APA - Austria Presse Agentur

Wenn die Arie in Zeiten von Corona vom Balkon schallt

06. Apr 2020 · Lesedauer 3 min

Jeden Abend um 19 Uhr tritt der Opernsänger Stephane Senechal in Paris an sein Fenster und stimmt ein Lied an. Eine Arie aus "Carmen", ein Stück von Edith Piaf oder "Ave Maria". "Es ist ein kleiner Moment der Freiheit, der Realitätsflucht", sagt der Tenor. Wie er musizieren derzeit viele Menschen für Nachbarn oder alte Menschen und setzen damit ein Zeichen in der Coronakrise.

Jeden Abend um 19 Uhr tritt der Opernsänger Stephane Senechal in Paris an sein Fenster und stimmt ein Lied an. Eine Arie aus "Carmen", ein Stück von Edith Piaf oder "Ave Maria". "Es ist ein kleiner Moment der Freiheit, der Realitätsflucht", sagt der Tenor. Wie er musizieren derzeit viele Menschen für Nachbarn oder alte Menschen und setzen damit ein Zeichen in der Coronakrise.

Konzerte und der Eurovision Song Contest sind wegen der Pandemie abgesagt. Stattdessen treten in ganz Europa Musiker auf ihre Balkone oder an ihre Fenster, Tausende stellen Videos mit Hausmusik in die Onlinenetzwerke. "Quarantäne-Konzerte" boomen in Ländern, die eine Ausgangs- oder Kontaktsperre haben.

"Den ganzen Tag lang hört man nur Tragisches und von noch mehr Toten", sagt der Tenor Senechal. "Wenn ich sehe, wie mein Gesang die Menschen zum Lächeln bringt, macht mir das einfach Freude." Zum Weitermachen habe ihn unter anderem ein Covid-19-Kranker ermutigt, der ein Video von ihm im Internet entdeckt habe, sagt der Sänger. "Jetzt aufzuhören wäre falsch", meint Senechal deshalb.

"Bach auf dem Balkon" heißt eine andere Initiative. "Bach ist ein sehr guter Begleiter, mit seiner Musik ist man nie alleine", sagt die in Paris lebende US-Bratschistin Sarah Niblack. In Paris, Straßburg oder Lille spielen sie und andere Orchestermusiker Stücke von Johann Sebastian Bach.

Das ist für die Musikerin nur ein kleiner Ersatz für die vielen ausgefallenen Konzerte: Alleine Niblack wurden sechs Engagements bei verschiedenen Orchestern gestrichen. "Wir können uns zwar nicht in Krankenhäusern nützlich machen, aber mit der Musik können wir das Leben der Menschen ein bisschen bereichern", sagt die Musikerin.

"Magisch" findet solche Momente auch der deutsche Kontrabassist Felix Hildenbrand, der seit 20 Jahren in Amsterdam lebt. Sein neues Projekt: Er spielt für Senioren, die weitgehend isoliert sind. Dafür hat der studierte Jazzmusiker sein Repertoire erweitert und das Instrument gewechselt: Er baut sich mit Gitarre und Verstärker auf der Straßenseite gegenüber von einem Altenheim auf und singt Hits von Elvis Presley bis Dean Martin.

"Das kommt super an", erzählt der 44-Jährige. "Die alten Menschen stehen am Fenster, winken, schicken Kusshände und sind unheimlich dankbar, dass sie jemand aus ihrem grauen Alltag holt." Mithilfe einer Altenpflegerin hat Hildenbrand erste Straßenauftritte organisiert. Sein nächstes Ziel sind Konzerte in holländischen Dörfern.

Doch nicht nur Profimusiker sind aktiv: In Italien, das besonders hart vom Coronavirus getroffen ist, verabreden sich regelmäßig Menschen in den Onlinenetzwerken zum abendlichen Musikmachen am Fenster. In Rom oder Mailand stimmen sie zusammen Schlager wie "Grazie Roma" oder "Azzurro" an, auch in der spanischen Hauptstadt Madrid haben viele Menschen die Musik aus den eigenen vier Wänden auf den Balkon verlegt.

Trotz all der guten Laune bleiben die existenziellen Sorgen der Künstler bestehen. Hildenbrand ist ein wenig abgesichert: In den Niederlanden werden freischaffende Musiker in der Coronakrise drei Monate lang aus öffentlichen Geldern unterstützt. "Die große Frage ist, was danach kommt", sagt der Musiker. "Es ist eine Krise, wie wir sie noch nicht erlebt haben. Wir müssen hoffen, dass die Kultur das überlebt."

Quelle: Agenturen