Infektiologin: "Noch lange vor dem Punkt, an dem es beginnt abzunehmen"

24. Nov 2021 · Lesedauer 3 min

Infektiologin Ursula Hollenstein rechnet in nächster Zeit nicht mit einer Entspannung der Corona-Lage - im Gegenteil. Auch wenn es ans Aufsperren geht, wird es zu Ungerechtigkeiten kommen. Das könne man aber nicht vermeiden, wenn man weitere Ansteckungen verhindern wolle.

"Ich glaube, wir sind noch lange vor dem Punkt, an dem es beginnt abzunehmen", zeichnet die Medizinerin von travceldoc auf PULS 24 eine finstere Prognose für die nahe Zukunft. Noch befänden wir uns vor der Spitze der Neuinfektionen und Spitalszahlen. 

Für eine genau Prognose fehlen jedoch viele Daten. Man wisse nicht viel über die Immunisierung der Menschen, da nicht klar sei, wie viele eine Infektion durchgemacht haben, ohne es zu wissen. Wer sich jetzt infiziere, falle dann mit einigen Wochen Verzögerung in die Statistik. Die Intensivauslastung sei zwar bestimmbar, aber keine Frühwarnung - im Gegenteil. Maßnahmen würden nichts mehr bringen, wenn die Stationen bereits überlastet sind. Das einzige Frühwarnsystem seien Testungen. Deshalb solle man davon "bei Gott ja nicht weggehen". 

Hunderttausende Tote im Winter? "Fürchte, das stimmt"

Die WHO warnte am Dienstag vor hunderttausenden Corona-Toten in Europa. "Ich fürchte, das stimmt", so Hollenstein. Sie glaubt, dass "wir einen harten Winter haben werden". Wenn die Infektionslage sich schließlich bessert und Österreich wieder aufgesperrt wird, werde es zu Ungerechtigkeiten kommen. Einer wird aufsperren dürfen, der andere nicht. Etwas anderes werde uns nicht übrig bleiben, denn man müsse differenzieren, wo die Ansteckungsgefahr groß ist und wo bedenkenlos geöffnet werden könne. "Manche werden dann schreien, aber das lässt sich nicht vermeiden", ist sich die Ärztin sicher.

Schulschließungen

Aus infektiologischer Sicht seien Schulschließungen "natürlich" ratsam. Die Schulen seien ein "großer Motor" bei Ansteckungen und man sehe ja, wie die Zahlen hinaufschnellen. Die älteren Schüler würden das auch einsehen, aber für die Kleinen wäre ein Schul-Lockdown ungleich schwieriger. Sie verstehen die Hintergründe nicht und die sozialen Kontakte würden fehlen. Außerdem würden zuhause dann teils mehrere Geschwister auf kleinstem Raum aufeinanderhocken. 

Eine Chance wären natürlich die Kinderimpfungen. Aktuell findet ein enormer Run auf sie statt. Die Medizinerin glaubt, dass das aber nur jene Kinder sind, deren Eltern der Impfung gegenüber sowieso aufgeschlossen sind. Wie gut die Impfung für Kleine angenommen wird, könne man erst beurteilen, wenn die Impfung offiziell zugänglich sei. 

Impfgegner

Beim Überzeugen von Impfgegnern ist Hollenstein nach einem Jahr Überzeugungsarbeit nicht mehr besonders optimistisch. Echte Leugner seien nicht zu überzeugen und Argumenten nicht zugänglich. Die große Frage sei immer, wie viele das wirklich sind. 

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam