APA - Austria Presse Agentur

Corona-Verdachtsfall: Der Weg von der Warteschleife bis zum Testergebnis

24. Sept 2020 · Lesedauer 7 min

Wegen Halsschmerzen ein "Verdachtsfall" - mit allen Konsequenzen.

Ich habe kein Corona. Eine gute Nachricht, die mich endlich erreicht. Krank war ich, ganz fit bin ich auch jetzt noch nicht. Eigentlich wollte ich vergangenen Mittwoch zum Arzt. In Zeiten wie diesen ersetzt ein Anruf die Zeit im Wartezimmer, dachte ich. Die Assistentin fragt mich nach den Symptomen. "Hals- und Kopfschmerzen, aber kein Fieber", antworte ich. Ja dann müsse ich 1450 anrufen, das seien klare Covid-19-Symptome. Vorsicht ist besser als Nachsicht, logisch.

Ich tippe 1450 in mein Handy. Es ist 9:39 Uhr. Direkt eine Vorwarnung: "Der Anruf wird zu Qualitäts- und Beweiszwecken aufgezeichnet." Ich frage mich was denn da bewiesen werden soll, höre schon Verschwörungstheoretiker vom Deep State schwurbeln. "Es ist eine rechtliche Absicherung", wird mir später Mario Dujaković, Mediensprecher von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker, mitteilen. Mehr für die Stadt, als für den potentiell kranken Anrufer, hör ich zwischen den Zeilen. 

Ich lausche der Warteschleife: "Vielen Dank für Ihre Geduld. Eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter meldet sich so rasch wie möglich bei Ihnen. Besuchen Sie auch unsere Website 1450.wien." Das selbe nochmal auf Englisch. Eine gute Sache, es leben auch Menschen in Österreich, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Briten, Amerikaner und Australier zum Beispiel. Die sind ja auch nicht immun gegen Corona.

Nach gut zwanzig Minuten höre ich eine menschliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Die Dame ist freundlich, fragt nach Symptomen, Vorerkrankungen, nimmt persönliche Daten auf und stellt drei Fragen, bei denen ich bitte nicht erschrecken solle. Ob ich Atemprobleme habe, ob ich ein komisches Gefühl um die Herzgegend habe, ob ich das Gefühl habe, gleich umzukippen? Nein, Nein, Nein. Nichts von alledem, Lebensgefahr besteht definitiv nicht. Dann hätte ich wohl auch eher 144 gewählt. Sie teilt mir mit, dass sie mich nun zum medizinischen Personal weiterleiten müsse. Dafür würde ich wieder in der Warteschleife landen, ich solle bitte nicht auflegen. Auflegen und das Spiel von vorne beginnen? Nein danke, ich bleibe in der Leitung. Nun dauert das Warten bedeutend länger, über eine Stunde darf ich mir die Ansage anhören. Zumindest auf Deutsch und Englisch. Ein bisschen Abwechslung für meinen dröhnenden Kopf.

Warum das so lange dauert? Diese Frage habe ich später auch Dujaković gestellt, die von ihm zur Verfügung gestellten Statistiken zeigen es. Ich habe einfach einen sehr stark frequentierten Tag erwischt. Hätte ich erst am Sonntag angerufen, hätte ich im Durchschnitt drei Minuten in der ersten Runde und 21 Minuten in der zweiten Runde gewartet, erklärt er mir. Quasi nichts, wenn man an die Dauer der Warteschleifen von diversen Dienstleistern denkt – deren Service man oft teuer bezahlt. Dujaković erklärt mir auch, dass die Stellen derzeit massiv aufgestockt werden. Sowohl bei der Corona-Hotline, als auch beim Contact Tracing.

Es sollte mehr als eine Stunden dauern, bis ich wieder eine menschliche Stimme höre. Diesmal ein Mann. Er liest mir nochmal meine Daten, Symptome und Vorerkrankungen vor. Alles korrekt. Man könne mich testen, wenn ich das wolle. Wollen? Ich bin krank und will eigentlich zum Arzt, der mich hierher verwiesen hat. Ich sage das freundlicher, als ich es mir denke. "Sie sind jetzt offiziell ein Verdachtsfall. In den nächsten drei bis vier Tagen kommt das Rote Kreuz zwischen 7 und 21 Uhr vorbei und klingelt an Ihrer Tür. Noch Fragen?" Davon hätte ich genug, eine Berufskrankheit, aber es geht – wie man auf Ibiza sagen würde –ZackZackZack. Das heißt absondern? "Ja, sicher!" Das sollte man dem ein oder anderen Anrufer wohl ohne Nachfrage mitteilen, denke ich noch. Eigentlich wollte ich noch fragen, ob ich Leute informieren soll, aber das ging irgendwie unter. Ich habe das natürlich trotzdem getan. Sicher ist sicher – auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt von einem negativen Ergebnis ausgehe. Den Arbeitgeber sowieso, Menschen, die ich in den Tagen zuvor traf, auch.

