Expertenrat
Einsam zu Weihnachten? Was dagegen hilft
Mit Weihnachten naht für viele Menschen immer auch eine potenziell kritische statt besinnliche Phase. Das Gefühl der Einsamkeit kann gerade an den Festtagen auftreten - und diese als schmerzhaft empfundene Isolation nimmt zu, wie viele Erhebungen zeigen.
Doch es gibt Optionen und Strategien gegen die Einsamkeit. Oliver Bayer, Sprecher von Rat auf Draht, nennt als ersten Schritt "dieses Gefühl erst einmal zuzulassen", auch um so mögliche Auslöser zu ergründen.
Jeder sechste Mensch von Einsamkeit betroffen
Einsamkeit ist weit verbreitet, jeder sechste Mensch weltweit ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom vergangenen Sommer davon betroffen. Weihnachten eigne sich durch die vermittelten Idealbilder besonders dafür, dass man statt Geborgenheit, Nähe eher das Gegenteil empfinden kann: "Für viele Kinder und Jugendliche kann diese Erwartungshaltung belastend sein, insbesondere, wenn ihre Realität davon abweicht", erklärte etwa Birgit Satke, Leiterin des Beratungsteams von Rat auf Draht.
Einsamkeit ist weder eine Frage des Alters noch muss man alleine sein, um sie zu empfinden. Und was immer der Auslöser sein mag: Die Bewältigung beginnt laut Bayer - so trivial das auch klinge - bei einem Gespräch mit einer Person des Vertrauens.
Diverse Servicestellen
Eine solche kann zum Beispiel bei diversen Servicestellen gefunden werden. Während Rat auf Draht sich speziell an die jungen Menschen wendet, gibt es zahlreiche weitere Angebote, die helfen, Wege aus der Einsamkeit zu finden. "Für Menschen, die sich einsam oder verzweifelt fühlen, können anonyme Telefonate ein erster Schritt sein, um Trost und Orientierung zu finden", sagte etwa Harald G. Janisch, Fachgruppenobmann der Personenberatung und Personenbetreuung bei der Wirtschaftskammer Wien - und wies damit auf die Angebote der Wiener Lebens- und Sozialberater hin.
Janisch rät aber ebenso zur Vorsicht, denn wer psychologische Unterstützung oder Coaching suche, "sollte genau prüfen, welche Ausbildung und Gewerbeberechtigung der Anbieter vorweisen kann."
Der Bedarf an derartiger Unterstützung stieg seit Beginn der Corona-Pandemie und mit den darauf folgenden Krisen und erhöht sich mit den Festtagen noch einmal: "Die Zahl der hilfesuchenden Menschen, die sich an unsere Stützpunkte im Land wenden, steigt signifikant an", sagte die Hilfswerk-Expertin und klinische Psychologin Martina Genser-Medlitsch in einer Aussendung zur Thematik.
Betroffene sollten das Gefühl der Einsamkeit ernst nehmen, so die Expertin. "Reden Sie es nicht klein! Organisieren Sie rechtzeitig und bewusst Begegnungen mit Mitmenschen - im persönlichen Gespräch, per Telefon oder Video." Während der Feiertage sollte man sich etwas Besonderes gönnen, wie einen Restaurant-Besuch oder kulturelle Angebote. Zu Aktivitäten und Selbstbeschenkung rät auch Bayer. Wichtig sei es zu erkennen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sich bei anderen Menschen oder Hilfsangeboten beraten zu lassen, sagte er im Gespräch mit der APA.
Video: So bleibt die Psyche in der Weihnachtszeit gesund
Genser-Medlitsch betont im PULS 24-Interview außerdem: Wichtig ist es, den Realitätsblick nicht zu verlieren. Nur weil man an Weihnachten bei der Familie ist, heiße es nicht, dass "alles immer harmonisch" ist.
Etwas für sich tun
An den Tagen vor Weihnachten solle man sich überlegen: Wie werde ich diese Tage gestalten? So könne man es sich zum Beispiel "gönnen" in ein Kaffeehaus zu gehen, gemütlich zu frühstücken. Danach könne man sich "in das Gewühl der Einkaufsstraße, des Shoppingcenters werfen", und sich bewusst machen, dass alle sehr gestresst sind und man diesen Stress selbst nicht hat.
Außerdem könne man auch soziale Impulse in diesem Rahmen sammeln. "Was hindert uns daran zu sagen, ich wünsche Ihnen schöne Weihnachten - auch jemandem, den ich noch nie gesehen hab und den ich nie wieder sehen werde", meint Genser-Medlitsch. Hier werde man höchstwahrscheinlich ein Lächeln zurückbekommen. Und das nähre das Gefühl, doch nicht ganz allein zu sein.
Idealerweise könne man sich zum Beispiel einen Spaziergang mit einer:m Freund:in ausmachen oder auf die Kinder der Nachbarn aufpassen, damit diese ihre Weihnachtsvorbereitungen in Ruhe treffen können. Oder man nimmt sich Dinge vor, die man länger aufgeschoben hat.
Wichtig sei es jedenfalls, das Gefühl zu haben, dass der Tag gut strukturiert ist und dass man "etwas für sich macht".
Gesundheitsschädliche Einsamkeit
Das Hilfswerk erinnerte indes daran, dass jeder selbst aktiv helfen kann: "Sie kennen alleinstehende, alte und oder kranke Menschen in Ihrer Nähe? Bitte trauen Sie sich, auf sie zuzugehen! Bieten Sie ihnen rund um die Feiertage ein Gespräch an, besuchen Sie sie und schenken Sie ihnen ein bisschen Zeit und Aufmerksamkeit", das lindere einerseits die Gefühle der Einsamkeit und sei ein Geschenk für beide, war Genser-Medlitsch überzeugt.
Einsamkeit kann auch zu einem gesundheitlichen Problem werden, wie es aus mehreren Studien hervorgeht. Tatsächliche und empfundene soziale Isolation sind etwa mit einem erhöhten Risiko für vorzeitige Sterblichkeit verbunden. Bayer rät dazu, professionelle Hilfe zu suchen, sollte das Gefühl der Einsamkeit länger anhalten.
Hilfsangebote
Die Telefonseelsorge ist zu Weihnachten rund um die Uhr unter der Nummer 142 erreichbar, das Plaudernetz der Caritas unter 05-1776-100 täglich von 10 bis 22 Uhr, Online: https://plaudernetz.at.
Rat auf Draht: Telefon rund um die Uhr unter 147, Online: www.rataufdraht.at. Der notfallpsychologische Dienst Österreich ist ebenfalls 24 Stunden durchgehend unter der Nummer 0699 188 554 00 erreichbar.
Unter der Hotline 0820 89 01 01 (20 Cent/Minute) bieten zertifizierte Lebens- und Sozialberater professionelle, vertrauliche Gespräche an. Die Hotline ist von 23. Dezember bis 27. Dezember, zwischen acht und 18:00 Uhr, erreichbar.
Österreichweit laden kirchliche Einrichtungen, Pfarren und Hilfsorganisationen rund um Weihnachten zu gemeinsamen Feiern und Unterstützungsangeboten für einsame, alleinstehende und bedürftige Menschen ein. Weitere Informationen dazu unter: www.kathpress.at/Weihnachten.
Zusammenfassung
- Weihnachten – eigentlich das Fest im Kreise der Liebsten.
- Für viele Menschen kommt mit dem 24. Dezember aber auch die Einsamkeit.
- Expert:innen erklären, was dagegen helfen kann.