Wagner: "Naiv und falsch" Inzidenzen nicht mehr als Richtwert zu benützen

14. Sept 2021 · Lesedauer 3 min

Gurgelstudien-Leiter und Mikrobiologe Michael Wagner ist vehement dagegen, in der Schule nur noch Sitznachbarn als K1-Personen zu werten. Dass die Regierung sich nun nach Krankenhauszahlen statt nach Inzidenzen richte, sei naiv und falsch. Dadurch hinke man der Corona-Welle hinterher.

Nach einer Woche Schule sind 340 Klassen in Wien und 80 in Niederösterreich in Quarantäne. Diese Zahlen, so Mikrobiologe Michael Wagner, der Leiter der Gurgelstudie in Wien, seien noch nicht durch den Schulbesuch entstanden, die Krankheit sei von den Ferien mitgebacht worden. Wichtig wäre im Sommer gewesen, die Zeit für möglichst viele PCR-Tests zu nützen. Der Nachteil der Antigentests sei, dass man Kranke damit entweder überhaupt nicht oder erst dann findet, wenn sie schon hochinfektiös sind und viele andere angesteckt haben könnten. 

Nur Sitznachbarn als K1-Personen zu werten sei sinnlos

Bildungsminister Faßmann kündigte an, die Quarantäne für Schulen verkürzen zu wollen und nur noch direkte Sitznachbarn als K1-Personen zu werten. Das mache aus wissenschaftlicher Sicht wenig Sinn, kritisiert Wagner. Es gebe unzählige Fallbeispiele, die bewiesen, dass Ansteckungen über viele Meter hinweg passieren können. Kinder würden außerdem nicht auf ihrem Sitzplätzen bleiben. Es sei eine Illusion, das zu glauben. Eine Alternative wäre, Kindern FFP2-Masken aufzusetzen und sie alle zwei Tage PCR zu testen, um sie bei Ansteckung sofort aus dem Unterricht nehmen zu können. Das ließe sich zumindest in Städten umsetzen, wo die PCR-Infrastruktur gegeben sei. 

Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es auch falsch, Unter-10-Jährige wie Geimpfte, also lockerer, zu behandeln. Diese Entscheidung habe laut Wagner wahrscheinlich mehr damit zu tun, dass bei den Kleinen der Betreuungsaufwand höher sei. 

Schwere Verläufe bei Kindern

Bei den meisten Kindern verlaufe eine Corona-Erkrankung milde. Es gebe aber Ausnahmen.

MIS-C zum Beispiel sei eine Multi-Organ-Entzündungskrankheit, die nach der eigentlichen Covid-Erkrankung auftrete. Kinder würden dadurch massive Probleme bekommen. Die Krankheit sei öfter lebensbedrohlich, Kinder könnten damit auch auf der Intensivstation landen. Die Chance, diese zu bekommen sei 1:4.o00. Zum Vergleich: Die Chance einer Hirnvenenthrombose bei der AstraZeneca-Impfung liegt bei 1:100.0o0. 

Kinder können auch Long-Covid bekommen. Die Chance liege im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Auch da gebe es schwere Verläufe. 

Long-Covid bei Kindern: Auch bei leichten Erkrankungen möglich

Kinderarzt Peter Voitl sagt im PULS 24 Talk, dass Sorge um Long-Covid bei Kindern "absolut berechtigt" sei. Sechs bis zehn Prozent der Erkrankungen gehen bei Kindern in Long-Covid über und es sei nicht immer leicht zu diagnostizieren. Die Schwere der Erkrankung habe nichts damit zu tun, ob eine normale Corona-Erkrankung Spätfolgen habe.

Wagner spricht sich auch für regelmäßige PCR-Tests bei Erwachsenen aus. 

Inzidenzen als Richtwert? "Naiv und falsch"

Bei den aktuellen Corona-Maßnahmen kritisiert der Mikrobiologe am meisten, dass die FFP2-Maskenpflicht in Innenräumen abgeschafft wurde. Das hätte nicht passieren dürfen.

Kritisch sieht er, dass man sich nicht mehr nach Inzidenzen richtet. Die Krankenhauszahlen schleppe man hinterher. Damit begebe man sich damit mit den Maßnahmen künstlich hinter die Welle. "Es ist naiv und einfach falsch zu glauben, dass die Inzidenz keine Konsequenz mehr hat." Würde man sich nach der richten, könne man viel schneller reagieren. Gerade bei Kindern, die seltener im Spital landen, hätte man schon sehr viele Fälle, wenn man sich nach den Spitalszahlen richtet. 

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam