Forscher mahnen Politik zu Vernunft bei Klima-Aktivisten

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Rund 1.400 Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft aus dem deutschsprachigen Raum haben am Freitag die Politik aufgefordert, im Umgang mit Klimaaktivismus neue Töne anzuschlagen. Sie seien besorgt, dass die Gewalt gegen Mitglieder der "Letzten Generation" zunehmend eskaliere, hieß es auf einer Pressekonferenz. "Die Debatte entwickelt sich in die falsche Richtung", sagte die österreichische Medienethikerin Claudia Paganini, die die Aktion initiierte, der APA.

Die Forscherinnen und Forscher veröffentlichten am Freitag eine Erklärung unter dem Motto "Handeln statt Kriminalisieren". Zwar gingen manche Protestformen an die Grenzen des Erträglichen in einem demokratischen Rechtsstaat. "Sie sind unseres Erachtens jedoch Ausdruck eines letzten Mittels, um die zuständigen politischen Akteurinnen und Akteure wie die Gesellschaft insgesamt zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung zu bewegen", hieß es in der Erklärung. Man zeige sich darum voll solidarisch mit den Protestierenden und wolle zu einer "Versachlichung der Debatte beitragen".

"Das Internet ist mittlerweile voll von Videos, wo Aktivistinnen und Aktivisten in den Bauch getreten wird, sie in den Bauch geschlagen oder gewürgt werden", sagte Paganini, die an der Münchner Hochschule für Philosophie lehrt, im Gespräch mit der Austria Presse Agentur. "Sie werden als 'Buh-Leute' dargestellt." Man habe darum ein Zeichen setzen wollen.

Es sei insgesamt noch nicht genug Unterstützung für die Anliegen der Aktivisten vorhanden, betonte der Innsbrucker Theologe Willy Guggenberger auf der Pressekonferenz. "Auch im kirchlichen Bereich", so Guggenberger, der die Theologische Fakultät an der Uni Innsbruck leitet. Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn betonte zuletzt in der ORF-Pressestunde, dass er die Anliegen der Aktivisten unterstütze. "Ich kann die Sorgen und die Wut der jungen Menschen Nachempfinden", sagte Schönborn eine Woche vor Ostern in der ORF-Sendung.

Unter Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern der Erklärung sind Forschende aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. In Österreich unterstützen das Statement unter anderem der Wirtschaftswissenschafter Leonhard Dobusch, der Theologe Wolfgang Palaver oder die emeritierte Klima-Forscherin Helga Kromp-Kolb. "Die Politik und die Wirtschaft reagieren nicht angemessen auf die Dringlichkeit des Klima-Problems", sagte Kromp-Kolb auf APA-Anfrage. "Junge Leute, die auf diese Verantwortungslosigkeit hinweisen, werden kriminalisiert." Diesen Zustand fände sie "inakzeptabel". "Es soll mir jemand einmal erklären, wie das den Aktivisten Spaß machen kann, sich auf die Straße zu setzen. Das sind ja keine Masochisten und machen das aus Jux."

Die Klimaschutz-Gruppe "Letzte Generation" kündigte zuletzt "Mega-Aktionswochen" für den Mai an. Für drei Wochen sollen erneut wichtige Verkehrsknotenpunkte blockiert werden. Die Protestwelle werde jedenfalls die Größte bisher, erklärte Sprecher Florian Wagner der APA. Die Klimaschutz-Bewegung geriet jüngst durch den Fall der deutschen Aktivistin Anja Windl in die Schlagzeilen. Die 26-jährige Studentin, die in Graz wohnt, soll nach Teilnahme an den Aktionen der "Letzten Generation" in Wien und Klagenfurt aus Österreich durch das Bundesamt für Fremdenwesen Asyl (BFA) ausgewiesen werden. Der Ausgang des Verfahrens sei noch immer offen, hieß es von Windl auf APA-Anfrage dazu. Das zuständige Innenministerium steht seitdem in der Kritik. Die "Scientists for Future" zeigten sich am Freitag in einer Aussendung solidarisch mit Windl. Man schließe sich dem Aufruf vieler Kolleginnen und Kollegen an, um endlich in der Klimakrise angemessen zu handeln, hieß es.

ribbon Zusammenfassung
  • Rund 1.400 Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft aus dem deutschsprachigen Raum haben am Freitag die Politik aufgefordert, im Umgang mit Klimaaktivismus neue Töne anzuschlagen.
  • Sie seien besorgt, dass die Gewalt gegen Mitglieder der "Letzten Generation" zunehmend eskaliere, hieß es auf einer Pressekonferenz.
  • Die Forscherinnen und Forscher veröffentlichten am Freitag eine Erklärung unter dem Motto "Handeln statt Kriminalisieren".

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