Solidarität mit Klimaaktivisten: Das sagen die Wissenschaftler

10. Jan. 2023 · Lesedauer 5 min

Rund 40 Wissenschaftler:innen solidarisieren sich am Dienstag mit den Klimaprotesten der Gruppe "Letzte Generation".

"Was bleibt uns da anderes übrig?", meint der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter (MedUni Wien) auf die Frage, ob er sich auch mit den Klimaprotesten der Gruppe "Letzte Generation" solidarisiert. 

Wissenschaft hat "niemanden interessiert"

"Wir haben sehr lange Zeit natürlich darauf hingewiesen", meint Hutter in Bezug auf den Klimawandel. Man habe Konzepte aufgestellt, es gebe sehr viel wissenschaftliche Forschung dazu - das habe in den letzten 20 Jahren jedoch "nicht wirklich jemanden interessiert". Die Aufmerksamkeit gegenüber der Wissenschaft sei "nicht ganz optimal" gewesen, so der Umweltmediziner.

Aufregung nachvollziehbar...

Es sei "ganz klar", dass die Proteste in dieser Form viele Menschen verärgern werden. Die Aggression über das Ankleben der Aktivisten sei laut Hutter "selbstverständlich nachvollziehbar", es sei jedoch eine Möglichkeit darauf aufmerksam zu machen. "Es soll jene bewegen, die hier noch immer am Ruder sind und die das Ruder herumreißen können", betont der Umweltmediziner das Ziel der Proteste.

Es brauche "einen Schritt nach vorne in Aktion". Das was schon lange gefordert wurde, soll umgesetzt werden. "Alle müssen zusammen halten, dann schaffen wir es", betont Hutter.

Hutter zu Protesten: "Was bleibt uns da anderes übrig?"

...Kriminalisierung aber "traurig" und "enttäuschend"

Erst kürzlich sprach sich die niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) für härtere Strafen bei Klima-Blockaden aus. Im PULS 24 Interview äußert sich Hutter dazu.

Man könne sich über die Klimaaktionen ärgern, es sei "sicher unangenehm", aber die Kriminalisierung solcher Aktionen sei "enttäuschend" und "traurig" und "das haben alle hier überhaupt nicht verdient". 

"Das ist eigentlich eine Gemeinheit all denen gegenüber, die sich hier einsetzen. Das kann man auch nicht so stehen lassen. Das man jetzt auch noch in Richtung Kriminalisierung geht ist eigentlich ein Witz und bedarf eigentlich nicht eines weiteren Kommentars", so der Mediziner. 

Klimaforscherin: "Wir verbauen unsere Zukunft"

"Das Ziel, dass die Aktivisten verfolgen, ist eindeutig zu unterstützen", meint auch die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb. Die Wissenschaft habe "30 Jahre lang versucht, einfach nur durch Publikationen, durch Information etwas in Bewegung zu setzen" - das sei aber nicht gelungen. Man müsse respektieren, "dass die jungen Leute, um deren Zukunft es geht, jetzt andere Wege gehen". 

Auch Kromb-Kolb hat Verständnis für die Verärgerung der Autofahrer:innen, meint aber, es brauche manchmal "diese Störung, damit man anfängt darüber nachzudenken, wo liegt das eigentliche Problem?". Das eigentliche Problem liege nicht daran, dass man mit einer Verspätung im Büro ankommt, sondern darin, "dass wir unsere Zukunft verbauen", so die Klimaforscherin.

Die Kriminalisierung der Klimaaktivist:innen sei die falsche Richtung und unter anderen ein Grund, warum Kromp-Kolb bei der Protestaktion am Praterstern dabei war.

Klimaforscherin: Ziel der Aktivisten ist eindeutig zu unterstützen

Essl: Uneingeschränkte und vollinhaltliche Unterstützung

Franz Essl, Biodiversitätsforscher und Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2022, war bei der Protestaktion am Praterstern auch anwesend. Auch er stellte klar: "Ich möchte die Anliegen, die schon angesprochen worden sind, auch aus meiner fachlichen Sicht uneingeschränkt und vollinhaltlich unterstützen".

Ein Beispiel: Im Jänner 2023 sei es in Österreich bislang um acht Grad zu warm gewesen. Das sei "klimatisch völlig außerhalb jeder vorstellbaren Norm" und liefere "einen Vorgeschmack dessen, was in den nächsten Jahrzehnten zur Norm werde wird". Als Wissenschaftler, der sich mit dem Thema Klima intensiv beschäftigt, müsse Essl den Aktivisten Recht geben. Es sei "unverantwortlich, keine Klimapolitik und keine Biodiversitätspolitik umzusetzen, zu der wir uns ja verpflichtet haben", kritisiert der Forscher. Das 2030-Klimaziel sei auf diesem Weg sicher nicht zu erreichen.

Es sei leider notwendig, "die Gesellschaft bis einem gewissen Grad aufzurütteln". Das betreffe aber vor allem die Entscheidungsträger, so Essl.

Essl: Leider notwendig, die Gesellschaft aufzurütteln

Klimaexperte: Feueralarm für eine schlafende Gesellschaft

"Wir als Wissenschaftler:innen haben wiederholte Male darauf hingewiesen, gewarnt. Das reicht nicht, offensichtlich", betont Reinhard Steurer, Klimaexperte an der BOKU Wien. "Wir sind heute da, in erster Linie, um uns mit Klimaaktivsten zu solidarisieren. Auch mit zivilem Widerstand, der lästig ist", erklärt Steurer.

Ziviler Widerstand sei sowas wie "ein Feueralarm für eine schlafende, verdrängende Gesellschaft, die in eine zunehmend brennende Welt geht". Unverantwortlich sei es nicht Straßen zu blockieren, sondern vielmehr "ein Klimaschutzgesetz zwei Jahre lang zu blockieren ohne Ende in Sicht" und Zielverfehlungen in Kauf zu nehmen.

Wissenschaftler: Wir solidarisieren uns mit den Klimaaktivisten

Verkehrsplaner: Treibhausgase sparen und Menschenleben retten

"Ich finde es interessant, dass wir Wissenschaftler, obwohl wir sehr viel mittlerweile wissen, zu solchen Aktionen greifen müssen und uns hier treffen müssen, damit die Berichte, die wir verfassen, ein Gehör finden", kritisiert auch Günter Embacher, Professor für Verkehrsplanung und -technik an der TU Wien.

Er unterstütze vor allem eine Einführung des Tempolimits von 80 statt 100 Kilometer und das Tempolimit 30. Dies sei einfach umzusetzen und einfach zu kontrollieren. Man wisse aus der Wissenschaft, dass das "die größten Wirkungen hätte". Mit der Einführung eines solchen Tempolimits könnte man nicht nur Treibhausgase sparen, sondern auch "ungefähr 116 Personen oder Menschenleben retten" und "7.000 Verletzte einsparen". 

Dijana DjordjevicQuelle: Redaktion / ddj