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30 Jahre "Trainspotting": Weiter Drogenkrise in Schottland

17. Feb. 2026 · Lesedauer 5 min

Von den vielen denkwürdigen Szenen des vor 30 Jahren veröffentlichten britischen Kultfilms "Trainspotting" spielt eine einzige in den schottischen Highlands. Bei ihrem Versuch, clean zu werden, haben sich die Heroin-Junkies "Renton", "Sick Boy" und "Spud" von ihrem zunächst drogenfreien aber an Liebeskummer leidenden Freund Tommy zu einem Ausflug an den abgelegenen Bahnhof Corrour Station überreden lassen.

Doch schnell wird ihnen klar, dass "the great outdoors" nichts für sie ist. "Macht euch das nicht stolz, schottisch zu sein?", ruft Tommy seinen Freunden zu und weist mit beiden Armen auf die majestätische Landschaft. "Es ist scheiße, schottisch zu sein", schleudert ihm "Renton" (Ewan McGregor) entgegen, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird.

Tatsächlich ist Schottland wie kaum eine andere Region in Europa ein Land krasser Gegensätze. Mit nur etwa 5,5 Millionen Einwohnern hat das nördlichste der britischen Landesteile eine erheblich geringere Bevölkerungsdichte als England. Doch der überwiegende Teil der Schotten lebt eng gedrängt in wenigen urbanen Zentren, vor allem im sogenannten Central Belt, einer relativ schmalen Stelle zwischen Meeresarmen der Nordsee und der Irischen See, an denen jeweils Edinburgh und Glasgow liegen.

Mit der Idylle der Highlands mit ihren Gipfeln und Lochs genannten Seen oder den Inseln im Westen, wo Touristen gerne zur Verkostung an Whisky-Gläsern nippen, haben die tristen Vorstädte dieser einstigen Industrie-Metropolen wenig gemeinsam.

Wie fehlgeleitete Zug-Enthusiasten

Dort spielt sich das längst zur Pop-Kultur zählende Drama aus dem Jahr 1996 ab über die jungen Männer, die verzweifelt nach einem Platz im Leben suchen, aber jederzeit bereit sind, für den nächsten Schuss alles hinzuwerfen. Hintergrund ist der Niedergang der Fabriken, Stahlwerke und Werften im Großbritannien der 80er-Jahre unter Premierministerin Margaret Thatcher - mit hoher Arbeitslosigkeit, mangelnder Perspektive und gleichzeitig gestiegener Verfügbarkeit von Opiaten.

Autor Irvine Welsh hatte sein Buch "Trainspotting" ursprünglich über die Krise in den 80er-Jahren geschrieben. Der Titel spielt auf eine Szene an, die im Film keinen Platz gefunden hat. Es geht um einen stillgelegten Bahnhof, an dem sich Drogenabhängige aufhalten, die wie verirrte Zug-Enthusiasten wirken.

Der Film von Regisseur Danny Boyle transportierte das Geschehen in die 90er und machte die Story weltberühmt. Später verfilmte Boyle mit "T2 Trainspotting" auch noch den Fortsetzungsroman, der an die Story anknüpft.

Die "Trainspotting-Generation" stirbt frühen Tod

Drei Jahrzehnte nach "Trainspotting" ist Schottlands Drogenkrise keineswegs vorbei. Im Gegenteil. Heute gibt es - gemessen an der Bevölkerungszahl - in Europa nirgendwo so viele Drogentote wie dort. Zudem sind die Zahlen in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnte nicht nur in Schottland, sondern auch in anderen europäischen Ländern deutlich gestiegen.

Die Gründe sind vielfältig. In Schottland liegt es teils daran, dass viele Abhängige aus der "Trainspotting-Generation" einen frühen Tod sterben. "Leute, die in den 1980ern und 1990ern angefangen haben Heroin zu nehmen, sind jetzt gesundheitlich anfälliger", sagt Kirsten Horsburgh, Geschäftsführerin vom Scottish Drugs Forum. Die Organisation setzt sich für einen anderen Umgang mit Drogensucht ein - weg vom Strafgedanken und hin zu medizinischer Hilfe und Suchtprävention.

