Gerichtsmedizin in Österreich am Limit
Der Grazer Gerichtsmediziner Mario Darok berichtete von 60- bis 80-Stunden-Wochen und unattraktiven Dienstzeiten. Es kann nämlich durchaus sein, dass man nachts zu einem Tatort alarmiert werde, sagte der Arzt. Er verstehe, dass Medizinerinnen und Mediziner diese körperliche Belastung und die fehlende Work-Life-Balance nicht interessiert. Zudem sei die Bezahlung oft gering. Die Sachverständigengebühren wurden zuletzt 2024 erhöht, davor 17 Jahre lang nicht, sagte Darok. Und auch wenn das Interesse vorhanden sei, würde es an den fehlenden Ausbildungsplätzen an den Universitäten scheitern.
Erst vor wenigen Monaten habe der Rechnungshof das Ausmaß des Mangels in einem Bericht festgehalten und damit den personellen Abstieg eines Faches dokumentiert, sagte der ÖÄK-Präsident Johannes Steinhart. Im Zuge des Berichts wurden die langen Wartezeiten auf eine Obduktion dokumentiert. "Was mich persönlich am meisten geschreckt hat: Zeitweise würde der gesamte Arbeitsaufwand an einer einzigen Person hängen", zeigte sich Steinhart überrascht. Ist derjenige auf Urlaub oder krank, stehe der Betrieb still. Und in der Folge müssen Gerichte auf die Ergebnisse länger warten.
"Das Berufsbild des Gerichtsmediziners muss deutlich attraktiviert und gleichzeitig die Finanzierung der Ausbildung abgesichert werden", forderte Steinhart. "Es nützt nichts, wenn wir Interesse an diesem spannenden Fachgebiet erzeugen, die Interessenten aber dann vor verschlossenen Türen stehen, weil niemand die Ressourcen hat, um sie auszubilden." Der ÖÄK-Präsident plädierte auch dafür, den Nachwuchs jetzt schon einzubinden. "Wir müssen jetzt handeln, um den Kollaps der forensisch-medizinischen Begutachtung in Österreich abzuwenden."
Weiterer Engpass durch Ausbau der Gewaltambulanzen
Besonders wichtig ist die Kapazitätserweiterung der Gerichtsmedizin, wenn der flächendeckende Ausbau von Gewaltambulanzen umgesetzt werden soll. Dort steigen die Fälle deutlich an. Pro Jahr gibt es in Wien bereits rund 1.000 Fälle, in Graz rund 500. In Wien etwa würden dort bereits Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner mit gerichtsmedizinischer Zusatzausbildung arbeiten, um die Kapazitäten zu schaffen, so Darok. Denn die rasche Dokumentation - Fotos von Verletzungen, Abstriche, Harn- und Blutentnahmen - sei besonders wichtig. Sonst gehen Spuren verloren - die blauen Flecken verschwinden, die KO-Tropfen sind nicht mehr nachweisbar, betonte Darok.
Der Gerichtsmediziner wünscht sich mehr Verständnis und Akzeptanz für "seinen Traumberuf". Ihm sei klar, dass nicht jeder dafür geschaffen sei, die Fälle seien oft sehr belastend. Aber sein Job bewege "sich im Grenzbereich von Medizin, Rechtsprechung und Kriminalistik und ermöglicht ein ungemein spannendes, erfüllendes Berufsleben, das zugleich eine unverzichtbare Funktion für die Rechtssicherheit und damit für uns alle hat."
Zusammenfassung
- In Österreich gibt es aktuell nur 37 Fachärzt:innen für Gerichtsmedizin, wodurch Wartezeiten auf Obduktionen in Wien im Schnitt 152 Tage und in Graz 77 Tage betragen.
- Der Personalmangel führt zu extremen Belastungen mit 60- bis 80-Stunden-Wochen, unattraktiven Dienstzeiten und einer Bezahlung, die erst 2024 nach 17 Jahren wieder angehoben wurde.
- Der Ausbau der Gewaltambulanzen verschärft die Situation weiter, da die Fallzahlen auf etwa 1.000 pro Jahr in Wien und 500 in Graz steigen und schnelle forensische Dokumentation essenziell ist.
