Experte fordert Maßnahmenbündel gegen Kindesmissbrauch

21. Jan. 2023 · Lesedauer 3 min

Alexander Haydn von der Wiener Männerberatung hält höhere Strafen im Zusammenhang mit Online-Missbrauch von Kindern, wie sie anlässlich des "Falls Teichtmeister" nun diskutiert werden, als Einzelmaßnahme für nicht sinnvoll. Er wünschte sich am Samstag "Im Journal zu Gast" des Ö1-Mittagsjournals vielmehr ein Maßnahmenbündel mit mehr Ressourcen für polizeiliche Ermittlungen ebenso wie für die Arbeit mit den Tätern.

Studien würden zeigen, dass Haftstrafen wichtig für die Normverdeutlichung seien, man wisse aber auch, dass Männer, die ohne Therapie inhaftiert werden, ein höheres Risiko für Rückfälle nach Verbüßung der Strafe hätten. Viele Untersuchungen belegten, dass Therapie auch schon in Haft wichtig sei und wirke. Am Ende würden nur höhere Strafen allein nichts bringen. Denn Abschreckung gelinge kaum, "weil alle diese Täter nie davon ausgehen, dass sie erwischt werden". "Ob das jetzt zwei oder drei Jahre sein sollten, wird keinen Mann davon abhalten, Missbrauchsbilder downzuloaden", sagte Haydn.

Die Täter beschreibt er einerseits mit dem Stichwort Pädophilie, also der Veranlagung, von Gedanken an oder Bildern von präpubertären Personen sexuell erregt zu werden. Vier bis fünf Prozent der Männer seien hier laut Studien betroffen, die meisten seien aber nicht ausschließlich pädophil veranlagt. Andererseits gebe es "tatsächlich einen sehr kleinen Prozentsatz, einen Promillesatz von Männern, die ausschließlich über pädophile Inhalte sexuell erregt werden".

Es sei wichtig, mit den Tätern zu arbeiten, damit diese für sich selbst eine Veränderung erfahren im Sinne von "Wie schaffe ich es, dass ich nicht mehr meinen Fantasien nachgehen muss, weil sie in Form einer Zwangshandlung immer wieder für mich auftreten" bzw. bei "echter" Pädophilie "Wie schaffe ich es, dass ich diese Sexualität gar nicht lebe". Es seien verhaltensmodifizierende Programme und langfristige Therapien. Dazu gehören Rückfall-Präventionspläne und Opfer-Empathie. Denn jedem einzelnen Datensatz sei ein Opfer hinterlegt, "hier gibt es ein Kind, das missbraucht wurde", das müsse verdeutlicht werden.

2021 wurden weltweit 85 Millionen Bilder und Videos gemeldet, die sexuellen Kindesmissbrauch zeigten, sagte Europol-Sprecher Jan op gen Oorth dem Ö1-Mittagsjournal. "Es ist ein globales Problem, und es ist ein Problem, das rapide zunimmt." Die Digitalisierung des Alltags verschlimmere es noch. Der Sprecher verwies als Beispiel auf die vor zwei Jahren offline genommene Plattform "Boystown" mit rund 40.000 registrierten Usern. Man sehe wohl nur "die Spitze des Eisbergs".

Die EU plant, E-Mail und Messengerdienste zu verpflichten, alle Nachrichten auf verdächtiges Material zu prüfen - dazu gibt es allerdings datenschutzrechtliche Bedenken. Man müsse gesamtgesellschaftlich "eine Debatte anstoßen, wo hört das Recht auf Datenschutz auf und wo beginnt das Recht auf Schutz von Kindern und Minderjährigen", so der Europol-Sprecher. Für Betroffene sei es psychologisch sehr schwer, damit umzugehen, dass sie - im Wissen, dass diese Bilder online sind - "jeden Tag neu missbraucht werden, auch wenn es virtuell ist".

Quelle: Agenturen