APA - Austria Presse Agentur

Anna Netrebko sang in der leeren Staatsoper eine "Tosca"

14. Dez 2020 · Lesedauer 3 min

Diesen Abend hätte die Wiener Staatsoper mehrfach ausverkaufen können. Hätte. Denn coronabedingt blieben auch am Sonntagabend die heiligen Hallen des Hauses am Ring weitgehend leer - trotz des Wiener Rollendebüts von Anna Netrebko als "Tosca" in Puccinis Publikumshit. Einzig ein paar professionelle Beobachter durften unter strengen Sicherheitsvorkehrungen der TV-Übertragung beiwohnen, die live-zeitversetzt in ORF III zu sehen respektive in Ö1 zu hören war.

Die Akustik der publikumsleeren Staatsoper erinnert in ihrer Monumentalität an die der Kirche Sant'Andrea della Valle in Rom, in welcher der erste Akt der Oper spielt. Da benötigt es einen Dirigenten wie den Staatsopernrückkehrer Bertrand de Billy, der den Tönen an den richtigen Stellen immer wieder den nötigen Raum lässt. Mit ihm hatte Netrebko bereits im März die Partie für die New Yorker Met erarbeitet - was allerdings durch den Lockdown abgebrochen werden musste. Dieses Schicksal blieb den beiden Beteiligten diesmal erspart.

Dennoch ist Anna Netrebko bekanntlich ein gewissermaßen doppeltes Coronaopfer, musste die Sängerin doch wegen einer Lungenentzündung infolge einer Covid-Infektion im September sogar ins Krankenhaus. Der Stimme hat die Erkrankung jedoch nicht geschadet, wie die 49-Jährige nun unter Beweis stellte. Der Sopran der Russin befindet sich weiterhin auf dem steten Weg zum dunkleren Timbre. Auch agierte Netrebko ruhiger, als man erwarten hätte können. Ihre Tosca ist nicht die hemmungslose Diva, sondern eine fast unterspielte, ruhige Figur mit Fehlern und Ängsten.

Ihr zur Seite als Geliebter Cavaradossi steht ihr wie stets Gatte Yusif Eyvazov, der in der Strahlepartie neben seiner Ehefrau klingt, als würde er pandemiebedingt mit Maske singen. Hier trübt allerdings auch der direkte Vergleich die Wahrnehmung. Das Trio der Staatsopernrollendebütanten komplettierte Wolfgang Koch, der einen soliden Bösewicht Scarpia bot, der nicht an die archaische Wucht von Kollegen wie Bryn Terfel heranreicht, aber zweifelsohne angsteinflößend genug ist.

So muss sich die sage und schreibe 619. Aufführung der Regiearbeit von Margarethe Wallmann nicht im Kanon der Inszenierungshistorie verstecken. 1958 wurde die NASA gegründet, Charles de Gaulle Präsident Frankreichs und die Wallmann-"Tosca" feierte Premiere am Ring. Bemannte Mondmissionen finden seit Jahrzehnten nicht mehr statt, De Gaulle starb vor 47 Jahren - aber die "Tosca" springt weiter in den Tod.

Während Regisseurin Wallmann bereits 28 Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilt, lebt ihre "Tosca" also weiter. Seit 1958 haben knapp 1,3 Millionen Menschen die zwei Stunden Liebe, Kampf und Leidenschaft im Bühnenbild von Nicola Benois durchlitten, das sich mittlerweile mehr als amortisiert haben dürfte.

So ist und bleibt die Wallmann-"Tosca" auch unter dem neuen Direktor Bogdan Roscic die unumstrittene Regentin der Staatsopern-Inszenierungen - und seit dieser zu Beginn seiner Direktion Josef Gielens "Madama Butterfly" aus 1957 durch die neu eingekaufte Minghella-Inszenierung ersetzte, ist sie auch die älteste. "Man kann über die Wallmann-'Tosca' lästern, aber sie hat immer noch Größe", hatte Roscic gegenüber der APA einst versichert: "Ich habe in den letzten Jahren ungefähr zehn neue 'Tosca'-Inszenierungen gesehen, die nicht einmal in die Nähe der Qualität von Wallmann kommen."

So lässt Wallmanns "Tosca" andere Arbeiten am Haus alt - oder besser gesagt jung - aussehen. So kommt Franco Zeffirellis "Boheme" aus 1963 auf "läppische" 443 Aufführungen. Und Otto Schenks "Rosenkavalier", mit Premierendatum 1968 zehn Jahre jünger als die "Tosca", bringt es derzeit auf 395. Hier legt man immerhin am 18. Dezember nach, wenn die TV-Aufzeichnung für die ORF-III-Ausstrahlung am 27. Dezember eine musikalische Neueinstudierung unter Neo-Musikdirektor Philippe Jordan bringen wird.

Das singende Ehepaar Netrebko/Eyvazov wiederum ist im Sommer wieder in Österreich in ihren Partien zu erleben - allerdings nicht in der Staatsoper, sondern bei den Salzburger Festspielen in der von den Osterfestspielen übernommenen Inszenierung von Michael Sturminger. Sollte da nicht wieder Corona dazwischenfunken.

Quelle: Agenturen