Epidemiologin Schernhammer: "Testen, nachverfolgen, isolieren" bei Omikron bald unmöglich

05. Jan 2022 · Lesedauer 4 min

Die hohe Ansteckungsrate bei Omikron werde es bald unmöglich machen, so Epidemiologin Schernhammer im PULS 24 Interview, die Strategie "Testen, nachverfolgen, isolieren" weiterzuverfolgen. Alle Österreicher täglich zu testen, lasse sich nicht durchführen. Man solle sich auf wesentliche Stellen wie Schulen und Pflege konzentrieren. Andere könne die Booster-Impfung vor schweren Verläufen schützen.

Burgenland hat am Mittwoch als Reaktion auf das Ausbreiten der Omikron-Welle mehr Tests angekündigt. Für Epidemiologin Eva Schernhammer von der MedUni Wien ein "guter zusätzlicher Schritt", jedoch müsse man im Hinterkopf behalten, dass die Testkapazitäten dabei gewährleistet werden müssen.

"Wenn ganz Österreich plötzlich mehrfach in der Woche testet, das muss man erst einmal bewerkstelligen", so die Expertin. Schernhammer verweist auf die Vorschau des Prognose-Konsortiums, das von 50.000 Neuinfektionen ausgeht. Vor allem bei jenen, wo es am wichtigsten sei, wie in der Pflege, oder an den Schulen, müsse sichergestellt werden, dass sie getestet werden können. Der Präsenzunterricht müsse so lange wie möglich weitergehen. 

Sekundär zu wissen, wer genau infiziert ist

"Man muss realistisch sein, wegen der hohen Infektiosität von Omikron wird es wahrscheinlich auch mit vielen Tests nicht ganz gelingen, das aufzuhalten." Es sei wichtig, das Testen bei für die Infrastruktur wichtigen Stellen wie der Pflege zu intensivieren, aber "das Testen hat dann auch irgendwann seine Grenzen erreicht". Es sei ihrer Meinung nach unmöglich alle Österreicher täglich zu testen, deshalb solle man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Es sei fast sekundär zu wissen, wer genau infiziert sei – ausgenommen sind hier wichtige neuralgische Stellen – "Hauptsache, dass keine schweren Verläufe zustande kommen". Das könne die Impfung gewährleisten.

Booster schützt zu 90 Prozent vor schweren Verläufen

Die verlässlichsten Daten kämen aktuell aus Großbritannien. Sie weisen darauf hin, dass die Boosterimpfung zu einer "wichtigen Reduktion von Hospitalisierungen und schweren Verläufen gibt" von bis zu 90 Prozent führe, auch wenn Infektionen selbst bei Omikron nicht mehr so gut verhindert werden.  

"Test, trace und isolate" bald nicht mehr möglich

Schernhammer rechnet damit, dass man von der "Test, trace und isolate"-Strategie (testen, nachverfolgen, isolieren, Anm.) wegen zu vieler Fälle wird abgehen müssen. "Man kann sich selbst testen und soll auch", wenn man weiß, dass man mit vulnerablen Menschen Kontakt hat. Hier gelte Eigenverantwortung. Denn sie sieht eine Situation vorher, in der viele Menschen symptomlos infiziert sind und das vielleicht gar nicht wissen.

Corona-Gipfel: "Allzuviel wird man nicht erreichen können"

Vor dem Corona-Gipfel am Donnerstag war Schernhammer an der Aufbereitung der Daten für die Gecko beteiligt. Man müsse sicherstellen, "dass zumindestens nicht gelockert wird", sondern eher an "ein, zwei Stellschrauben" gedreht werde, um die Omikron-Wand so gut als möglich abzuflachen. "Man muss realistisch sein, allzuviel wird man nicht erreichen können."   

Lockdown nicht auszuschließen

"Das Ziel wäre, ohne einen Lockdown durchzukommen, aber leider könne man das nicht ganz ausschließen", denn eine Dynamik wie bei Omikron habe man laut der Epidemiologin bisher noch nicht gesehen. Es komme sehr rasch zur Verdoppelung der Fälle, die Ansteckung von einer Person zur nächsten gehe sehr schnell, "selbst Masern lassen sich da nicht vergleichen und das ist eine sehr ansteckende Krankheit". Bei vorherigen Varianten hätte es nach der Ansteckung sechs bis sieben Tage gedauert, bis die nächste Person ansteckend war, dass hätte sich bei Omikron auf vier Tage verkürzt. Das führt sehr viel rascher zu einer Vervielfachung der Fälle. Durch die Mutation habe das Omikron-Virus auch mehr Möglichkeiten am Körper anzudocken.

Eine Durchseuchung der Bevölkerung sei – da stimmt Schernhammer mit anderen Experten überein – keine gute Idee. Sie glaubt auch nicht, dass irgendwer in der Regierung das denke.

Omikron: Wird aus Welle eine "Wand"?

Auch wenn die Zahl der Intensivpatienten derzeit sinkt, drohe mit Ausbreitung der Omikron-Variante erneut eine Auslastung der Spitäler, warnt die Virologin Dorothee von Laer im Interview mit Café Puls. "Wenn wir doppelt so viele Infizierte haben, laufen die Krankenhäuser trotzdem wieder voll", auch wenn die Wahrscheinlichkeit auf eine Intensivbehandlung bei Omikron geringer sei. Sie rät zu einer Verkürzung der Gültigkeit beim Grünen Pass. "Sechs Monate nach zwei Impfungen ist zu lang", sagt die Virologin. Sie empfiehlt daher die Booster-Impfung schon nach vier Monaten.

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam