APA - Austria Presse Agentur

Loewits "7 Milliarden für nichts": Teures Gesundheitssystem

19. Mai 2020 · Lesedauer 4 min

Der Titel "7 Milliarden für nichts" nimmt schon einiges vorweg, die mehr als 200 Seiten Text erzählen aber auch für medizinische Laien sehr anschaulich, wie viel Geld tagtäglich im österreichischen Gesundheitssystem verpulvert wird. Der Allgemeinmediziner Dr. Günther Loewit berichtet in diesem Buch anhand eigener Erfahrungen, wo man bei mindestens gleich guter Versorgung einsparen könnte.

Der Titel "7 Milliarden für nichts" nimmt schon einiges vorweg, die mehr als 200 Seiten Text erzählen aber auch für medizinische Laien sehr anschaulich, wie viel Geld tagtäglich im österreichischen Gesundheitssystem verpulvert wird. Der Allgemeinmediziner Dr. Günther Loewit berichtet in diesem Buch anhand eigener Erfahrungen, wo man bei mindestens gleich guter Versorgung einsparen könnte.

"Die Medizin verliert ihren wichtigsten Untersuchungsgegenstand aus den Augen: den Menschen", ist eine der Kernaussagen von Loewits vor einigen Wochen erschienenem Sachbuch. Geschäftemacherei, Gewinnmaximierung und damit einhergehend überbordende - und dadurch naturgemäß sehr kostspielige - Bürokratie sind für den im niederösterreichischen Marchegg ordinierenden Arzt die vorrangigen Kennzeichen des aktuellen heimischen Gesundheitssystems, das seiner Meinung nach diese Bezeichnung gar nicht verdient. Denn für ihn ist das Gesundheitssystem "ein Markt geworden, der versucht, Geld zu generieren".

Die Gründe für ausufernde Bürokratie und Ineffizienz, die letztlich in Verschleuderung von Milliarden an Versicherungs- und Steuergeldern münden, sind laut Loewit freilich mannigfaltig. Einerseits wurden Hausärzte über viele Jahre in ihrer Bedeutung als erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen zurückgedrängt und sind Landärzte vielerorts überhaupt verschwunden, andererseits erhalten sie in ihren Praxen vermehrt Besuch von Patienten, die sich ihre - vermeintliche - Diagnose bereits von "Dr. Google" stellen ließen und nur noch um eine Überweisung zu einem Facharzt oder einer MRT-Untersuchungen holen wollen.

Darüber hinaus sieht Loewit in der modernen Medizin ein Geschäft mit der Angst - den Menschen werde suggeriert, dass man bei Beschwerden stets alle möglichen schlimmen Krankheiten ausschließen müsse, mit dem Resultat vieler teurer und oft unnötiger Untersuchungen. Verloren gegangen ist für ihn vielfach das ärztliche Anamnesegespräch, das einem erfahrenen Hausarzt zum Beispiel Rückschlüsse auf etwaige psychosomatische Ursachen für körperliche Beschwerden ermöglicht - etwas, was Röntgen- und MRT-Bilder nicht erkennen können.

Nicht zuletzt liegen die Wurzeln des von ihm kritisierten Trends laut dem Autor und Arzt schon in der aktuellen Ausbildung für angehende Mediziner begründet: "In der derzeitigen Ausbildungsordnung für Ärzte ist Selbstreflexion, Selbsterfahrung und die Entwicklung von Selbstwertgefühl nicht vorgesehen", heißt es etwa in den Schlussbetrachtungen des Buches. Die Konsequenz: "Technisch-chemisch denkende Ärzte können die Seele ihrer Patienten weder erkennen noch berühren", weshalb sie die wahre Ursache für so manches gesundheitliche Problem nicht erkennen könnten. Daher lautet Loewits dringender Appell: "Es wäre an der Zeit, Ärzte während ihrer Ausbildungszeit darauf vorzubereiten, dass sie es in ihrem Berufsleben mit Menschen zu tun haben werden!"

Was "7 Milliarden für nichts" so empfehlenswert macht, ist Dr. Loewits Fähigkeit, Sachverhalte nicht einfach niederzuschreiben, sondern anhand zahlreicher Fallbeispiele aus seinem über mehr als drei Jahrzehnte als Landarzt angesammeltem Erfahrungsschatz sehr nachvollziehbar zu schildern. Kapitel für Kapitel kann man über Rettungshubschrauber-Einsätze in Fällen, in welchen früher oft der einfache Landarzt helfen konnte oder vielmehr durfte, ausufernde Medikation für "ganz normale Alterserscheinungen" bis hin zur Verschreibung von Medikamenten "gegen Zustände, die nur durch Medikamente entstanden sind", lesen.

Ebenso schildert Loewit Fälle von unnötigen Krankenhausaufenthalten mit viel zu vielen Untersuchungen anstelle eines Hausarzt-Besuchs mit Anamnesegespräch samt einfacher Untersuchung, oder aber von unnötigen Untersuchungen samt Kosten, die durch Ausklammerung psychischer Probleme beim "sonst so groß geschriebenen Vorsorgegedanken" entstehen. Bevor etwa ein Burnout-Syndrom diagnostiziert wird, haben Patientinnen und Patienten vielfach schon eine Ärzte- und Untersuchungs-Tour ohne nennenswerten Befund hinter sich, wie Loewit anhand eines weiteren Beispiels ausführt. Immer klarer wird bei der Lektüre, dass das daraus ableitbare Einsparungspotenzial nicht nur finanzieller Natur ist, sondern sich auch die Patienten vielfach zeitliche und nervliche Ressourcen sparen könnten, wenn sich Arzt oder Ärztin die nötige Zeit zur Abklärung ihrer Beschwerden nehmen würden - nicht zuletzt zum Zuhören.

(S E R V I C E - Dr. Günther Loewit: 7 Milliarden für nichts. Ein Landarzt rechnet mit dem Gesundheitssystem ab, Verlag edition a, 224 Seiten, 22,- Euro)

Quelle: Agenturen