Kriege, Katastrophen und Atomkraft vertragen sich schlecht
Die Katastrophe um das Kernkraftwerk Fukushima nahm nach einem verheerenden Erdbeben und einem nachfolgenden, überraschend hohen Tsunami vor 15 Jahren ihren Lauf. Noch immer können viele Betroffene nicht zurück in ihre Heimatorte, erklärte der Wissenschafter vom "Disaster Prevention Research Institute" der Uni Kyoto in Wien. Vor Fukushima liefen in Japan rund 60 Reaktoren, danach entzog die Atombehörde allen Anlagen die Genehmigung - es kam zum Atom-Stopp. Mittlerweile sind allerdings wieder einige Meiler am Netz, die erfolgreich wieder um Zulassung angesucht haben.
Dass es im leidgeprüften Japan wieder mehr Atom-Strom gibt, liege auch daran, dass seit 2023 eine knappe Mehrheit der Bevölkerung dies auch befürwortet. Nach dem Fukushima-Unfall gab es "um die 99 Prozent Ablehnung", so Yamori. In der japanischen Gesellschaft könne sich die Meinung aber durchaus schnell drehen, die schwierige Energieversorgungssituation werde genau beobachtet. Die Probleme bei der Beschaffung von Öl, Gas und Co in der Vergangenheit und heute hätten Wirkung gezeigt. Zudem werde Japan sein selbst gesetztes Ziel eines erneuerbaren Energieanteils von rund 30 Prozent bis 2030 voraussichtlich deutlich verfehlen. Aktuell steht man bei lediglich rund zehn Prozent, 2011 waren es nur zwei bis drei Prozent. "Japan liegt hier zurück", so der Wissenschafter.
Wirklich effektiver Katastrophenschutz sei sehr eng verbunden mit funktionierender Energieversorgung. Ein Energiesystem, das auf relativ wenigen großen Anlagen fußt, ist folglich verwundbarer. Ein Faktum, das sich auch im Ukraine-Krieg zeigt. Bei jüngeren Erdbeben in Japan wurde immer klarer, dass die Mehrzahl der Menschen nicht direkt durch die Beben-Folgen verstirbt. Vor allem für ältere Menschen wird es eng, wenn der Strom fehlt, Verkehrswege unterbrochen sind und die Wasserversorgung stockt.
Mit Mikro-Netzen Grundversorgung im Ernstfall sicherstellen
Yamori sieht daher in einem "dezentralen Energiesystem den Schlüssel zum Katastrophenmanagement". Kleinere Photovoltaik-, Wind- oder Wasserkraftanlagen könnten Gemeinden eher auch dann versorgen, wenn diese isoliert werden. Einzelne Communities würden in Japan mit Forscher-Unterstützung beginnen, wichtige Einrichtungen wie Gemeindezentren, Schulen und Rathäuser mit Mikro-Stromnetzen zu verbinden, um hier im Fall der Fälle Grundversorgung bereitstellen zu können. Mit Batterien aus Elektroautos lassen sich im Ernstfall etwa medizinische Geräte betreiben. All das müsse man im Katastrophenschutz auch mit der Bevölkerung einüben - und nicht nur das herkömmliche Evakuierungstraining durchexerzieren, wie der Psychologe darlegte, der eng mit gegenüber Erdbeben und Tsunamis besonders exponierten Gemeinden zusammenarbeitet.
Was in einem sehr zentral aufgebauten Energiesystem im Kriegsfall passieren kann, zeigt sich in den vergangenen Jahren in der Ukraine mit ihren großen AKW: Solche für die Infrastruktur wichtigen Bauwerke sind eben auch militärische Ziele, sagte Bernd Hrdy vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Boku.
AKW haben keine echte Stopptaste
Die Angriffe auf das AKW Saporischschia haben gezeigt, dass Kernkraftwerke ein besonderer Fall sind. Laufende Kernspaltungsprozesse lassen sich eben nicht abrupt stoppen, das Abklingen muss von Experten längerfristig gemanagt werden. Das zeige: Es braucht stabile Rahmenbedingungen für Kernkraft und "all diese Dinge untergräbt der Krieg", so Hrdy. Wenn jetzt verschiedene Staaten über den Neu- oder Wiedereinstieg in die Atomkraft nachdenken, bringe das neue Fragen mit sich. So etwa, ob kleinere Länder ihre künftigen AKW überhaupt adäquat militärisch schützen können.
Einen anderen Aspekt in dem Zusammenhang warf bei der Boku-Veranstaltung unter dem Titel "Zwischen Reaktor und Rotor - Energiesicherheit im Krisenzeitalter" Friederike Frieß (ebenfalls Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften) auf: Historisch gesehen sind zivile Kernkraft und militärische Nutzung seit dem "Manhattan-Projekt" zur Entwicklung der ersten Atombombe eng verwoben. Die aktuelle Technologie fuße auf den Erkenntnissen aus den 1940er Jahren. Nicht erst der auch wegen seines Atomprogramms im Fadenkreuz stehende Iran habe gezeigt, dass "jedes zivile Atomprogramm die Hürden in Richtung militärisches Programm" senke, erklärte Frieß.
Zusammenfassung
- Nach dem Atomunfall von Fukushima 2011, bei dem alle rund 60 Reaktoren in Japan stillgelegt wurden, hat sich die öffentliche Meinung seit 2023 wieder zugunsten der Kernkraft gewandelt, wobei nun eine knappe Mehrheit Atomstrom befürwortet.
- Japan liegt mit aktuell rund zehn Prozent erneuerbarer Energie deutlich hinter seinem selbst gesteckten Ziel von 30 Prozent bis 2030 zurück, was die Energieversorgung des Landes weiterhin schwierig macht.
- Forschende warnen, dass zentrale Energiesysteme wie Atomkraftwerke im Katastrophen- oder Kriegsfall besonders verwundbar sind, und plädieren für dezentrale Lösungen wie Mikro-Stromnetze und Batterien, um die Grundversorgung sicherzustellen.
