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WWF protestiert gegen Ausbau-Pläne im Kraftwerk Kaunertal

16. Feb. 2022 · Lesedauer 5 min

Naturschutzorganisationen, darunter der WWF, fordern vom Tiroler landeseigenen Energieversorger Tiwag eine Rücknahme der Ausbau-Pläne für das Kraftwerk Kaunertal und ein Bekenntnis zu einer naturverträglichen Energiewende. Die Pläne für das Mega-Pumspeicherkraftwerk wurden erstmals 2009 eingereicht, derzeit liegen sie zur UVP-Prüfung vor. "Wer gegen Wasserkraft ist, fördert Atomstrom und befeuert den Klimawandel", hielt Energielandesrat LHStv. Josef Geisler (ÖVP) dagegen.

Im Rahmen einer Protestaktion am Mittwoch entrollten WWF Österreich und die Vereine "Lebenswertes Kaunertal" und "Wildwasser Erhalten Tirol" (WET) vor der Zentrale des für den Ausbau zuständigen Tiwag-Konzerns in Innsbruck ein Banner, das die Dimensionen des geplanten Staudamms zeigt. Mit seinen 120 Metern wäre der Staudamm fast so hoch wie der Stephansdom in Wien und sieben Mal so hoch wie das Goldene Dachl.

Eine Handvoll WWF-Vertreter und Vereinsangehörige - darunter auch die Tiroler WWF-Gewässerschutzsprecherin Marianne Götsch - traten mit den anwesenden Pressevertretern und interessierten Passanten ins Gespräch und erklärten ihre Vorbehalte. Götsch pochte gegenüber der APA auf eine "gemeinsame Lösung der Klima- und Biodiversitätskrise" und kritisierte, dass die Tiwag zu stark auf Wasserkraft setze. Mit den Projektgeldern könne der landeseigene Energieversorger sowohl den Sonnenstrom rascher ausbauen, als auch die ökologischen Belastungen durch ihre Kraftwerke sanieren.

Dieses "Monsterprojekt" stehe wie kein anderes für die "gestrige, nicht naturverträgliche Ausbaupolitik der Tiwag", fand WWF-Gewässerexpertin Bettina Urbanek und forderte: "Die naturverträgliche Energiewende muss auch für Speicherkraftwerke gelten".

"Wer gegen Wasserkraft ist, fördert Atomstrom und befeuert den Klimawandel. Das Burgenland hat die Windkraft, wir in Tirol haben die Wasserkraft. Und diese erneuerbare Ressource werden wir verantwortungsvoll und bestmöglich im Sinne der kommenden Generationen nutzen", sprach sich Tirols Energiereferent LHStv Josef Geisler hingegen auf APA-Anfrage klar für die ökologisch verträgliche Nutzung der Wasserkraft aus und hielt fest: "Jedes Infrastrukturprojekt, und natürlich auch die Wasserkraft muss die strengen und umfangreichen umwelt- und naturschutzrechtlichen Verfahren positiv durchlaufen."

Laut Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz von Bundesministerin Gewessler müsse Österreich die Wasserkraft bis 2030 um fünf Terawattstunden ausbauen. Mit 2,8 Terawattstunden steure Tirol mehr als die Hälfte des festgeschriebenen österreichischen Ausbauziels für die Wasserkraft bei, hielt Geisler fest und unterstrich: "Ohne den Ausbau der Wasserkraft können wir uns unsere ambitionierten Energie- und Klimaziele nicht nur in Tirol, sondern auch in Österreich schlichtweg an den Hut stecken."

Andere Töne kamen hingegen vom grünen Koalitionspartner. "Wir brauchen definitiv eine Energiewende, und zwar eine Wende dabei wofür die Energie aufgewendet wird. Immer noch werden Großprojekte intensiv verfolgt, bei denen über viele Jahre eine Realisierung nicht wahrscheinlich ist", ließ Klubobmann Gebi Mair in einer Aussendung wissen. Viel besser wäre es, Energie und Ressourcen dort einzusetzen, wo für den Klimaschutz etwas erreicht werden kann, "ohne große Schäden in der Natur anzurichten". Er denke dabei an das "derzeit noch weiter laufende Verfahren zum Kraftwerk Kaunertal", ging Mair deutlich auf Distanz und mahnte einen Fokus auf Photovoltaik-Ziele ein.

Der geplante Ausbau des derzeitigen Kraftwerks im Kaunertal wurde bei der zuständigen UVP-Behörde zur Prüfung eingereicht, hieß es gegenüber der APA seitens der Tiwag. Nach der Fertigstellung würden rund 787 Millionen Kilowattstunden pro Jahr aus natürlichem Zufluss zusätzlich erzeugt. Damit können rund 300.000 Tonnen CO2 jährlich gespart werden, wurde betont. Die Tiwag lege außerdem "großen Wert auf Zusatznutzen für die Projektregion durch Infrastruktur- und Ausgleichsmaßnahmen sowie regionale Zukunftspakete", hieß es.

Derzeit sind zu den Kraftwerksprojekten an der Gurgler und der Venter Ache oberstgerichtliche Verfahren anhängig. Die Tiwag ging nicht davon aus, dass vor Erledigung dieser Verfahren das UVP-Verfahren zum Ausbau des bestehenden Kaunertalkraftwerkes fortgeführt wird.

Die Kaunertal-Verbauung wäre ein massiver Eingriff in den Wasserhaushalt der Ötztaler Alpen, hieß es hingegen vonseiten der Naturschutzorganisationen. Aus den Gletscherflüssen Venter und Gurgler Ache sowie aus Verwall- und Königsbach sollen bis zu 80 Prozent des Wassers ab- und zwei Täler weit in künstliche Stauseen umgeleitet werden. Diese Ableitung habe "fatale ökologische Folgen für die Flüsse" und bringe einen "dauerhaften Wasserentzug für das gesamte Ötztal", warnte Urbanek. Insgesamt würden im Projektgebiet laut dem Tiwag-Plan 88 Flusskilometer zu Restwasserstrecken degradiert, während durch die enorm verstärkte Schwalleinleitung der Kraftwerke ein über vier Kilometer langer Abschnitt des Inns ökologisch völlig zerstört würde.

Es gehe in "die völlig verkehrte Richtung" kritisierte die WWF-Expertin. Die Tiwag sei dazu verpflichtet, die "Schwallbelastung des Inns bis 2027 zu sanieren" anstatt "ihn zusätzlich zu belasten". Verheerende Folgen hätte das Projekt auch auf das Platzertal. Elf Hektar wertvoller Moorflächen würden vom Wasser des Stausees überflutet. Insgesamt betreffe das Projekt außerdem 20 Gemeinden, sei es durch die jahrelangen Großbaustellen oder durch den Wasserentzug aus dem Ötztal.

Für einen "unverzüglichen" Stopp des geplanten Kraftwerk-Ausbaus sprach sich am Mittwoch auch die oppositionelle Liste Fritz in einer Aussendung aus und erinnerte daran, das die Tiwag bereits 2009 das Projekt erstmals eingereicht hat. Seitdem reihen sich Planungen und Umplanungen, Verfahrensverzögerungen und Neueinreichungen aneinander, erinnerte die Liste Fritz und forderte: Die Tiwag und die schwarz-grüne Landesregierung müssen "die Reißleine ziehen, bevor noch mehr Tiroler Steuergeld verpulvert wird".

Quelle: Agenturen