Von Laer über Impfgegner: "Sollen sie doch einen Sieg feiern"

23. Juni 2022 · Lesedauer 4 min

Die meisten Experten sind sich einig: Die Impfpflicht abzuschaffen war kein Fehler der Bundesregierung. Das Impfen bleibt aber weiter wichtig und vulnerable Personen müssen geschützt werden.

"Wir haben inzwischen eine höhere Immunitätslage", sagt Virologin Dorothee von Laer im PULS 24 Interview. Man stehe nun besser da als noch im Herbst. Die Abschaffung der Impfpflicht war daher kein Fehler. 

Das Impfen bleibt wichtig

Rund 60 Prozent seien geimpft und jeder zweite Österreicher war schon infiziert - die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. Man könne die Zahlen noch heben, aber das sei laut Von Laer eine gute Ausgangslage. Insbesondere bei älteren Menschen und vulnerablen Gruppen sei es aber wichtig, sich impfen zu lassen. Zahlen gibt es in Österreich keine, aber laut Schätzungen seien 10 Prozent der Über-80-Jährigen nicht geschützt. Für alle wird es im Herbst aber eine Auffrischungsimpfung geben.

Dass Impfgegner nun feiern, "gönnt" ihnen die Virologin. "Sollen sie doch einen Sieg feiern, das tangiert mich nicht", sagt sie.

Auch Epidemiologe Gerald Gartlehner hält die Abschaffung der Impfpflicht für begründet. Delta sei noch wesentlich ansteckender gewesen. "Es war der richtige Schritt", sagt er im PULS 24 Interview. Das sei aber auch im Jänner und Februar, als die Impfpflicht in Kraft trat, schon bekannt gewesen.

Aber: Gartlehner merkt an, dass in seinen Augen eine Impfpflicht in Gesundheitsberufen "immer noch sinnvoll" sei. Dort seien viele Vulnerable anzutreffen. Und Gartlehner mahnt: "Die Pandemie ist natürlich nicht vorbei". 

Impfpflicht im Gesundheitsbereich "immer noch sinnvoll"

Auch laut dem Impf-Experte Herwig Kollaritsch fehle die faktische Grundlage für eine allgemeine Impfpflicht. Das habe die Expertenkommission, die die Regierung in Sachen Impfpflicht berät und der Kollaritsch angehört, auch in ihrem letzten Bericht Ende Mai festgehalten. 

Die Impfpflicht würde nur einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung treffen, der vierte Stich sei darin nicht abgebildet, so Kollaritsch gegenüber der APA. Die Impfung an sich sei weiterhin freilich extrem wichtig, um schwere Verläufe nach einer Coronainfektion zu verhindern. Bei einer gesetzlichen Verpflichtung müsse man aber auch beachten, dass die Impfung für den Schutz vor einer Infektion angesichts der neuen Varianten nur noch eine geringe Bedeutung habe, und es schaue auch nicht so aus, als ob bei den neuen Varianten das Grundkriterium für die Impfpflicht - nämlich eine systemkritische Belastung oder Überlastung des Gesundheitssystems bei einer Infektionswelle - erfüllt wäre.

Dazu komme, dass eine gesetzliche Impfpflicht immer erst zu einem bestimmten Zeitpunkt schlagend wird und das System damit recht "träge" auf das epidemiologische Geschehen reagieren kann.

Impfpflicht für bestimmte Gruppen

Überhaupt fände es auch Kollaritsch zeitgemäß, weniger über eine allgemeine Impfpflicht als über eine für bestimmte Gruppen nachzudenken. Davon unabhängig solle jeder und jede für sich selbst überlegen, wann eine Auffrischung sinnvoll ist. Personen mit Grunderkrankungen, sehr alte Menschen und jene, die im Alltag sehr viele Sozialkontakte haben, sollten laut Kollaritsch auf jeden Fall schon jetzt auf einen optimalen Impfschutz durch einen vierten Stich achten.

"Impfpflicht hat es nie gegeben"

Für den Rechtsanwalt Florian Horn "hat es die Impfpflicht nie gegeben", das sagt er im PULS 24 Gespräch. Die Abschaffung des Impfpflicht-Gesetzes tue daher wenigen Leuten weh.

Bereits von Anfang an wäre das Gesetz zur Impfpflicht "in vielen Punkten viel zu kompliziert gewesen". Außerdem habe die Regierung vorgeschlagene Änderungen aus der Begutachtungsphase nicht in den Gesetzesentwurf übernommen. Letztlich sei auch zu bemerken, dass die Impfpflicht keinen einzigen Tag in Geltung gewesen sein.

"Impfpflichten erzeugen Widerstand"

ELGA-Geschäftsführer Franz Leisch warnte aus datenschutzrechtlichen und technischen Gründen schon früh vor der Impfpflicht. Nun sei er "erleichtert, aber nicht überrascht". 

Die Impfpflicht sei eine politische Entscheidung gewesen. Publikationen würden aber zeigen, dass Impfpflicht nur Widerstand hervorrufe. Zudem weist Leisch darauf hin, dass es ohnehin nicht verhältnismäßig gewesen wäre, in einem "s großen Datensatz" nach Ungeimpften zu fahnden. 

Quelle: Agenturen / Redaktion / koa