Und nun? Absondern. Für ein paar Tage kein Problem, der Großeinkauf fand nur kurz davor statt. Sollte ich was brauchen, kann ich mich auf meine Freundin verlassen. Ein kleines ironisches Detail am Rande: Mir geht das Klopapier aus.

Ich warte, warte …

Dann heißt es warten auf die Testcrew. Obwohl krank, läutet der Wecker um 6:55 Uhr, ich will ja die Türglocke nicht überhören. Die Wartezeit sorgt dafür, dass aus dem "Na, ich hab ka Fieber, es kann nicht sein" ein "Hmm, was ist wenn? Woher hab ich es? Wird es schlimm? Atme ich noch normal?" Das Hirn macht sich selbstständig. Besonders im Halbschlaf. Es lässt mich mit einem mulmigen Gefühl zurück.

Am Freitag läutet mein Handy. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuz ruf an, checkt nochmal die Adresse und erklärt, ein Kollege würde in der nächsten Viertelstunde vorbeikommen. Fast auf die Minute genau läutet es. Im Ganzkörperanzug kommt er zu meiner Wohnungstür. Ich bitte ihn rein. Das darf er nicht. In der Tür schiebt er mir zuerst ein Stäbchen in die Nase, dann eins in den Mund. Bei Erwachsenen werden zwei Abstriche gemacht, bei Kindern nur der Rachenabstrich, wird mir Dujaković später erklären. Die Stäbchen darf ich nach der Probeabgabe behalten. Ein Souvenir das sofort im Müll landet. Er händigt mir ein doppelt bedrucktes A4-Blatt aus. "Vorgaben der Gesundheitsbehörde zum Verhalten während der häuslichen Absonderung." Über das Ergebnis werde ich via SMS informiert bzw. über einen dort enthaltenen Link, sagt er. Einen PIN-Code erhalte ich auf Probenbegleitschein.

Wieder heißt es warten. Das Wochenende verbringe ich wahlweise im Bett oder auf der Couch, mit jede Menge Tee und gurgeln. Wenn die helfenden Medikamente fehlen, müssen halt die alten Hausmittel her. Mir geht’s von Tag zu Tag besser. Zum Glück.

Am Montagnachmittag dann der erlösende Anruf: "Ihr Corona-Test ist negativ", sagt mir eine freundliche Stimme. "Gott sei Dank", sage ich, "heißt das, die Quarantäne ist aufgehoben?" Das weiß sie nicht, dafür müsste ich bei der Befundabfrage anrufen. Den Anruf verschiebe ich auf Dienstag.

Elf Anrufversuche

Am Dienstag startet dann die eigentliche Odyssee. Die Nummer der Befundabfrage wähle ich um kurz vor 9 Uhr das erste Mal. Es wird nicht das letzte Mal sein an diesem Tag. Ich lande in der Warteschleife, fliege aus der Leitung. Wieder wähle ich die Nummer. Wer sich über die Wartezeit bei 1450 grün und blau ärgert, leuchtet dort signalrot. Es nützt nichts. Ich will die offizielle Antwort. Um kurz vor 14 Uhr, mein Handy zählt den elften Anrufversuch, ertönt die Stimme einer Frau. Sie bestätigt das negative Testergebnis. Da ich keinen direkten Kontakt zu einem Infizierten hatte ist auch die Absonderung aufgehoben. Die Freiheit hat mich wieder. Das angekündigte SMS erhalte ich um kurz nach 15 Uhr. Soviel zur Theorie mit der Technik geht alles schneller. Seis drum.

Ich bin einfach nur froh, dass ich kein Corona habe. Halsschmerzen sorgten dafür, dass ich ein Verdachtsfall wurde. Die sind mittlerweile fast weg, der Verdacht ganz. Ob das alles wirklich nötig war? Diese Frage müssen andere beantworten. Es fällt nicht jedem so leicht wie mir, fast eine Woche abgesondert zu sein. Und vor allem: Ich bin mit Hausmitteln durchgekommen, aber manche Verdachtsfälle brauchen Medikamente. Als Verdachtsfall praktisch nicht zum Arzt zu können ist auch etwas, über das wir reden sollten.

Mathias MorscherQuelle: Redaktion