Kulturrevolution in Steinzeit Südafrikas war nicht abrupt
Vielmehr handle es sich um einen über Jahrtausende andauernden, regional unterschiedlichen Wandel von einzelnen Werkzeugtypen, wie auch von Technologie, Mobilität und Ressourcennutzung, wie die im Fachjournal "Quaternary Science Reviews" veröffentlichte Studie nahelegt. Das schloss man aus 2.779 untersuchten Steinartefakten, darunter auch bis zu zehn Millimeter kleine Lamellen aus Quarz sowie anderen Gesteinen und noch kleinere Quarz-Kernstücke, aus dem Felsunterstand von Umhlatuzana.
"Der Zeitraum vor 50.000 bis 20.000 Jahren ist wissenschaftlich eine Art Black-Box. Nun konnten wir nachweisen, dass es sich nicht um einen weitflächig synchronen, sondern einen räumlich und zeitlich sehr heterogenen Wechsel handelte", sagte die Erstautorin vom Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zur APA.
Die Forschenden dokumentierten, wie Techniken zur Herstellung von Steinwerkzeugen, die Form der Geräte und die Nutzung von Rohmaterialien allmählich umgestellt wurden. Merkmale des Middle Stone Age (MSA, 300.000 bis 20.000 Jahre vor heute) und des sich anschließenden Later Stone Age (LSA) - die für das südliche Afrika wissenschaftlich definierten Steinzeitperioden unterscheiden sich zeitlich von jenen Europas - existierten über längere Zeit nebeneinander.
"Die späte mittlere Altsteinzeit ist etwa geprägt gewesen durch die Werkzeugherstellung auf Grundlage von Hornfels", sagte Schmid. Die Kanten des Materials seien zwar schneller unscharf geworden, man habe es aber auch gut nachschärfen können. Zudem konnte man das Abschlagen und Bearbeiten des Materials gut kontrollieren. Der Übergang zur späten Steinzeit sei hingegen eher geprägt gewesen von der Bearbeitung von hauptsächlich Quarz und damit der Gewinnung von sehr scharfen und nur reiskorngroßen Teilchen, die man wiederum in Geräte einsetzen konnte. Die Nutzung von Quarzgeröllen aus Flussschottern, ihre Bearbeitung durch Ambosse oder auch die gezielte Miniaturisierung von Werkzeugen wurden zunehmend weiterentwickelt.
Die Quarzkernstücke seien z.B. als Projektile oder zum Schneiden verwendet worden, aber einmal verbraucht dann auch ein Wegwerfprodukt gewesen. Kleine Quarz-Lamellen, mit Klebemittel verbunden, dienten als Komponenten zusammengesetzter Geräte. Der Wandel ging aber über die reine Werkzeugherstellung hinaus und betraf auch die Mobilität der Wildbeuter und Wildbeuterinnen, ihre Strategien zur Beschaffung von Nahrung und Rohmaterialien, so Schmid. Ein Vergleich mit anderen Fundstellen im südlichen Afrika zeigte zudem: Der Übergang vom MSA zum LSA war räumlich und zeitlich unterschiedlich ausgeprägt. Die Forschenden interpretieren dies als Ergebnis einer Verbreitung gekoppelt an lokale Innovationen in locker vernetzten Gruppen.
Über den Sinn von Epochen und Perioden
Die Gliederung in mittlere und spätere Altsteinzeit für die Region geht zurück auf eine Publikation zweier südafrikanischer Forscher, John Goodwin und Clarence van Riet Lowe, aus dem Jahr 1929. Man ging schon damals davon aus, dass das LSA mit dem Auftreten des Homo sapiens, also "biologisch und kognitiv modernen Menschen wie wir, zusammenfällt", so die ÖAW-Forscherin. Das sei schnell gleichgesetzt worden mit: "Das muss nun einen Sprung in der kulturellen Entwicklung bedeuten. Seit etwa 30 Jahren aber wird immer deutlicher, dass dies so nicht stimmt. Wir sind schon seit 300.000 Jahren anatomisch ähnlich gebaut, und kognitiv entwickelten wir uns auch schon viel früher in die Richtung, wie heutige Jäger und Sammler sind." Die aktuelle Studie trägt dazu bei, mit der Annahme eines "Fortschrittsschubs" oder eines scharfen kulturellen Bruchs aufzuräumen.
Einige Forschende würden fordern, die Definitionen der Perioden ob der bisherigen Befunde abzuschaffen. Sie würden im wissenschaftlichen Austausch zwar Orientierung bieten: "Aber wenn man dann ins Detail geht, sind sie eher hinderlich."
Rettungsgrabung folgte Forschungsgrabung
Umhlatuzana Rock Shelter in der Provinz KwaZulu-Natal im Osten von Südafrika ist ein eher kleiner Fundort: Umhlatuzana war in den 1980er-Jahren Gegenstand von Rettungsgrabungen im Zusammenhang mit dem Bau einer ins 35 Kilometer entfernt liegende Durban führenden und nun neben der Stätte liegenden Autobahn N3. Die der Studie zugrundliegenden Funde stammen aus Ausgrabungen der Universität Leiden aus den Jahren 2018 und 2019. Im Vergleich zu der berühmteren Grabungsstätte Border Cave in KwaZulu-Natal mag Umhlatuzana eher unscheinbar und auch touristisch wenig attraktiv sein - doch der Vorteil ist: Hier lässt sich der Übergang zwischen den zwei Perioden "durch eine sehr hochauflösende und umfassende Sequenz" analysieren.
Schmid war von 2021 bis 2022 an der der niederländischen Hochschule tätig und begann dort mit der Untersuchung der Steinwerkzeugsammlungen vom Felsunterstand von Umhlatuzana, bevor sie nach Wien wechselte. Dass sie die Funde in Leiden zu Gesicht bekam, war ein absoluter Glücksfall: Durch die Corona-Pandemie gab es eine Ausnahmegenehmigung, die es erlaubt hatte, die Artefakte für eine gewisse Zeit aus Südafrika in die Niederlande zu bringen. Mittlerweile seien die Artefakte wieder alle in südafrikanischer Obhut. Aber in Umhlatuzana gibt es noch weitere Geheimnisse, die sie und Kollegen der Fundstelle auch noch entlocken wollten, so Schmid.
(S E R V I C E - https://doi.org/10.1016/j.quascirev.2026.109806)
Zusammenfassung
- Eine neue Studie mit Beteiligung der ÖAW-Archäologin Viola Schmid zeigt, dass der Übergang von der mittleren zur späten Altsteinzeit in Südafrika vor 50.000 bis 20.000 Jahren kein abrupter, sondern ein über Jahrtausende gestreckter Prozess war.
- Die Forschenden analysierten 2.779 Steinartefakte aus dem Umhlatuzana Rock Shelter bei Durban, darunter bis zu zehn Millimeter kleine Quarz-Lamellen und noch kleinere Quarzkernstücke.
- Merkmale des Middle Stone Age (MSA, 300.000 bis 20.000 Jahre vor heute) und des Later Stone Age (LSA) existierten über längere Zeit nebeneinander, was auf regional und zeitlich sehr unterschiedliche Entwicklungen hindeutet.
- Der Wandel betraf nicht nur die Werkzeugherstellung, sondern auch Mobilitäts- und Ernährungsstrategien der damaligen Wildbeutergruppen.
- Die Ergebnisse widerlegen die bisherige Annahme eines kulturellen Bruchs mit dem Auftreten des Homo sapiens und stellen die strikte Periodisierung der Steinzeit in Frage.
