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Kinder-Hepatitis: Vermeintlich "harmloses" Virus als Ursache

27. Juli 2022 · Lesedauer 3 min

Ein bisher für buchstäblich harmlos gehaltenes Adenovirus (AAV2) dürfte hinter den bisher mysteriösen akuten Hepatitiserkrankungen stecken, die in den vergangenen Monaten bei weltweit rund 1.000 Kindern beobachtet wurden.

In mehreren Fällen wurden sogar Lebertransplantationen notwendig. Dies berichtete am Dienstag das Deutsche Ärzteblatt mit Berufung auf eine Studie britischer Wissenschafter.

Erste Fälle in Schottland

Erstmals war im April dieses Jahres aus Schottland von akuten Leberentzündungen bei Kindern ungeklärter Ursache berichtet worden. Schwere Hepatitis-Erkrankungen sind bei Kindern extrem selten. Mittlerweile sind weltweit bereits 1.010 solcher Fälle aus 35 Staaten gemeldet worden. Es gab auch einige Todesfälle.Nun haben zwei Wissenschafterteams der Universität Glasgow und vom University College in London eine noch nicht von unabhängigen Experten überprüfte Studie auf dem MedRxiv-Server (DOI: 10.1101/2022.07.19.22277425) publiziert.

Gewebeproben von 25 Kindern untersucht

Emma Thomson vom Zentrum für Virusforschung in Glasgow und Sofia Morfopoulou (Institut für Kindergesundheit/University College/London) haben Blut- und Gewebeproben von insgesamt 25 Kindern mit dieser Hepatitis untersucht. Dabei sequenzierten sie die DNA aller in den Proben gefundenen Gene und überprüften, ob sie von Viren stammen könnten. Dadurch stießen sie auf das sogenannte "adeono-assoziierte Virus 2", eben AAV2.

"Das Team um Emma Thomson (...) hat die Untersuchung an neun der ersten Patienten durchgeführt, die ab dem 14. März an einer Kinderklinik der Stadt behandelt wurden. In allen neun Plasmaproben und in allen vier untersuchten Leberbiopsien (Gewebeproben; Anm.) wurde das komplette Genom von AAV2 aufgespürt, während die Tests bei zwölf Kindern mit anderen Infektionen und 33 Kindern mit einer Hepatitis anderer Genese (Ursache; Anm.) negativ waren", hieß es in der Online-Ausgabe der deutschen Ärztezeitschrift.

Lebertransplantation notwendig

Ergänzend dazu führte Sofia Morfopoulou (London) mit der gleichen Technik Untersuchungen mit Proben von fünf Kindern durch, bei denen eine Transplantation wegen Leberversagens notwendig gewesen war. Hinzu kamen noch die Untersuchungsergebnisse von elf betroffenen Kindern mit einer leichteren Verlaufsform der Erkrankung. Das Ergebnis, so das Deutsche Ärzteblatt (Online): "Die AAV2-Gene waren in allen Leberbiopsien und in zehn der elf Plasmaproben enthalten."

Das kleine DNA-Virus AAV2 mit einem nur 4.675 "Buchstaben" umfassenden Genom gehört zu den sogenannten Dependoparvoviren. Sie brauchen für ihre Vermehrung die Hilfe von anderen Viren, zum Beispiel von HAdV oder von einer Herpesvirusart (HHV-6B). Die "Helfer" vermitteln AAV2 die Möglichkeit, Leberzellen zu infizieren.

Auch wenn die Erreger bisher nicht im Elektronenmikroskop sichtbar gemacht werden konnten und ein experimenteller Beweis einer Übertragung aussteht, sprechen offenbar einige Indizien dafür, dass AAV2 der Auslöser für die Erkrankungen ist. Die schottischen Wissenschafter belegten nämlich bei neun Kindern Doppelinfektionen von AAV2 und dem Herpes-Virus bzw. HAdV.

Virus weitverbreitet

Das bereits 1965 entdeckte AAV2 ist weit verbreitet. Bei etwa 80 Prozent aller Erwachsenen lässt sich ein früherer Kontakt mit dem Virus nachweisen. Die Infektion erfolgt zumeist im frühen Kindesalter. Zu Leberentzündungen kommt es extrem selten.

Warum die Problematik mit AAV2 und den bisher mysteriösen Leberentzündungen bei Kindern jetzt akut geworden ist, konnte noch nicht ganz geklärt werden.

Die britischen Wissenschafter vermuten, dass sich mit der Covid-19-Pandemie normalerweise jahreszeitlich getrennte vermehrt auftretende Infektionen mit AAV2 bzw. seinen "Helfern" verschoben und überlappt haben. Dadurch gab es mehr der problematischen Erkrankungen.

Auch genetische Faktoren könnten manche Kinder empfänglicher machen. In Österreich wurden bis zum Mai dieses Jahres zwei derartige Erkrankungen registriert. Einen direkten Zusammenhang mit Covid-19 dürften die neuen Forschungsergebnisse ausschließen.

Quelle: Agenturen / Redaktion / msp