Bemannte Mondumrundung "Artemis 2" verzögert sich
Zuletzt hatte die US-Raumfahrtbehörde noch von einem Startfenster ab Sonntag (8. bis 11. Februar) gesprochen. "Wir verschieben den Starttermin im Februar und streben nun März als frühestmöglichen Starttermin für "Artemis 2" an", teilte NASA-Chef Jared Isaacman nach dem unbemannten Bodentest auf der Plattform X mit. Eine Frau und drei Männer sollen sich dann auf die Reise rund um den Erdtrabanten begeben. Mit dabei ist auch Technologie aus Europa und Österreich.
Bei dem sogenannten "Wet Dress Rehearsal" am Weltraumbahnhof Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida liefen verschiedene Dinge nicht nach Plan: Unter anderem habe es wegen eines Lecks Unterbrechungen beim Betanken gegeben, erklärte die NASA. Zudem habe sich die Kälte auf einige Kameras ausgewirkt und die Audioübertragung vom Boden aus sei zeitweise ausgefallen. Die vier Astronauten der Mission nahmen nicht aktiv teil.
Die Crew der "Artemis 2"-Mission besteht aus der US-Astronautin Christina Koch (geboren am 29. Jänner 1979), ihren US-Kollegen Victor Glover (30. April 1976) und Reid Wiseman (11. November 1975) und dem kanadischen Raumfahrer Jeremy Hansen (27. Jänner 1976). Für Glover, Koch und Wiseman wäre es der zweite Flug ins All, für Hansen der erste. Koch wäre die erste Frau an Bord einer Mond-Mission der NASA und kann auf über 300 Tage All-Erfahrung zurückblicken. So lange würde es diesmal aber nicht annähernd dauern: Die Mission ist über zehn Tage geplant.
Glover wäre der erste nicht-weiße Mensch und Hansen der erste Kanadier, die Richtung Mond reisen. "Artemis 2" sei "mehr als eine Mission", hatte Glover nach der Crew-Bekanntgabe im April 2023 gesagt. "Es ist der nächste Schritt auf dem Weg, der die Menschheit zum Mars bringen wird und diese Crew wird das nie vergessen."
Mehrfache Verschiebungen bei ambitioniertem Programm
Das "Artemis"-Programm – benannt nach der Göttin des Mondes und Zwillingsschwester des Gottes Apollo aus der griechischen Mythologie – wurde von der NASA 2017 verkündet. Ursprünglich sah es eine bemannte Mondlandung ("Artemis 3") bis 2024 vor. Seitdem kam es aber schon mehrfach zu Verschiebungen.
Nach dem erfolgreichen unbemannten Testflug "Artemis 1" im Jahr 2022 – der auf zahlreiche technische Schwierigkeiten, Kostenexplosionen und Verschiebungen folgte – soll "Artemis 2" nun Zählbares liefern. Sollte es Anfang März nicht klappen, gebe es noch die Möglichkeit, Anfang April zu starten.
Auf dem Weg zum Entfernungsrekord
Geflogen wird mit dem recht selbsterklärend betitelten "Space Launch System" vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida aus. Die Firma Magna aus Graz hat Hochdruckleitungen für die Flüssigtanks der Rakete geliefert. An Bord der "Orion"-Kapsel, zu der die Europäische Raumfahrtagentur das unmittelbar an der Unterseite angedockte "European Service Modul" (ESM) liefert, geht es nach einigen Erdumrundungen dann Richtung Mond. Das ESM liefert den Hauptantrieb und stellt Energie bereit. Zudem sind darin der Treibstoff, Wasser, Sauerstoff und Stickstoff gespeichert. Es ist also das zentrale Modul für die lebenserhaltenden Systeme.
In die Mond-Sphäre tritt man laut Plan am fünften Tag ein, tags darauf würde man den Entfernungsrekord von der Erde, den die unglückliche "Apollo 13"-Mission im Jahr 1970 aufgestellt hat, übertreffen, so die NASA-Angaben. Dann ist man etwa 370.000 Kilometer von der Erde entfernt, etwa 7.500 Kilometer hinter der erdabgewandten Seite des Mondes. Diese Missionsphase bringt dann logischerweise auch die größte Annäherung an den Mond mit sich. Am zehnten Flugtag werden Orion und ESM entkoppelt und die Crew-Kapsel soll im Meer aufsetzen. Der gesamte Flugverlauf gleicht insgesamt einem Achter um Erde und Mond. Insgesamt soll die Crew über 2,3 Millionen Kilometer zurücklegen.
"Orion"-Kapsel fliegt größtenteils vollautomatisch
Die "Orion"-Kapsel fliegt größtenteils vollautomatisch. Zu Testzwecken werden die Astronauten aber immer wieder auch manuell steuern. Zudem müssen sie stets alle Systeme und auch ihren eigenen Gesundheitszustand mit Hilfe zahlreicher Tests, Sensoren und Messungen überprüfen, auch für wissenschaftliche Forschung. Auch Fotos und Analysen von Erde und Mond gehören zu ihren Aufgaben.
Außerdem müssen sie in der Enge der Kapsel leben und arbeiten. Schlafen sollen sie in an der Wand befestigten Schlafsäcken. Reinigen können sie sich unter anderem mit Feuchttüchern, Flüssigseife, Waschlappen sowie Zahnbürsten und Zahnpasta. Es gibt ein eigenes Klo mit Tür. Insgesamt geht es natürlich recht beengt zu: Die rund 3,5 Meter hohe Kapsel bietet bei einem Durchmesser von fünf Metern kuschelige rund neun Kubikmeter Raum - eine Herausforderung für die vierköpfige Crew.
"Zentrales Nervensystem" auf Basis von Wiener Technologie
Kulinarische Luftsprünge macht man an Bord auch nicht. Laut Angaben ist Essensversorgung mit jener auf der Internationalen Raumstation ISS vergleichbar - nur noch etwas limitierter. Beispielsweise muss das meiste bei Raumtemperatur verzehrt werden, denn der Essenswärmer hat nur sehr begrenzte Kapazitäten.
Mindestens eine halbe Stunde pro Tag sollen die Astronauten mit Sport verbringen. Ein Gerät hilft ihnen dabei beispielsweise Ruder-Übungen zu machen. Außerdem hat jeder ein Tablet und einen Laptop, wo sie per Wifi mit der Erde kommunizieren können. Auch ein paar Filme und Spiele sind heruntergeladen.
Wichtige Teile der Kommunikation laufen über ein System von TTTech: So verbindet das "TTEthernet-Netzwerk" quasi als "zentrales Nervensystem" von Orion und dem ESM zahlreiche Sensoren, Computer und antriebstechnische Bauteile (Aktuatoren) miteinander. Dieses Gesamtsystem ist für verschiedene sicherheitskritische Funktionen wie Flugsteuerung oder Lebenserhaltungssysteme zuständig. Über das Netzwerk können aber auch nicht-kritische Aufgaben, wie etwa die Videokommunikation, ablaufen, wie TTTech mitteilte.
Auch hochmoderne Messsysteme des steirischen Messtechnikherstellers Dewetron sind bei der Durchführung der Artemis-Mission beteiligt. Die von dem Unternehmen bereitgestellte Technologie spielt u.a. bei der Datenerfassung und Echtzeitüberwachung eine Rolle, um Daten über die Startumgebung aufzuzeichnen. Auch Johanneum Research aus Graz war bei dem Artemis-Programm bereits mit Technologie und Know-how beteiligt.
Mondlandung 2027, Europa-Premiere 2028?
Die erste bemannte Mondlandung im Rahmen des Artemis-Programmes - "Artemis 3" - ist momentan für das Jahr 2027 geplant. Danach soll es weitere Missionen geben, auf denen auch europäische Astronautinnen und Astronauten Plätze haben sollen. ESA-Chef Josef Aschbacher hat sich Ende des vergangenen Jahres dazu entschlossen, dass Raumfahrer aus Deutschland, Frankreich und Italien zum Zug kommen sollen. Der frühestmögliche Mondflug mit teils europäischer Besatzung ist die bisher für 2028 anvisierte "Artemis 4"-Mission.
