Josef VotziJosef Votzi/PULS 24

Reden wir über…!

18. Okt. 2022 · Lesedauer 4 min

Was die selbstverliebte Auto-Biographie von Sebastian Kurz alles ausspart. Und warum sie trotz vieler Lücken dringend nach einer Fortsetzung verlangt.

Es war einer der bizarrsten Termine, der im Kanzleramt in der kurzen Ära Türkis-Blau über die Bühne ging. Sebastian Kurz hatte Franz Vranitzky zum Lunch auf den Ballhausplatz eingeladen. Den SPÖ-Alt-Kanzler, der dieser Tage seinen 85. Geburtstag feiert, ließ das Ansinnen des ÖVP-Jung-Kanzlers mehr als staunend zurück.

Der Türkisen-Chef wollte vom ehemaligen SPÖ-Chef wissen, wie er dessen bisherige Performance als Kanzler sieht. Franz Vranitzky umschiffte die Peinlichkeit eines persönlichen Reifezeugnisses und stellte seinerseits Fragen: Warum unternimmt die Regierung nicht mehr gegen die - sich damals neuerlich häufenden - "Einzelfälle" von Blauen, die unverschämt mit Braun liebäugeln? Vranitzky, der das Nein zu Rot-Blau zur Parteidoktrin gemacht hatte, sparte nicht mit Kritik an der FPÖ.

Peinlicher Lunch mit Vranitzky

Kurz quittierte die Kritik erst mit Schweigen, dann mit bemühtem Themenwechsel. Der Lunch endete in lustlosem Herumstochern im kredenzten Tafelspitz. Peinliche Niederlagen wie diese spart Sebastian Kurz in seinem am Wochenende publizierten Buch "Reden wir über Politik" aus. Die "Krone"-Journalistin Conny Bischofberger hat nach 24 Interview-Sessions in 24 Kapiteln zu Papier gebracht, was der gefallene türkise Star über seine zehn Jahre in der Spitzenpolitik für erzählenswert hält.

Wie Kurz seinen Aufstieg und Fall gesehen haben will, ist zudem durch Dutzende Print-Storys und TV-Interviews von ORF bis Puls 24 rund um das Erscheinen des Buches dokumentiert. Bemerkenswert ist nicht nur, was Kurz in seiner Auto-Biographie alles unter den Tisch fallen lässt: Nicht nur peinliche Episoden wie das vergebliche Buhlen um die Gunst des Ex-Chefs der verachteten Roten. Auch das Wie und Warum der monatelangen Geheimverhandlungen mit den Neos 2017 spart Kurz in seiner Selbstdarstellung aus.

Strolz & Kurz - eine Abrechnung

Wie er reagiert, wenn er dennoch darauf angesprochen wird, macht das Narrativ schlagartig sichtbar, mit dem Kurz sein Jahrzehnt in der Spitzenpolitik generell zu framen sucht. Im ORF-Wien-Heute-Interview holt Patrick Budgen eines der ausgesparten, unangenehmen Kapitel aus Kurz' Politiker-Leben sichtlich unerwartet vor den Vorhang:

"Vor einem Jahr als Sie zurückgetreten sind, ist genau auf diesem Sessel, auf dem Sie jetzt sitzen, Matthias Strolz gesessen, der kommt auch in ihrem Buch kurz vor…"

Kurz: "Wen Sie aller einladen…"

"....ja viele spannende Leute. Strolz war ja Ihr Rhetoriktrainer…"

Kurz: "Er war nicht mein Rhetoriktrainer. Ich war mal zufällig bei einem Seminar und er war dort."

"Und Strolz hat damals gesagt: Es sei alles verlogen an Ihnen. Von der Inszenierung des Kanzleramts bis zur privaten Lebensführung."

Kurz: "Um ehrlich zu sein, muss man sagen: Der Matthias Strolz hat sich lange damit schwer getan, dass wir 2017 über eine Zusammenarbeit zwischen Neos und Volkspartei gesprochen haben. Aus dieser Zusammenarbeit wurde dann nichts. Ich habe ihm damals gesagt, dass ich glaube, dass es ein Fehler ist, wenn man eine Zusammenarbeit nicht versucht."

Message Control in eigener Sache

Das Grundmuster der türkisen Message Control ist und bleibt auch in eigener Buch-Sache: Kurz schmiedete große Pläne. Denjenigen, die da nicht mitkonnten und mitwollten, bleibt nur die Flucht in gekränkte Eitelkeit. Anhaben kann einem Sebastian Kurz selbst eine fundamentale Kritik wie die von Matthias Strolz selbstredend nichts.

"Trifft Sie das nicht, wenn er das über sie sagt?"

Kurz: "Treffen tut es mich überhaupt nicht. Ich halte es nur nicht für notwendig, Sie werden, wenn Sie ins Archiv blicken, nichts finden, dass ich je einen anderen Politiker beleidigt oder herabgewürdigt habe."

Waren da aber nicht auch despektierliche Chats wie "Riesen-Oasch" über seinen Ex-Chef Reinhold Mitterlehner?

Kurz: "Ja, aber die waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt."

Dokument der jüngeren Zeitgeschichte

Ist bei soviel Schein versus Sein "Reden wir über Politik" dennoch lesenswert? Durchaus - denn die, von jeder substantiellen Selbstkritik chemisch freie, Selbstdarstellung wird gerade dadurch zu einem Dokument der jüngeren Zeitgeschichte.

"Reden wir über Politik" verlangt gerade deswegen aber auch dringend nach einer Fortsetzung. Der Titel steht fest: "Reden wir über Wählertäuschung". Der herausfordernde Inhalt: Einst Haider, dann Grasser, jetzt Kurz - wie kam es dazu, dass so viele Wähler dem nächsten vermeintlichen Heilsbringer erlegen sind?

Einer kommt - angesichts seines selbstverliebten Erstlings - als Autor wohl nicht in Frage: Sebastian Kurz.

 Josef Votzi ist Journalist und Kolumnist des Magazin "Trend": Seine wöchentliche Kolumne "Politik Backstage"  jeden Freitag neu auf trend.at

Josef VotziQuelle: Redaktion