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Was wir vom Warschauer Ghetto für die Bekämpfung des Coronavirus lernen können

28. Juli 2020 · Lesedauer 3 min

Im Warschauer Ghetto im Jahr 1941 forderte eine Seuche über 30.000 Todesopfer. Den Ghettobewohnern gelang die Eindämmung der Typhusepidemie indem sie Maßnahmen einführten, die heute im Kampf gegen das Coronavirus eingesetzt werden.

Kaum eine Krankheit war zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs so verbreitet wie Typhus. Eine bakterielle Krankheit, auch Fleckfieber genannt, die unbehandelt oft zum Tode führt und von Körperläusen übertragen wird. Die Krankheit wurde von den Nationalsozialisten gezielt als antisemitische Propaganda missbraucht. Sie stellten die Juden als Hauptverbreiter der Krankheit dar, sperrten sie in ein Ghetto - die Öffentlichkeit glaubten den Nazis und unterstützten sie. Das ging soweit, dass im November 1940 mehr als 400.000 jüdische Menschen in einem 3,4 Quadratkilometer großen Ghetto in Warschau, Polen, weitestgehend eingemauert wurden.

Die überfüllten Bedingungen, die mangelnde Abwasserversorgung und die unzureichenden Nahrungsmittel- und Krankenhausressourcen führten dazu, dass Typhus in kürzester Zeit etwa 100.000 Menschen infizierte und 25.000 Todesfälle verursachte.

Das Wunder vom Herbst 1941

Im Oktober 1941, kurz vor dem Winter, kamen neue Infektionen aber plötzlich zum Erliegen. Dies war insbesondere deshalb unerwartet, da die Ausbreitung von Typhus sich normalerweise zu Beginn des Winters beschleunigt und Ghettos an anderen Orten wie der Ukraine immer noch von der Krankheit heimgesucht wurden. "Viele dachten, es sei ein Wunder", sagt Lewi Stone von der RMIT University in Australien.

Stone und seine Kollegen gingen diesem "Wunder" im Zuge einer Untersuchung auf den Grund. Dafür durchsuchten die Forscher historische Dokumente aus Bibliotheken auf der ganzen Welt, darunter einige, die von Ärzten aufbewahrt wurden, die im Warschauer Ghetto lebten. Sie entdeckten, dass dort inhaftierte Ärzte - darunter der bekannte Mikrobiologe und Nobelpreisträger Ludwik Hirszfeld, der bei der Entdeckung von Blutgruppen half - ihr Wissen weitergaben um die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen.

Abstandhalten und Quarantäne brachten die Wende

Hunderte von Vorträgen wurden gehalten, die Öffentlichkeit über die Bedeutung von persönlicher Hygiene, sozialer Distanzierung und Selbstisolierung bei Krankheit aufgeklärt. Eine "geheime Universität" wurde ebenfalls eingerichtet, Medizinstudenten in der Infektionskontrolle ausgebildet. Und Gemeindevorsteher halfen bei der Organisation aufwändiger Hygieneprogramme und Suppenküchen. Noch wichtiger aber: Trotz der extrem beengten Bedingungen im Ghetto praktizierten die Bewohner Social Distancing und mit Fleckfieber Infizierte wurden unter Quarantäne gestellt.

Die mathematische Modellierung von Stone und seinen Kollegen legt nahe, dass diese Maßnahmen mehr als 100.000 Typhusinfektionen im Ghetto und Zehntausende Todesfälle verhinderten. Tragischerweise wurden fast alle Ghettobewohner später in Vernichtungslager gebracht, wo sie umgebracht wurden. Ein Vorgehen, dass die Nazis mit der Verhinderung von weiteren Typhusausbrüchen rechtfertigten.

Das Warschauer Beispiel zeigt, wie Pandemien ausgenutzt wurden, um den Hass auf Minderheitengruppen zu fördern, was auch in der Covid-19-Ära zu befürchten ist, sagt Stone. "Positiv ist jedoch, dass es auch zeigt, wie Gemeinden einfache Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit einsetzen können, um Infektionskrankheiten zu bekämpfen, und dass diese einen großen Unterschied machen können", so der Wissenschaftler.

Quelle: Redaktion / apb