Glasgow hat den einzigen Drogenkonsumraum Großbritanniens

Der Zusammenhang zwischen ökonomischen Problemen und Abhängigkeit ist auch heute nicht zu leugnen. Jüngsten Zahlen der schottischen Regionalregierung zufolge lag die Wahrscheinlichkeit für Bewohner der am meisten benachteiligten Regionen, an Drogen zu sterben, zwölfmal höher als für diejenigen in den wohlhabendsten Teilen des Landes.

Horsburgh kritisiert auch die aus den 70er-Jahren stammende britische Gesetzgebung, die einen pragmatischen Umgang wie etwa die Ausgabe von sauberen Utensilien erschwere. Anders als in anderen Ländern gibt es in ganz Großbritannien nur einen einzigen Drogenkonsumraum - und das erst seit einem Jahr.

Das nach der schottischen Nationalblume Distel "The Thistle" benannte Projekt in Glasgow ist zunächst auch nur auf drei Jahre angelegt. Abhängige können sich dort mit sterilen Spritzen und anderen Dingen versorgen, wenn sie ihre Drogen konsumieren. Vor allem können sie rasch medizinisch betreut werden, falls es zu einem Notfall durch eine Überdosierung kommt.

Große Sorgen bereiten vor allem Nitazene

Anders als noch Mitte der 90er sind inzwischen synthetische Drogen ein wachsendes Problem. Dazu gehören unter anderem sogenannte Benzodiazepine, die auch als "Straßen-Valium" bezeichnet werden. Große Sorgen bereiten aber vor allem sogenannte Nitazene, synthetische Opioide, wie Horsburgh erklärt. "Nitazene sind extrem wirkungsvoll - oft um ein Vielfaches stärker als Heroin oder sogar Fentanyl - kleine Variationen in der Menge können das Risiko einer Überdosis dramatisch erhöhen", sagt sie.

Und das Problem sei nicht nur, dass diese billig hergestellten Stoffe auf den Markt drängten, sondern dass sie oft anderen Drogen beigemischt würden, ohne dass die Nutzer davon etwas ahnten. Zudem sind sie schwer nachzuweisen. Es gebe womöglich etwa ein Drittel mehr Todesfälle durch Nitazene als bisher angenommen, berichtete ein britisches Forschungsteam kürzlich im Fachjournal "Clinical Toxicology".

"Wähle das Leben (...)"

Ein Lichtblick ist aus Sicht von Horsburgh, dass in Schottland nun erste Stellen eingerichtet werden, wo Süchtige ihre Drogen untersuchen lassen können. Langfristig sei es aber wichtig, dass Schottland nicht nur investiere, Todesfälle kurzfristig zu verhindern, sondern die Wurzeln des Problems angehe. Dazu zählt sie Armut, Traumata, soziale Benachteiligung, unsichere Wohnverhältnisse und die psychische Gesundheit benachteiligter Schichten.

Ob "Trainspotting", der samt Soundtrack mit Songs unter anderem von Iggy Pop, Lou Reed und Underworld zu einem der einflussreichsten britischen Filme aller Zeiten geworden ist, dazu beigetragen hat, die Drogenkrise in Schottland besser zu bewältigen, ist schwer zu sagen. Die Botschaft, die schon in der rasanten Eingangsszene in einem Monolog "Rentons" zu hören ist, ist jedenfalls eindeutig: "Wähle das Leben (...)".

(Von Christoph Meyer/dpa)

Zusammenfassung
  • Vor 30 Jahren erschien der Film "Trainspotting", der die Drogenkrise in Schottland thematisierte und heute noch immer aktuell ist.
  • Schottland verzeichnet europaweit die höchste Zahl an Drogentoten im Verhältnis zur Bevölkerung, und die Zahlen sind in den letzten 15 Jahren weiter gestiegen.
  • Die Wahrscheinlichkeit, in benachteiligten Regionen an Drogen zu sterben, ist laut Regionalregierung zwölfmal höher als in wohlhabenden Gegenden.
  • Synthetische Drogen wie Nitazene, die um ein Vielfaches stärker als Heroin sind, verursachen zunehmend Todesfälle, oft unbemerkt von den Konsumenten.
  • Glasgow hat als einzige Stadt Großbritanniens seit einem Jahr einen Drogenkonsumraum, der zunächst auf drei Jahre befristet ist.