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Nur eine Nacht mit Verkehrslärm stresst Herz und Blutgefäße

Heute, 15:13 · Lesedauer 4 min

Eine neue wissenschaftliche Studie aus Europa zeigt, dass bereits eine einzige Nacht mit nächtlichem Straßenverkehrslärm - in einer für Stadtbewohner typischen Lautstärke - Herz und Blutgefäße belastet. Die wissenschaftliche Untersuchung wurde jetzt in der Fachzeitschrift "Cardiovascular Research" veröffentlicht.

"Die Ergebnisse könnten erklären, warum Menschen, die langfristig Verkehrslärm ausgesetzt sind, häufiger an Bluthochdruck und Herzerkrankungen leiden. Die randomisierte (Zuteilung der Probanden per Zufall; Anm.), verblindete Crossover-Studie (Wechsel zwischen Testbedingungen; Anm.) mit 74 gesunden Erwachsenen ergab, dass geringer nächtlicher Straßenverkehrslärm die Gefäßfunktion beeinträchtigte, die Herzfrequenz erhöhte und den Schlaf störte", schrieb die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) mit Sitz in Südfrankreich in einer Aussendung.

Die wissenschaftliche Untersuchung identifizierte außerdem Veränderungen der Blutproteine, die mit Entzündungen und Stress bei nächtlichen Lärmbelastungen in Zusammenhang stehen. "Schon eine einzige Nacht mit Straßenverkehrslärm belastete das Herz-Kreislauf-System. Wir hatten nicht erwartet, derart durchgängige biologische Veränderungen bei Menschen zu finden, die einem für Straßenanrainer typischen Lärmpegel ausgesetzt sind", erklärte Studienleiter Omar Hahad vom Universitätsklinikum der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz in Deutschland.

74 gesunde Probanden nahmen drei Nächte lang an der Studie teil. Jede Nacht wurden sie einer von drei Lärmbedingungen ausgesetzt: keinem Lärm (Kontrollgruppe), 30 Episoden von Verkehrslärm oder 60 Episoden von Verkehrslärm. Die Studie war doppelblind, das heißt, weder die Probanden noch die Wissenschafter, welche die Gesundheitsmessungen durchführten, wussten, mit welchen Lärmbedingungen sie jede Nacht konfrontiert waren.

Am jeweils nächsten Morgen unterzogen sich die Probanden verschiedenen Gesundheitstests, darunter der sogenannten flussvermittelten Dilatation (FMD), einem Standardtest zur Beurteilung der Blutgefäßfunktion. Eine geringere prozentuale Erweiterung der Blutgefäße in diesem Test deutet auf eine eingeschränkte Blutgefäßfunktion hin und ist mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Die FMD-Rate der Kontrollgruppe betrug 9,35 Prozent, während sie bei den Probanden, die 30 Episoden nächtlichen Verkehrslärms ausgesetzt waren, 8,19 Prozent und bei den Probanden, die 60 nächtlichen Lärmereignissen ausgesetzt waren, 7,73 Prozent betrug.

Die Analyse von Blutproben lärmbelasteter Teilnehmer zeigte Veränderungen in der immunologischen Signalübertragung durch Interleukine (Immunbotenstoffe). Solche Veränderungen stehen im Zusammenhang mit Entzündungs- und Stressreaktionen.

Mensch und Maus mit ähnlichen Reaktionen

"Es handelt sich um ähnliche zentrale biologische Signalwege, die wir in zahlreichen Studien an Mäusen nach Lärmbelastung verändert gefunden haben. Das bedeutet, dass wir die durch Lärm beim Menschen hervorgerufenen molekularen Krankheitsmechanismen nun auch mithilfe von Tiermodellen erklären können", erklärte Andreas Daiber, Leiter der Forschungsgruppe Molekulare Kardiologie am Universitätsklinikum Mainz und Koordinator des EU-Umweltforschungskonsortiums MARKOPOLO.

Lärmbelastung erhöhte zusätzlich die durchschnittliche Herzfrequenz der Teilnehmer um 1,23 Schläge pro Minute. Die subjektiv empfundene Schlafqualität und Erholung waren nach Lärmbelastung in allen Dimensionen signifikant reduziert.

"Selbst im Schlaf ist unser Körper aktiv. Die wiederholte Aktivierung von Stressreaktionen Nacht für Nacht könnte erklären, warum Menschen, die langfristig Verkehrslärm ausgesetzt sind, häufiger an Bluthochdruck und Herzerkrankungen leiden. Der Schutz unseres Schlafs durch die Bekämpfung von Lärmbelästigung sollte daher ein wichtiger Bestandteil unserer Überlegungen zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Städten weltweit sein", erklärte Studienautor Hahad.

Die Teilnehmer mussten während der gesamten Studie auf Alkohol, Koffein, Nikotin, Drogen und anstrengende körperliche Aktivitäten verzichten. Sie hörten sich die Tonaufnahmen über Nacht in ihrem Schlafzimmer an, wobei die Einhaltung der Vorgabe durch kontinuierliche Schallpegelmessung überwacht wurde. Die Verkehrsgeräusche stammten aus dem realen Straßenverkehr und erreichten jeweils Spitzenwerte von etwa 60 Dezibel.

Hahad erläuterte die Bedeutung der Studie (https://doi.org/10.1093/cvr/cvag028) für Einzelpersonen und politische Entscheidungsträger so: "Die Lärmbelastung im Schlafzimmer nach Möglichkeit zu reduzieren, ist eine sinnvolle Maßnahme - beispielsweise durch die Verlegung des Schlafzimmers weg von der Straße oder den Einbau gut isolierter Fenster. Ohrstöpsel können die Lärmbelastung ebenfalls verringern, obwohl es noch keine gesicherten Beweise dafür gibt, dass sie vor Herz-Kreislauf-Risiken schützen. Auch Lebensstiländerungen wie eine gesündere Ernährung und regelmäßige Bewegung können einen positiven Effekt haben."

Lärmschutz als gesellschaftliche Aufgabe

"Den größten positiven Einfluss hätten jedoch strukturelle und gesellschaftliche Maßnahmen, wie die Reduzierung des nächtlichen Verkehrs, leisere Straßen, eine bessere Stadtplanung und eine gute Gebäudedämmung", fügte der Wissenschafter hinzu.

Laut aktuellen Schätzungen der Europäischen Umweltagentur (EUA) sind etwa 150 Millionen Menschen, über 30 Prozent der Bevölkerung im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), der alle EU-Mitgliedstaaten sowie Island, Liechtenstein und Norwegen umfasst, langfristig gesundheitsschädlichen Verkehrslärmpegeln ausgesetzt. Der Straßenverkehr ist dabei die Hauptursache und betrifft die Mehrheit der betroffenen Personen.

Zusammenfassung
  • Bereits eine Nacht mit nächtlichem Straßenverkehrslärm in typischer Stadtlautstärke belastet laut einer europäischen Studie Herz und Blutgefäße.
  • 74 gesunde Erwachsene wurden in einer doppelblinden Crossover-Studie drei Nächte lang unterschiedlichen Lärmbedingungen ausgesetzt, wobei die Gefäßfunktion und Herzfrequenz signifikant beeinträchtigt wurden.
  • Die FMD-Rate sank von 9,35 Prozent in der Kontrollgruppe auf 8,19 Prozent bei 30 und 7,73 Prozent bei 60 Verkehrslärm-Episoden, was auf ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hindeutet.
  • Die durchschnittliche Herzfrequenz der Teilnehmer stieg nach Lärmbelastung um 1,23 Schläge pro Minute, und die Schlafqualität war in allen Dimensionen reduziert.
  • Laut Europäischer Umweltagentur sind etwa 150 Millionen Menschen im EWR langfristig gesundheitsschädlichem Verkehrslärm ausgesetzt, wobei der Straßenverkehr die Hauptursache darstellt.