr verehren. "Schon als Kind habe ich ihre Bücher verschlungen. Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich die 'Geschichten vom Franz' damals nicht gelesen habe, sondern eher die Romane, in denen Mädchen die Hauptfiguren sind", sagt Strauss, die schon in der Nöstlinger-Filmadaption "Maikäfer flieg" mitgespielt hat. Anlässlich des Films habe sie sich vorgenommen, alle Bücher der Autorin zu lesen.

"Bei Christine Nöstlinger ist es wie bei Ödon von Horvath: Die Zeit, die er z.B. in 'Kasimir und Karoline' beschreibt, ist längst vorbei. Aber der Kern der Figuren hallt ganz aktuell bis in die Gegenwart. Die Autorin schafft es auf eine unprätentiöse, sehr humorvolle und musikalische Art, eine Tiefe im Menschen zu treffen, die sich nicht verändert", schwärm die Filmmama: "Es verändert sich die Außenwelt, aber die inneren Zustände des Heranwachsenden sind ja gleich - die Angst vor der Einsamkeit, vor dem Alleinsein ist ein universelles Gefühl, das jeder aus seiner Adoleszenz kennt."

Auch für Schwarz waren die Franz-Geschichten Neuland. "Ich habe sie schon gekannt. Ich war allerdings kein einfaches Kind und habe mich immer geweigert zu lesen. Mir wurde aber viel vorgelesen. Die Begeisterung hat sich damals also eher in Grenzen gehalten, das hat sich aber später geändert - vor allem, als ich dann selber Vater wurde." Es handle sich um eine "entschleunigte, intelligente Art von Jugendliteratur, die man fast als retro bezeichnen könnte, die aber trotzdem sehr modern ist. Auch im Drehbuch ist das stark spürbar.

Apropos modern: Im Film tritt - anders als in den Vorlagen - nicht nur ein Influencer auf, auch die Rollenbilder der Eltern wurden in die Jetztzeit gehoben. "Der Vater vom Franz sitzt zu Hause und erzieht die Kinder, macht den Haushalt. Die Mutter bringt als erfolgreiche Geschäftsfrau mit Scheibtruhen das Geld nach Hause", lacht Schwarz. Natürlich weiche man damit von Nöstlinger ab, aber "ich glaube, ihr hätte das gefallen": "Vielleicht würde der Franz heute als Franziska geschrieben werden."

Strauss spricht von einer "liebevollen Familie". Die Eltern wüssten zwar um die Schwierigkeiten ihrer Kinder, seien aber nicht überfürsorglich, sondern würden ihnen "einen gewissen Mut zum Scheitern" zugestehen: "Das finde ich wichtig zu lernen als Mensch. Man kann keinen Menschen vor dem Leben beschützen und den Erfahrungen, die damit verbunden sind."

Und die Arbeit mit Kindern am Set? "Es ist immer wieder erstaunlich, wie gut sie spielen, wie gut sie sich auf Szenen einlassen können", freut sich Strauss, die auch andere Vorteile sieht: "Die Arbeitszeiten sind viel angenehmer, weil Kinder nicht so viel arbeiten dürfen. Da merkt man erst, wie viel man normal am Set malocht", lacht sie. Gleichzeitig steige aber der zeitliche Druck - und die Belastung für die jungen Akteure sei natürlich schon hoch: "Der Jossi als Leading Character war halt wirklich täglich am Set. Der rockt das ordentlich mit seinen zehn Jahren, das ist schon beeindruckend."

Und wie sieht das der Hauptdarsteller selbst? "Es ist schon öfter anstrengend als lustig", meint Jantschitsch. Lustig sei es eigentlich nur, wenn er nicht alleine vor der Kamera stehe - "oder wenn Tiere dabei sind". Dann denkt er kurz nach. "Vier habe ich am Set schon getroffen."

(Die Gespräche führte Thomas Rieder/APA)

(S E R V I C E - www.geschichtenvomfranz-film.com)

Quelle: Agenturen