APA/APA/Theater Phönix/Andreas Kurz

"Antigone" eröffnete Spielzeit im Linzer Theater Phönix

30. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

Antigone, einen der meistgespielten Klassiker der Antike, hat sich Silke Dörner als erstes Stück ihrer Intendanz am Linzer Theater Phönix ganz bewusst ausgesucht. Die Bearbeitung von Katja Ladynskaya nach der Tragödie von Sophokles bot dem neu zusammengestellten Ensemble bei der Premiere am Donnerstagabend die Möglichkeit, sich zu präsentieren und holte durch die Bezüge zum Russland-Ukraine-Konflikt das Stück ins Heute. Dafür gab es ausdauernden Beifall vom Publikum.

Im Kampf um die Stadt Theben verlieren zwei Brüder ihr Leben: Eteokles und Polyneikes. Ersterer erhält ein Staatsbegräbnis, zweiterem versagt der neue Herrscher Kreon jegliche Form der Bestattung, da er als Verbannter die Stadt angegriffen hat. Antigone, Schwester der beiden, will das nicht hinnehmen, lehnt sich gegen das totalitäre System Kreons auf und beerdigt ihren Bruder. Dass diese Tat ihr Todesurteil ist, nimmt sie in Kauf: "Ich streite nichts ab."

Dass Katja Ladynskaya als gebürtige Russin ihre Bearbeitung noch einmal über den Haufen geworfen hat, nachdem der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist, ist nachvollziehbar, deckt sich doch der Kampfes- und Aufopferungswillen Antigones mit jenem von Oppositionellen und Freiheitskämpfern in Russland. Ist sie anfangs in ihrem Widerstand allein, setzt sie später alles daran, die übrige Elite zum "Bellen" (im Stück ein Synonym für Aufbegehren) zu bringen.

Bleibt die Linzer Antigone anfangs nahe beim Text Sophokles', verdichten sich im abschließenden Monolog Antigones die Russland-Bezüge: "Ich dachte, sie machen die Augen auf, wenn Urnen zurückkommen", klagt Antigone. Sie erkennt, dass sie einen einsamen Kampf führt: "Ich habs versucht, hab alles versucht, sie bellen nicht."

Ladynskayas Fassung wechselt fließend zwischen Zitaten aus Sophokles' Tragödie und ergänzt diese um Passagen, die auch sprachlich in der Jetztzeit verortet sind - mit meist kaum merkbaren Übergängen. Auch gibt es keinen eigenständigen Chor, sondern dieser wird von den Darstellern gebildet, da für Ladynskaya das Individuum immer auch Teil des Systems ist.

Anders als in Sophokles' Tragödie sind zudem die Rollen in der Adaption annähernd gleich verteilt - auch damit alle im sechsköpfigen Ensemble die Möglichkeit haben, sich dem Publikum zu präsentieren, wie es Dörner ein Anliegen war: Lara Sienczak mimt die willensstarke Antigone, Gina Christof ihre zunehmend erstarkende Schwester Ismene. Martin Brunnemann gibt den herzlosen Herrscher Kreon, von dem sich Gulshan Bano Sheik als dessen Frau Eurydike sowie Mirkan Öncel als Teiresias zunehmend abwenden. Marius Zernatto schlüpft in eine Doppelrolle als Kreons Sohn Haimon und liefert sich zu Beginn als Eteokles einen eindrucksvoll choreografierten Kampf mit Gast-Musiker Chili Tomasson als Polyneikes.

Zwei weitere Highlights des Abends sind einerseits die Live-Musik von Chili Tomasson, die die Stimmung - von dramatischen Kriegstönen bis hin zum ohrenbetäubenden Lärm von Kreons Gedanken - wunderbar verstärkt. Für besondere Effekte sorgt zudem ein schon beinahe in Vergessenheit geratenes Gerät: ein Overheadprojektor. Was in technisch aufwendiger ausgestatteten Theatern per Video eingespielt wird, erzeugt das Ensemble im Phönix analog: Eteokles' Bestattung, Blutflecken, die sich über Kreon und die gesamte Bühne ergießen oder eine "Breaking News"-Leiste, die über die Bühne flimmert.

Die vergleichsweise kurze Aufführungsdauer von einer Stunde und 20 Minuten gepaart mit der Mischung aus Zitaten aus Sophokles' Stück und neu dazugedichteten Passagen bieten sich sowohl in sprachlicher als auch inhaltlicher Hinsicht geradezu an für eine junge Zielgruppe. Aber es würde der Phönix-Produktion bei weitem nicht gerecht, sie auf ein Schulstück zu reduzieren, liefert sie doch für jedermann genügend Stoff, den verbleibenden Abend zu nutzen, um über das Gesehene zu diskutieren und es wirken zu lassen.

(S E R V I C E - "Antigone" in der Fassung von Katja Ladynskaya nach Sophokles, Inszenierung: Katja Ladynskaya, Bühne: Gabriela Neubauer, Kostüme: Natascha Wöss, Lichtgestaltung: Gerald Kurowski. Mit: Martin Brunnemann, Gina Christof, Mirkan Öncel, Gulshan Bano Sheikh, Lara Sienczak, Marius Zernatto und Chili Tomasson. Theater Phönix, Wienerstraße 25, 4020 Linz. Nächste Termine: 1., 2., 5., 6., 7., 8., 9., 12., 21., 22., 23., 26., 27., 28. Oktober. www.theater-phoenix.at.)

Quelle: Agenturen