APA - Austria Presse Agentur

Fake-News arten in Gewalt aus

07. Mai 2020 · Lesedauer 4 min

Falschmeldungen erfahren derzeit hohen Zuspruch. Jetzt haben sie eine neue Eskalationsstufe erreicht und schlagen zunehmend in reale Gewalt um.

Die Eliten haben das Coronavirus erfunden, um die Welt zu kontrollieren. Die Corona-Krise ist ein Ablenkungsmanöver von Donald Trump, um Kinder aus den Fängen von Pädophilen zu befreien Das 5G-Netz ist eigentlicher Auslöser des Coronavirus. Für die meisten Menschen klingen diese Theorien absurd. Aber Falschmeldungen und Verschwörungstheorien verbreiten sich derzeit rasend schnell und erfahren auch in der Mitte der Gesellschaft Zuspruch. Die Faktencheck-Plattform "Mimikama" ortet jetzt eine neue Eskalationsstufe. Die Falschmeldungen würden zunehmend in reale Gewalt umschlagen.

In mehreren europäischen Staaten wurden 5G-Sendemasten beschädigt. Sogar Morddrohungen gegen Telekom-Techniker soll es gegeben haben. Auch "Mimikama" selbst ist mit Drohungen und Beschimpfungen konfrontiert. In zahlreichen Ländern kommt es zu Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Regierungen. Zuletzt auch in Wien, wo eine Kundgebung von der Polizei aufgelöst wurde. Unter den Demonstranten waren unter anderem auch Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme.

Unsicherheit und Unwissen sind der ideale Nährboden für Verschwörungstheorien. Cornel Binder-Krieglstein, klinischer- und Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut, sagt: "Wenn ich unsicher und unzufrieden bin, suche ich weniger selektiert nach Information." Viele Menschen fühlten sich machtlos in der aktuellen Situation und würden ihre Ängste auf Feindbilder, wie das 5G Netz, projizieren. "Man versucht dann mit irgendwelchen Maßnahmen diese Ohnmacht in einem selbst zu verringern", sagt Binder-Krieglstein.

Ingrid Brodnig über Fake-News in Krisenzeiten

Regierungen & Verschwörungstheorien

Einige Länder nutzen die aktuelle Krise auch für eigene Propaganda und tragen selbst zur Verbreitung von Unwahrheiten bei. Die EU hat verschiedene Regierungen, darunter Russland und China, kritisiert, Verschwörungstheorien und Desinformation zu verbreiten.

Russland wolle damit die Reaktion der EU auf die Pandemie untergraben und Verwirrung über den Ursprung des Virus stiften. Auch China verbreite nicht bewiesene Theorien zum Ursprung des Virus und versuche die Erwähnung von Wuhan als Ausgangsort der Pandemie zu verhindern.

US-Präsident Donald Trump hat wiederholt medizinisch nicht geprüfte Therapien zur Behandlung des Virus empfohlen. Vergangene Woche schlug er beispielsweise die Injektion von Desinfektionsmittel vor. In mehreren US-Bundesstaaten mehrten sich daraufhin die Anrufe bei Coronavirus-Hotlines. Hunderte Anrufer fragten, ob sie Desinfektionsmittel trinken oder inhalieren sollen, um sich vor dem Coronavirus zu schützen. Mediziner warnten dringlich vor dieser giftigen Behandlung. Die Auswirkungen und Gefahren des Virus spielte Trump lange herunter. Er beschuldigte seine erklärten Feindbilder, die Medien und die Demokraten, ihm mit dem Virus schaden zu wollen.

Der US-Präsident glaubt, entgegen der Meinung der meisten Wissenschafter, das Virus könnte in einem chinesischen Labor entstanden sein. China wirft er außerdem vor, seine Wiederwahl im November verhindern zu wollen. "China wird alles tun, damit ich diese Wahl verliere", sagte Trump in einem Interview mit Reuters. 

Was tun gegen Verschwörungstheorien?

Mit Rationalität könne man bei Betroffene nicht viel erreichen. Binder-Krieglstein sagt: "Die würden sich bedroht fühlen, wenn man ihnen diese Möglichkeit nimmt, mit der inneren Ohnmacht umzugehen."

Man könne aber mit Vernunft reagieren. Der Psychologe rät dazu, logisch zu denken, um irrationalen Ängsten zu begegnen. Viele Theorien würden einem Realitätscheck nicht standhalten. Man solle sich etwa fragen: "Kann das sein, dass durch Handystrahlung Corona übertragen wird?" 

Binder-Krieglstein rät außerdem dazu, nur seriöse Informationsquellen zu konsumieren. Dabei sei weniger oft mehr. Nachrichten auf Social-Media-Kanälen sollten auf ein Mindestmaß reduziert werden.

Verschiedene Eskalationsstufen von Fake-News

"Mimikama" unterscheidet vier Eskalationsstufen von Fake-News. Die Falschmeldungen zum Coronavirus hätten relativ harmlos angefangen, etwa als Kettenbriefe oder Whatsapp-Nachrichten, die leicht als unwahr identifiziert werden konnten.

In einer zweiten Stufe hätten sich "alternative Meinungen" gemehrt. Auf verschiedenen Blogs und Internetseiten kamen "Experten" zu Wort, die sich entgegen der Corona-Maßnahmen positionierten. In dieser Phase wird es bereits schwieriger Unwahres von Wahrem zu trennen.

In einer dritten Stufe träten vermehrt Verschwörungsmythen auf, die derzeit zunehmend die gesellschaftliche Mitte erreichen. Sie existieren unabhängig von Beweisen und Fakten. Dahinter steckt die Annahme, dass die Gruppe der "Eingeweihten" über geheimes Wissen verfüge.

Rationalität spielt hier keine Rolle mehr, weshalb klassische Faktenchecks laut "Mimikama" kaum mehr möglich sind. In dieser Phase würden sich bestimmte Anhänger radikalisieren. In der vierten und letzten Eskalationsstufe übertrage sich diese Radikalisierung in die Realität. Das könne man derzeit an der steigenden Gewalt gegen Feindbilder beobachten.

Mit einer Entspannung der Situation werden auch die Falschinformationen wieder abnehmen, glaubt Binder-Krieglstein. "Je weniger Angst da ist, desto weniger Nährboden für Verschwörungstheorien ist da", sagt der Psychologe. 

Soraya PechtlQuelle: Redaktion / spe