Bergthaler über mögliche Probleme beim vierten Stich

19. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

Virologe Andreas Bergthaler empfiehlt den vierten Stich für alle erst im Spätherbst, es könnte aber "keine wahnsinnig gute Idee" sein, sich dann gegen Omikron impfen zu lassen. Außerdem erklärt er, was es mit den neuen, ansteckenderen Corona-Rekombinanten auf sich hat.

Virologe und Immunologe Andreas Bergthaler von der MedUni Wien erklärt im PULS 24 Interview, dass in den vergangenen Wochen das Auftreten von Corona-Rekombinanten beobachtet wurde. Treffen zwei unterschiedliche Corona-Varianten im Körper eines Menschen oder sogar in einer Zelle aufeinander, kann es beim Kopiervorgang des Virus zu einem Übersprung kommen. Dann können beide genomischen Varianten vereinigt werden.

Zwei Rekombinanten mit deutlich höherer Ansteckungsrate

Es gebe bereits eine ganze Reihe unterschiedlicher Rekombinanten. Seines Wissens nach gebe es aber nur zwei Rekombinanten, die grundsätzlich veränderte Eigenschaften aufweisen. Eine sei eine in England nachgewiesene Variante namens XE, die andere eine in New York festgestellte Variante namens BA.2.12, die dort für 90 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich zu sein scheine. Bei beiden vermuten Experten aktuell, dass sie sich um 20 Prozent leichter in der Bevölkerung fortpflanzen können als die momentan in Österreich dominante BA.2-Variante.

Keine "Killer-Variante"

Deutschlands Gesundheitsminister Karl Lauterbach sprach im Zusammenhang mit einer dieser Rekombinanten von einer "Killer-Variante". Es gebe keinen Anhaltspunkt, dass das gerechtfertigt sei, widerspricht Bergthaler.

Wichtig sei jedoch, Daten zu sammeln, wie sich die neuen Varianten in ihren Eigenschaften verändern. Das könne man nur bedingt vorhersagen. Nur die Überprüfung bei Infizierten könne da sichere Daten über den Krankheitsverlauf oder die Wirksamkeit der Impfung liefern.

Zwei Rekombinanten-Fälle in Österreich

Bisher wurden zwei Fälle von Rekombinanten in Österreich vor einigen Wochen entdeckt. "Da sind wir intensiv am Schauen, ob es weitere Fälle gibt." Bisher sei man aber nicht fündig geworden, es gebe also aus epidemiologischer Sicht keinen Grund zur Besorgnis.

Bergthaler empfiehlt 4. Stich für alle im Spätherbst

Der Virologe geht in Österreich von einem aktuell "deutlich reduzierten" Infektionsgeschehen aus. Deshalb ist Bergthaler der Meinung, dass der vierte Stich zurzeit eher für vulnerable Gruppen empfehlenswert ist. Für die breite Bevölkerung würde das im Spätherbst Sinn machen. Dann wäre man in den Winter hinein vor schweren Verläufen und Ansteckungen geschützt. Bis dahin müsse man noch weitere Daten auswerten und am Ende müsse das natürlich das Nationale Impfgremium entscheiden.

Das Problem mit der 4. Impfung - und die Hoffnung

Die Schwierigkeit dabei sei, dass man nicht sagen könne, welche Variante im Herbst und Winter die dominante sein werde. Die Entwicklung des Virus gehe außerdem nicht in eine Richtung. Delta sei nicht aus Alpha entstanden und Omikron nicht aus Delta. "Die nächste Variante, die in Österreich dominant wird, ist nicht zwingend ein Abkömmling von Omikron, sondern könnte aus einem ganz anderen Teil des Stammbaumes des Virus entstehen." Sollte das der Fall sein, wäre es "keine wahnsinnig gute Idee", sich gegen Omikron impfen zu lassen.

Bergthaler hofft auf "Pan-Corona-Impfstoffe, die eine ganze Reihe an unterschiedlichen Varianten abdecken". Es werde wohl nie einen Impfstoff geben, der alle Varianten abdeckt, aber Bergthaler glaubt, dass man "unterschiedliche Konfigurationen an Mutationsansammlungen zukünftiger Varianten vorwegnehmen" kann. "Ob und wie lang das dauert, wird sich erst zeigen."

Gremien arbeiten an mehreren Szenarien für Herbst

Um für den Herbst vorbereitet zu sein, müsse man sich auf eine ganze Bandbreite aus Szenarien rüsten. Daran werde in unterschiedlichen Gremien bereits gearbeitet. Dazu sei es wichtig, endlich mit den Daten richtig umzugehen, "weil je besser wir wissen, was um uns geschieht, desto mehr Zeit gewinnen wir, um entsprechende Maßnahmen frühzeitig zu setzen". Da gebe es noch viele Baustellen, "die wir hoffentlich nach zwei Jahren Pandemie endlich angehen".

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam