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Melzer: "Glauben, dass wir ein Sportland sind, sind es aber nicht"

07. Sept. 2022 · Lesedauer 5 min

Seit rund 20 Monaten ist Jürgen Melzer im ÖTV als Sportdirektor tätig. Im Gespräch mit der APA zieht der ehemalige Top-Ten-Spieler eine erste Bilanz. Die sportliche Entwicklung stimmt den 41-Jährigen positiv, weniger zufrieden zeigt er sich mit der vorhandenen Infrastruktur.

Seit Anfang Jänner 2021 ist der Ex-Weltklassespieler Jürgen Melzer im ÖTV als Sportdirektor, seit 2022 auch als Davis-Cup-Kapitän tätig. Der mittlerweile 41-jährige Niederösterreicher hat sich auch zusätzlichen Aufgaben verschrieben. In diesen Wochen ist er viel in Tulln, wo derzeit ein Challenger und nächste Woche der Davis Cup gegen Pakistan ausgetragen werden. Seit Beginn seiner Tätigkeit gibt es mittlerweile drei Challenger in Österreich, 2023 soll einer dazukommen.

Zusätzlich ist auch bei der Stufe darunter viel dafür getan worden, dem heimischen Nachwuchs Reisekosten zu ersparen, um im eigenen Land Punkte holen zu können. "Es gibt Gespräche, dass wir nächstes Jahr vielleicht einen vierten Challenger dazu kriegen. Was mir auch taugt ist, dass wir auf der Future-Ebene richtig Gas gegeben und von 8 auf 16 verdoppelt haben", bilanziert Melzer gegenüber der APA - Austria Presse Agentur einige Meilensteine.

"Es war auch ein Ziel von mir, dass wir das internationale Turnierangebot sowohl in der Jugend als auch in der allgemeinen Klasse aufbessern." Dies sei auch dank Veranstaltern gelungen. "Da haben wir echt einen Aufschwung gebracht."

Melzer: "Müssen noch breiter werden"

Ob man seine Handschrift nach rund 20 Monaten im Amt klar erkennen könne, müssten andere beurteilen, meint er. "Ich bin mit vielen Sachen zufrieden, mit manchen weniger. Wir müssen schauen, dass wir noch breiter werden, was internationale Jugend-Erfolge angeht. Da haben wir so ungefähr in jeder Altersklasse einen oder eine, da wär's toll, wenn wir da mehr kriegen würden. Aber ich kann es nicht herbeizaubern, das muss sich entwickeln."

Zusätzlich kümmert sich Melzer u.a. auch um die große Nachwuchshoffnung, U16-Europameister Joel Schwärzler, berät Kitz-Finalist Filip Misolic und reiste in den vergangenen Monaten viel in Österreich herum, um die Situation in den Bundesländern zu sichten.

Lob für Aufsteiger Misolic 

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Sehr gefreut hat ihn die Entwicklung von Misolic, auch wenn dieser beim Challenger in Tulln gleich ausgeschieden ist. "Man hat gesehen, was er für ein Potenzial hat und wie abgebrüht er in jungen Jahren schon ist, und das ist auch für den Davis Cup sehr gut. Bei dem weißt du, im Normalfall spielt der ein Level, unter das fällt er nicht", weiß Melzer über den 21-jährigen Steirer. Darum ist Misolic auch im Davis Cup nominiert.

"Er ist sehr professionell, auch da gibt es noch Luft nach oben, er ist ein extrem harter Arbeiter. Wenn er Richtung Top 100 und 50 gehen will, gibt es noch einige Dinge zu verbessern, aber er hat in Kitzbühel wirklich gezeigt, was möglich ist", erklärte der Ex-French-Open-Halbfinalist, der als einer von nur wenigen Spielern 17 Wochen parallel Top Ten im Einzel und Doppel war. Auch beim 19-jährigen Marko Andrejic, Sandro Kopp (22) und Neil Oberleitner (23) notierte Melzer einen Aufwärtstrend.

Melzer: "Sind kein Sportland"

Noch keinen Aufschwung sieht Melzer hingegen bei der Sportinfrastruktur oder auch bei den großen Sorgen der Hallenbetreiber wegen der Energiekrise. "Wir haben es jetzt beim Billie Jean King Cup gemerkt, als wir erfahren haben, dass wir den im November machen müssen. Das war eine Mammut-Aufgabe, da eine Location zu finden", schildert Melzer. Nur mit Glück und Unterstützung vom Land Niederösterreich habe man das Multiversum in Schwechat bekommen.

"Wir glauben, dass wir ein Sportland sind, sind es aber nicht", spielt Melzer auf die Sportstätten an. "Du musst nur in die Südstadt schauen. Vergleichst du das mit Ländern wie Ungarn, selbst der Slowakei, da tropft's beim Mund, wenn man sowas sieht. Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir da regierungstechnisch ein bisserl mehr Unterstützung kriegen."

Forderung nach Unterstützung vom Bund

Dies beginne bei der Sportförderung, die ein ebenso großes Thema ist wie die Energiekrise. "Bei den Hallen braucht es dringend Unterstützung vom Bund. Da sind einige Herausforderungen, die in den nächsten Monaten - und Jahren - auf uns zukommen." Für die Südstadt hätte er gerne eine modernes Leistungszentrum mit Hartplätzen innen und außen und wo man auch einen kleineren Davis Cup veranstalten könne. "Da fehlt es hinten und vorne."

Der Verband habe eine Studie gemacht, was der Tennissport für das Bruttoinlandsprodukt bedeutet. Melzer: "Das sind 860 Millionen. Förderung kriegen wir 1,1 Millionen - da stimmt die Rechnung meiner Meinung nach nicht."

Besondere Dringlichkeit haben nun aber die Hallensituation bzw. die hohen Energiekosten für die Indoor-Saison. "Wir rennen den Entscheidungsträgern die Türen ein. Ein paar Sachen muss man gleich in die Hand nehmen, weil sonst sind wir nur noch ein Sommersport." Was im Winter alles möglich sei, habe man in den letzten Jahren in den Coronazeiten gesehen.

Quelle: Agenturen / mpa