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Annie Ernaux' Debüt "Die leeren Schränke" nun auf deutsch

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Ein Sonntag im Jahr 1961: Die Literaturstudentin Denise Lesur sitzt in ihrem Zimmer und wartet, dass ihr Körper sich eines ungewollten Kindes entledigt. Während die 20-Jährige auf den Ausgang der Abtreibung wartet, denkt sie mit Hass, Demütigung und Schmerz über ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Eltern und ihre Herkunft nach.

"Die leeren Schränke" ist das Debütwerk von Annie Ernaux, das in Frankreich 1974 erschien. Es ist autobiografisch geprägt, so wie alle Bücher, die die französische Nobelpreisträgerin veröffentlicht hat. Es beinhaltet auch alle Themen, die ihr Gesamtwerk auszeichnen: Klassismus - die Ausgrenzung und Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft und Position -, den Konflikt mit ihren Eltern, Emanzipation.

In ihren Büchern legt die 83-jährige Ernaux den Schwerpunkt meist auf ein bestimmtes Sujet, wie in "Das Ereignis", in dem sie ihre Versuche beschreibt, abzutreiben, in einer Zeit, in der Schwangerschaftsabbruch noch als unmoralisch galt und verboten war. Oder wie in "Der Platz", in dem sie die Geschichte ihres Vaters erzählt.

In ihrem Debüt denkt die Autorin anhand der Protagonistin Denise über ihre Herkunft und ihre Aufstiegssehnsucht nach. Es ist die Geschichte eines sozialen Bruchs, eines Mädchens zwischen zwei Welten. Die ihrer Eltern: Arbeiter, die sie Proleten nennt, die ihre Existenz mit einem Krämerladen und einer Kneipe fristen. Und die des Bürgertums: Gebildete, die in Anzug und Krawatte ihren Lebensunterhalt verdienen und zu denen sie ihre guten schulischen Leistungen befördert haben.

Zwei sozial gegensätzliche Welten, die sie als unvereinbar empfindet. "[...] meine Bildung ist nichts als Schein. Wer einmal bis zum Hals in der Scheiße steckt, kommt da nie mehr raus. Selbst die Literatur ist nur ein Symptom der Armut, der Klassiker, um seiner Herkunft zu entfliehen. Von Kopf bis Fuß eine Täuschung, wo ist meine wahre Persönlichkeit?"

Der Roman unterscheidet sich von Ernaux' anderen Werken vor allem durch seinen Stil. Er ist wie die Geschichte: brutal, hart und von einer fast unangenehmen Aufrichtigkeit. Er ist nicht mehr distanziert und objektiv, wie Ernaux ihn nennt. In einer Mischung aus Slang, populärer und gehobenerer Sprache, die sich auf ihr jeweiliges Umfeld bezieht, lässt die Erzählerin ungefiltert ihren Ressentiments freien Lauf.

Wenn Denise von ihrem Alltag im Gemischtwarenladen und der Kneipe ihrer Eltern erzählt, hat sie kein Mitleid. Die Kneipenbesucher bezeichnet sie als stumme, auf ihren Stühlen hockende, "kaputte Körper, in denen der Wein gluckert" und als in "Schnaps schwimmendes Gammelfleisch". Auch ihre Eltern beginnt sie zu verachten.

Im Verlauf ihrer hervorragenden Schullaufbahn beobachtet sie den Mangel an Bildung bei ihren Eltern, die Rohheit ihrer Lebensweise und ihrer Sprache. Sie hat ihnen nicht mehr viel zu sagen. "Meine Eltern würden immer meine Eltern bleiben, mit ihrem Gezeter, ihrem Geschmack, ihrer Art zu sprechen. Allein das verhindert, dass ich hier rauskomme, dass ich aufsteige." Versöhnlichere Porträts ihrer Eltern zeichnet Ernaux Jahre später in "Der Platz" und "Eine Frau".

Denise beschreibt alles bis ins kleinste Detail, ihre Armut, ihre Unwissenheit, den Dreck, fast so, als würde dieser an ihr kleben. "Die Schnauze voll. Ich hasse alles. Eingesperrt. Denise Lesur, Tochter der Krämerin und des Wirts, eingequetscht zwischen Regalen voller Fressalien auf der einen Seite und Stühlen mit zusammengesackten Säufern auf der anderen."

Als das Buch 1974 in Frankreich erschien, löste es einen Schock aus. Ein teuflisches Buch von einer Unbekannten, schrieb damals "Le Monde" und urteilte: Man komme aus der Lektüre dieses harschen, scharfsinnigen, sinnlichen und verzweifelten Romans nicht unversehrt heraus. "Ein Donnerschlag von einem Buch!", befand der Fernsehsender "France 24".

(S E R V I C E - Annie Ernaux: "Die leeren Schränke", aus dem Französischen von Sonja Finck, Suhrkamp Verlag, 224 Seiten, 23,70 Euro)

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  • Ein Sonntag im Jahr 1961: Die Literaturstudentin Denise Lesur sitzt in ihrem Zimmer und wartet, dass ihr Körper sich eines ungewollten Kindes entledigt. Während die 20-Jährige auf den Ausgang der Abtreibung wartet, denkt sie mit Hass, Demütigung und Schmerz über ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Eltern und ihre Herkunft nach.