APA - Austria Presse Agentur

Gewaltschutz-Gipfel mit neuen Daten zu Frauenmorden

22. Nov 2021 · Lesedauer 6 min

Der 2. Gewaltschutzgipfel hat am Dienstag die jährliche Initiative "16 Tage gegen Gewalt" für Österreich eingeläutet. Kinderschutzzentren warnen vor den massiven Auswirkungen von Partnergewalt auf Kinder.

Innenminister Karl Nehammer und Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) präsentierten eine Studie, für die von 2010 bis 2020 verübte 777 Fälle untersucht wurden - 319 Frauenmorde und 458 Mordversuche.  Eine deutliche Mehrheit der Opfer war jünger als 39 Jahre, sieben von zehn waren Österreicherinnen, in mehr als 80 Prozent der Fälle kannten sich Täter und Opfer. Knapp 40 Prozent der Opfer waren 18 bis 39 Jahre alt, 7,5 Prozent noch jünger, rund 32 Prozent zwischen 40 und 59, und 21 Prozent waren über 60 Jahre alt, so die Daten von Birgitt Haller, Leiterin des Instituts für Konfliktforschung. Bei mehr als 60 Prozent bestand eine familiäre Beziehung zwischen Opfer und Täter, bei fast 46 Prozent zudem eine Hausgemeinschaft, das heißt sie lebten zusammen.

Raab: Prävention müsse besser werden

Die meisten Tatverdächtigen, gut 44 Prozent, waren jünger als 39 Jahre, zwei Drittel österreichische Staatsangehörige. 2019 war in der Untersuchungsperiode das Jahr mit den meisten Frauenmorden. Allein in diesem Jahr wurden 111 Taten gezählt, 43 Frauenmorde und 68 versuchte Morde. Heuer wurden nach Zählweise der beiden Ministerien laut Raab bereits 28 mutmaßliche Frauenmorde begangen, wobei auch einige Fälle von Mord und Suizid des Täters berücksichtigt wurden.

Das wegen Corona großteils online durchgeführte Event mit mehr als 250 angemeldeten Teilnehmerinnen vernetze alle Akteure, von Polizei über Expertinnen bis Forschung, und Vernetzung sei "im Gewaltschutz der entscheidende Faktor", betonte Raab. Täter müssten "mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft" werden, gleichzeitig müsse die Prävention noch besser werden. "Es gibt keine Maßnahme, die zu 100 Prozent wirkt, aber wir sind nicht machtlos", appellierte die Ministerin an die "Zivilcourage". Weil Gewalt so oft "in den eigenen vier Wände" stattfinde, will sie Betroffene mit Informationen zu Hilfsangeboten "erreichen und ermutigen". Die Basis für Selbstbestimmung und somit für Gewaltprävention sei finanzielle Unabhängigkeit, das Problem müsse daher gesamtgesellschaftlich angegangen werden. Sie verwies einmal mehr auf das 24,6 Millionen Euro schwere Gewaltschutzpaket, die Mittel, zum Beispiel fünf Millionen zusätzlich für die Gewaltschutzzentren oder plus drei Millionen für die Familienberatung, seien bei den Organisationen "im Ankommen".

Mehr finanzielle Mittel für Opferbetreuungszentren

"Die Kooperation aller beteiligten Behörden erhöht die Sicherheit der Betroffenen", sagte Marina Sorgo, Vorsitzende des Dachverbandes der Gewaltschutzzentren, anlässlich der Unterzeichnung eines Kooperationsvertrags mit Raab und Nehammer. Die Zentren, die jährlich rund 20.000 Opfer betreuen, erhalten nunmehr 50 Prozent mehr finanzielle Mittel und es sei kontraproduktiv, wenn sich Frauen nicht zu melden trauten, weil sie den Eindruck hätten, "dass wir ständig überlastet sind", betonte sie. Die mit September neu eingeführte Täterarbeit bedeute für viele Frauen eine Erleichterung, weil sich der Gefährder, meist der Partner, dort mit seiner Gewaltbereitschaft auseinandersetzen müsse.

Die Polizei sei immer noch zu wenig involviert, wenn Frauen und ihren Kindern Gewalt angedroht oder angetan wird, unterstrich Nehammer die Wichtigkeit des Polizeinotrufs 133 und betonte: "Die Polizistinnen und Polizisten sind für diese schwierigen Einsätze gerüstet." Aber nur bei einem Tötungsdelikt in diesem Jahr sei im Vorfeld ein Betretungs- bzw. Annäherungsverbot im Vorfeld verhängt worden. Insgesamt seien heuer bisher rund 12.100 Betretungs- bzw. Annäherungsverbote ausgesprochen worden, etwa 1.400 mehr als im selben Zeitraum 2020.

