APA - Austria Presse Agentur

Polizisten halfen Studentin nach antisemitischem Übergriff in U-Bahn nicht

28. Mai 2021 · Lesedauer 2 min

Eine 19-Jährige wurde in der U3 angegriffen und beschimpft, weil sie ein Buch über Juden las. Als sich die Studentin an die Polizei wandte, so die junge Frau, wurde ihr gesagt, sie solle den Fall vergessen.

Die 19-jährige Kärntnerin Eva Wieser studiert Judaistik in Wien. Am Montag der vorigen Woche las Wieser nach eigener Aussage in der Wiener U-Bahnlinie U3 das Buch "The Jews in the Modern World" als drei Männer aufstanden und sie einer davon an den Haaren packte. Sie sei als "Judenschlampe" und "Kindsmörderin" beschimpft worden. Kurz vor der Haltestelle Stephansplatz konnte sich die Studentin befreien, stieg aus und bat auf der Kärntner Straße zwei Polizisten um Hilfe. 

Polizei warf Opfer Provokation vor

Die erste Frage der Beamten sei gewesen, warum sie so ein Buch "jetzt in dieser Konfliktsituation" lesen müsse. Ob ihr nicht klar sei, dass das provozieren würde, wie sie im "Ö1-Morgenjournal" erzählte. Sie sei auch danach gefragt worden, ob sie Jüdin sei, berichtet Wieser weiter. Da sie das nicht sei, könne man nicht von Antisemitismus sprechen, hätten ihr die Polizisten erklärt. Auf einer Polizeiwache werde sie das gleiche hören und es sei schwierig, die Täter ausfindig zu machen, so die Beamten weiter. Am besten sei, sie würde den Vorfall vergessen. 

Wieser stellte Tage nach dem Vorfall in Eigeninitiative eine Anfrage an die Wiener Linien. Dort speichert man die Videoaufzeichnungen aus der U-Bahn aber nur 72 Stunden lang. 

In den letzten Jahren "erschreckenden Anstieg an Antisemitismus"

Bini Guttmann, Präsident der European Union of Jewish Students, erklärt im Gespräch mit PULS 24, dass viele Vorfälle nicht gemeldet werden, weil sich Betroffene nicht erwarten, dass etwas passiert. 

Landau: "Ungeheuerlich"

Bildungsexperte Daniel Landau verurteilt den Vorfall auf Ö1 als "ungeheuerlich". Er ist für das Innenministerium zur Zeit damit beschäftigt, ein Ausbildungsmodul zur Antisemitismus-Sensibilisierung zu entwickeln. Es soll im Herbst in einem Umfang von acht Stunden umgesetzt werden. Bei einem dermaßen massiven Übergriff stelle sich nicht einmal die Frage, ob es sich um Antisemitismus handle, so Landau. Es dürfe nicht passieren, dass Polizisten einem Opfer vorwerfen, einen Übergriff ausgelöst zu haben. Egal ob es sich um antisemitische, sexuelle oder andere Übergriffe handle. 

Daniel Landau, Bildungsexperte, spricht PULS 24 mit über das neue Ausbildungsmodul für Polizisten.

Innenministerium und Landespolizeidirektion gaben an, Beschwerden in diese Richtung ernst zu nehmen. Die zuständige Polizeidienststelle sei beauftragt worden, den Fall zu untersuchen. 

Quelle: Redaktion / lam