Im Rahmen des umfassenden Comeback-Programmes zum Erdtrabanten soll auch ein Außenposten namens "Gateway" entstehen, in dem Astronauten leben und arbeiten können, während sie sich im Orbit um den Mond befinden. Ein wichtiger Teil von "Gateway" wird das "International habitation module" (Lunar I-Hab), das die ESA in Kooperation mit der Japan Aerospace Exploration Agency (JAXA) realisiert. Gebaut wird das Modul von der italienischen Firma Thales Alenia Space. Die Wiener Weltraum-Architekturplattform Liquifer ist Teil des Design- und Test-Teams für den zukünftigen Außenposten der Menschheit, der in Zukunft vier Astronautinnen oder Astronauten immerhin rund 48 Kubikmeter Platz bieten soll.
Kostenexplosion, Prestige und Diskussion
2021 hatte der damalige Generalinspekteur der NASA geschätzt, dass die Kosten für das "Artemis"-Programm bis 2025 auf 86 Milliarden Dollar steigen würden, deutlich mehr als anfangs veranschlagt. Seitdem dürfte noch einiges an Kostensteigerungen hinzugekommen sein, zusätzlich zu den weiter laufenden Kosten. "Artemis 2" alleine dürfte sich laut Expertenschätzungen auf etwa vier Milliarden Dollar belaufen. Vorherige Pläne für eine Rückkehr der USA zum Mond waren ebenfalls krisengeplagt und letztendlich immer wieder gescheitert. Das "Apollo"-Programm hatte insgesamt rund 28 Milliarden Dollar gekostet, das wären heutzutage etwa 280 Milliarden. Die NASA will Menschen "für wissenschaftliche Entdeckungen, wirtschaftlichen Nutzen und um eine neue Generation von Entdeckern zu inspirieren" zum Mond schicken, heißt es offiziell. Zudem sei die Rückkehr zum Mond auch eine Art Sprungbrett auf dem Weg zum Mars.
Strategisch symbolisiert die Rückkehr zum Mond technologische und geopolitische Führung im Wettlauf um Vorherrschaft im Weltraum. Eine dauerhafte Präsenz dort gilt als Weg, nationale Interessen in der Raumfahrt zu sichern und internationale Kooperationen prägen zu können. US-Präsident Donald Trump, in dessen erster Amtszeit das Programm ins Leben gerufen worden war, würde es auch als persönlichen Erfolg verbuchen wollen. Zuletzt gab es aber auch immer wieder Diskussionen über das ambitionierte Programm.
(S E R V I C E - NASA-Information zu Artemis 2: https://go.apa.at/R0J4bLLd )
Zusammenfassung
- Der Start der NASA-Mission "Artemis 2" zur bemannten Mondumrundung wurde nach technischen Problemen beim Test am Weltraumbahnhof Cape Canaveral auf frühestens März verschoben.
- Die vierköpfige Crew besteht aus der US-Astronautin Christina Koch, Victor Glover, Reid Wiseman und dem Kanadier Jeremy Hansen, wobei Koch die erste Frau und Glover der erste nicht-weiße Mensch auf einer NASA-Mondmission wären.
- Die zehntägige Mission soll mit der "Orion"-Kapsel einen Entfernungsrekord von etwa 370.000 Kilometern zur Erde aufstellen und wird größtenteils automatisch geflogen.
- Österreichische Unternehmen wie Magna, TTTech, Dewetron und Johanneum Research liefern zentrale Technologien für Rakete und Kapsel, darunter das "TTEthernet-Netzwerk" als zentrales Nervensystem.
- Das Artemis-Programm, das bereits Kosten von über 86 Milliarden Dollar verursacht hat, plant die erste bemannte Mondlandung 2027 und sieht ab 2028 auch europäische Astronaut:innen an Bord vor.
