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Kritik in Venedig: Eintrittsgebühr dämmt Tourismus nicht ein

Die Tagesgebühr für Touristinnen und Touristen, die seit dem 25. April eingehoben wird, hat den Massentourismus nicht eingedämmt. Am Sonntag wurden 70.000 Eintritte gemeldet, im Vergleichszeitraum 2023 waren es 65.000 gewesen. Dies bezeuge, dass das System der Tagesgebühr nicht funktioniere, beklagte die oppositionelle Stadtratsgruppe "Tutta la Città insieme" (Die gesamte Stadt vereint) bei einer Pressekonferenz am Montag in Rom.

Enrico Tonolo, Präsident der Stadtratgruppe, bezeichnete die Tagesgebühr von fünf Euro als "Totalversagen" und als "kunstvoll inszenierte Marketingkampagne" des Bürgermeisters Luigi Brugnaro, um Medienrummel zu erzeugen, der das Problem des "Overtourism" in Venedig nicht löse. So beklagte Tonolo auch ein völliges Versagen bei der Kontrolle der Touristenströme. Bisher sei keine einzige Strafe wegen Missachtung der Regel zur Zahlung der Tagesgebühr erhoben worden. Damit wolle die Gemeinde Klagen gegen die Eintrittsgebühr vermeiden, deren Rechtskonformität vor Gericht angefochten werden könnte.

Die Eintrittsgebühr habe zu keinerlei Begrenzung der Ankünfte in der Stadt geführt, die im Durchschnitt 80.000 Touristen pro Tag zählt - im Vergleich zu 49.000 Einwohnern. "Einen Monat nach der Einführung des Tickets zeigen die Daten, dass die Einführung des Eintrittsgelds nutzlos ist. Die Stadtverwaltung hat kürzlich zugeben müssen, dass die Einnahmen aus den Fünf-Euro-Zahlungen die Erwartungen weit übertroffen haben, was bedeutet, dass mehr Touristen gekommen sind als erwartet. All dies ist eine Respektlosigkeit nicht nur gegenüber der Stadt, sondern auch gegenüber den Venezianern, die gezwungen sind, vor Beamten und Kontrolleuren - mit Dokumenten in der Hand - nachzuweisen, dass sie Einwohner sind", kritisierte Tonolo.

Er beklagte, dass die Einwohner Venedigs gezwungen seien, die persönlichen Daten von Freunden und Gästen, die sie zu sich nach Hause einladen, anzugeben, wenn sie für sie eine Befreiung von der Eintrittsgebühr erhalten wollen. Dies sei eine schwere Verletzung der Privatsphäre. Die Bürger seien gezwungen ihre Stadt mit einer Masse von Touristen zu teilen, die doppelt so groß ist wie jene der Einwohner, wobei die öffentlichen Dienste, wie Verkehr und Kanalisation, nicht mehr in der Lage seien, dieser täglichen "Invasion" standzuhalten.

Tonolos Gruppe wies darauf hin, dass die Stadt unter einer "sozialen Verödung" leide. Ganze Stadtteile seien von Bewohnern entleert, da die zahlreichen als Ferienwohnungen vermieteten Häuser eine normale Wohnpolitik verhindert hätten. 7.600 Ferienwohnungen werden in Venedig vermietet, das entspricht etwa 30 Prozent des Wohnungsbestands der Lagunenstadt. "Diese Lage zwingt diejenigen, die sich in der Stadt niederlassen möchten, dazu, Alternativen auf dem Festland zu suchen. Damit stirbt die Stadt aus", beklagte Tonolo.

Die oppositionelle Gruppierung fordert ein sofortiges Eingreifen der Regierung von Premierministerin Giorgia Meloni. Gefordert wird mit ein Gesetz, das den Steuerdruck für Immobilienbesitzer erhöhen soll, die ihre Wohnungen an Touristen vermieten. Zugleich sollen Anreize für diejenigen geschaffen werden, die an Einheimische vermieten.

"Der Bürgermeister von Venedig hat das Ticket als einen Versuch bezeichnet. Nun, der Versuch mit dem Zugangsticket ist gescheitert", sagte Tonolo. Am 15. Juni werde es eine Bürgerversammlung auf dem Rialto-Markt im Herzen Venedigs geben, um dies zu bekräftigen. "Der Stimme der Bürger, die zu lange unterdrückt wurde, muss wieder Aufmerksamkeit geschenkt werden."

Venedig droht unter dem Druck des Massentourismus "auszusterben". In der Altstadt hat die Zahl der Touristenbetten im Dezember die Einwohnerzahl überholt. 50.016 Gästebetten stünden 49.211 Bewohnerinnen und Bewohnern gegenüber, gab der Verband Venessia.com auf Basis von Daten des städtischen Standesamtes bekannt. Samt Festland-Bewohnern hat Venedig gut 260.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Immer mehr weichen aus der Altstadt dorthin aus.

ribbon Zusammenfassung
  • Trotz der Einführung einer Tagesgebühr von fünf Euro für Touristen hat sich die Zahl der Besucher in Venedig nicht verringert; am Sonntag nach der Einführung wurden 70.000 Eintritte verzeichnet.
  • Enrico Tonolo kritisiert die Maßnahme als 'Totalversagen' und behauptet, die Gebühr sei eine 'kunstvoll inszenierte Marketingkampagne', die das Problem des Massentourismus nicht löse.
  • Die soziale Struktur Venedigs leidet unter der großen Zahl an Ferienwohnungen; 7.600 Einheiten machen etwa 30 Prozent des Wohnungsbestandes aus, was normale Wohnpolitik verhindert und zur 'sozialen Verödung' der Stadt beiträgt.