APA - Austria Presse Agentur

TikTok: Teenager verkleiden sich als Holocaust-Opfer

25. Aug 2020 · Lesedauer 4 min

In Videos auf der Video-Plattform TikTok schminken sich Teenager, um wie Holocaust-Opfer auszusehen.

Warfen TikTok-Nutzer bis vor Kurzem Würste auf Katzen, fällt ein Teil der Community nun wieder mit einer Geschmacklosigkeit auf: Sie geben vor, Holocaust-Opfer im Himmel zu sein, und tragen Make-up, das Verbrennungen, Kratzer und Hunger simuliert.

Die kurzen Videos, in denen Bruno Mars "Locked Out of Heaven" bizarrerweise häufig als Hintergrundmusik verwendet wird, erwähnen immer das Konzentrationslager Auschwitz und erzählen populäre Darstellungen der Verfolgung jüdischer Menschen im nationalsozialistischen Deutschland.

Die Videos, die Hashtags wie #Holocaust und #heaven verwenden, haben Tausende von Views und einige haben mehr als hunderttausend Likes.

Obwohl der Ton der meisten dieser Videos nicht humorvoll ist, schockierte die Darstellung toter Holocaust-Opfer diese Woche einige jüdische TikTok-NutzerInnen. Der Trend wurde diese Woche in einem Twitter-Thread von der 19-jährigen Briana aus Los Angeles dokumentiert, die im Holocaust ihre Familie verloren hat.

Teenager wollen Bewusstsein für Holocaust schaffen

Interviews mit den Videomachern zeigen, dass es sich um einen schlecht informierten Versuch handelt, um das Bewusstsein für den Holocaust zu schärfen.

So erzählte eine 17-Jährige aus New Jersey gegenüber "Insider", dass sie in ihrem TikTok-Video vorgab, ein Holocaust-Opfer zu sein, um "Menschen zu erziehen", und weil sie das Gefühl hatte, es sei "wichtig" diese Geschichten zu teilen. Ihr Charakter in dem Video beschrieb, wie sie mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert wurde, wo sie alle in den Gaskammern ermordet wurden

Auch andere VideomacherInnen, wie die 15-Jährige McKayla sagen, dass sie mit ihrem Video, Bewusstsein für den Holocaust schaffen wollten. "Ich habe Vorfahren, die in Konzentrationslagern waren und tatsächlich einige Überlebende aus dem Lager Auschwitz getroffen haben. (…) Ich wollte allen die Realität hinter den Lagern zeigen, indem ich die Geschichte meiner jüdischen Großmutter erzähle", sagte sie zu "WIRED".

Holocaust-Nachahmung beleidigt die Opfer

Kritiker sehen den Trend jedoch als "Trauma-Porno" an und sagen, er sei beleidigend für Menschen mit Familienmitgliedern, die den Krieg erlebt haben oder gestorben sind.

So auch Briana, die die Unwissenheit und Trend-Geilheit kritisiert. "Die meisten Videomacher machen [diese Videos], um auf einen Trend zu springen, damit sie Likes und Bekanntheit bekommen [aber sie sind] schlecht informiert und absolut unwissend", sagt sie gegenüber "Wired". "Diese Art von Trends sind heutzutage so normalisiert, dass es auch einen Schockwert gibt, der meiner Meinung nach veraltet und geschmacklos ist. Dieser Schockwert desensibilisiert den Betrachter weiter für diese Art von Verhalten und normalisiert diese Art von schädlichem Inhalt."

Diane Saltzman vom US-Holocaust-Museum verurteilt die Videos in einem Statement gegenüber "Insider": "Die Nachahmung von Holocaust-Erfahrungen entehrt die Erinnerung an die Opfer, beleidigt Überlebende und trivialisiert die Geschichte."

Es ist nicht das erste Mal, dass das Argument der "Sensibilisierung" verwendet wird, um potenziell störende oder gewalttätige Inhalte zu rechtfertigen, die einige BenutzerInnen möglicherweise stören. Ein ähnlicher Trend zum Thema häuslicher Missbrauch, bei dem VideomacherInnen vorgaben, misshandelte Frauen oder missbräuchliche Freunde zu sein, wurde im April dieses Jahres mit identischen Gründen für ihre Schöpfung gemeldet.

"Trauma-Porno" als Trend

Hintergrund der schockierenden Videos ist ein Trend, der sich grob als "Trauma-Porno" bezeichnen lässt. Das umfasst kurze Filme, in denen Jugendliche in die Rolle einer fremden Person schlüpfen, um als Verstorbene vom Tod zu berichten. Doch wie in den meisten Fällen, gibt es auch bei diesen fragwürdigen Inhalten Grenzen, die spätestens bei der Verhöhnung von NS-Opfern gezogen werden sollten.

TikTok lehnte es laut "Wired" zwar ab, den Fall zu kommentieren. Da die Holocaust-Videos aber nicht offline genommen wurden, ist davon auszugehen, dass sie laut der chinesischen Video-Plattform nicht gegen die Community-Richtlinien verstoßen, da sie nicht der Definition von Hassreden entsprechen - sie stiften keine Gewalt gegen eine Gruppe von Menschen an oder entmenschlichten sie Einzelpersonen auf der Grundlage von geschützten Attributen.

Quelle: Redaktion / apb