Die Daten aus der neuen Studie seien nur ein erster Schritt, wurde betont. Es folgt voraussichtlich bis zum Frühjahr eine qualitative Untersuchung der Fälle, zudem wurde Innenministerium eine weitere Studie zum Dunkelfeld bei Gewalt in der Privatsphäre in Auftrag gegeben. Sie könnte noch vor den Weihnachtsfeiertagen präsentiert werden.

27 Prozent der Kinder sind Zeugen von Gewalt

Partnergewalt hat massive Auswirkungen auf Kinder, es gebe aber nur wenige Daten darüber, wie viele Kinder Gewalt zwischen ihren Bezugspersonen miterleben: Darauf haben die Kinderschutzzentren anlässlich des zweiten Gewaltschutz-Gipfels am Dienstag aufmerksam gemacht. "Im Kontext häuslicher Gewalt aufzuwachsen bedeutet, mit allgegenwärtiger Angst und emotionaler Belastung zu leben", sagte Petra Birchbauer, Vorsitzende des Bundesverbandes Österreichischer Kinderschutzzentren.

Laut einer Statistik der 26 heimischen Frauenhäuser wurden dort im Jahr 2020 insgesamt 1.507 Frauen und 1.487 Kinder betreut, berichteten die Kinderschutzzentren. Eine Umfrage des Gallup-Instituts im Auftrag der Organisation die möwe kommt zum Ergebnis, dass 27 Prozent der Befragten Gewalthandlungen zwischen ihren Eltern miterlebten.

Die Aufarbeitung habe auch einen wichtigen präventiven Charakter: Aus deutschen Studien sei bekannt, dass Frauen, die in ihrer Kindheit und Jugend Zeuginnen von körperliche Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern waren, doppelt so häufig selbst Gewalt durch (Ex-)Partner erleben. Beim Gewaltschutz müsse man daher auch den Kinderschutz und dabei "Mädchen und Buben gleichermaßen im Blick haben, deren Entwicklung und Zukunft durch Partnergewalt gefährdet ist", sagte Martina Wolf, Geschäftsführerin im Bundesverband der Kinderschutzzentren.

SPÖ fordert "mehr Tempo"

"Mehr Tempo im Kampf gegen Gewalt an Frauen", forderte SPÖ-Frauenvorsitzende Eva-Maria Holzleitner: Es gebe noch immer viel zu wenige Hochrisikofallkonferenzen. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) zufolge wurden heuer bisher 38 dieser sicherheitspolizeilichen Fallkonferenzen durchgeführt. "Wir sind im vierten Lockdown und wissen, dass das eine besonders gefährliche Zeit für Frauen und Mädchen ist, weil die meisten Gewalttaten im familiären Umfeld stattfinden. Das bedeutet, dass die Nachfrage nach Hilfe bei Mädchen- und Frauenberatungsstellen jetzt extrem hoch ist. Die müssen dringend finanziell unterstützt werden. Das Gewaltschutzpaket der Regierung reicht hinten und vorne nicht aus", so Holzleitner.

"Fallkonferenzen, Wegweisungen, Gewaltschutzzentren - das ist alles notwendig und muss laufend verbessert und ausgeweitet werden. Doch wenn wir das Problem nicht an der Wurzel packen, wird die Politik immer nur mit Symptombekämpfung beschäftigt sein", meinte NEOS-Frauensprecherin Henrike Brandstötter. "Mehr Geld für Frauenschutzorganisationen ist wichtig, aber antiquierte Frauenbilder müssen genauso aktiv bekämpft werden."

Anlaufstellen bei häuslicher Gewalt

  • Frauen-Helpline: 0800/222 555
  • 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien: 01/71719
  • Frauenhaus-Notruf: 05 77 22
  • Männerberatung Wien: 01/603 28 28
  • Rat auf Draht - Hilfe für Kinder & Jugendliche: 147
  • Im Fall von akuter Gewalt: Polizei-Notruf: 133

Die Telefonseelsorge ist unter der kostenlosen Telefonnummer 142 rund um die Uhr als vertraulicher Notrufdienst jeden Tag des Jahres erreichbar.

Quelle: Agenturen