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Top Ten? Marco Kasper wird zur Draft-Wundertüte

28. Juni 2022 · Lesedauer 6 min

Thomas Vanek 2003 auf Rang 5, Michael Grabner 2006 an 14. Position, Marco Rossi 2020 an 9. Stelle – das sind die bis jetzt am höchsten gedrafteten Österreicher. Wo wird sich Marco Kasper hier am 7. Juli einstellen? Wohl höher als noch vor Wochen und Monaten angenommen.

Die Saison des Klagenfurters war auch nach der WM noch lange nicht beendet. Fast umgehend flog er zum Combine nach Buffalo, von dort wiederum ging es nach Ängelholm zu seinem Vereinsteam. 

Nächste Woche fliegt er mit seinem Vater nach Ottawa zu einem privaten Camp, das vor allem seinem Schuss gewidmet ist. Von dort reisen die beiden am 6. Juli zum Draft an.

Marco Kasper im PULS 24-Interview zum NHL-Draft

Nur zwei Teams wollten ihn nicht sprechen

Wie Vinzenz Rohrer muss auch Kasper darauf vorbereitet sein, gleich nach dem Draft zu einem Development Camp seines neuen Teams weiterzureisen. Gehen sich da überhaupt noch einige Tage in Klagenfurt aus? "Ich hoffe gegen Ende Juli, Trainingsstart bei Rögle ist am 1. August", so der 18-Jährige.

Wie Rohrer erinnert sich auch Kasper positiv an das Combine, seine Fitnesswerte – ohne dass er sich groß vorbereiten konnte – waren ausgezeichnet. Von 32 Teams interviewten ihn 30, nur Carolina (ohne Erstrundenpick) und Dallas (pickt an 18. Stelle) winkten dankend ab. 

Beide können das natürlich in Montreal noch nachholen, genauso können einige Teams noch zu einem weiteren Gespräch bitten. Die New Jersey Devils flogen Kasper und seinen Vater gleich nach dem Draft nach Newark ein. Bemerkenswert deshalb, da die Devils an zweiter Stelle draften können. wo der Slowake Juraj Slafkovsky als wahrscheinlichste Variante gilt.

Starkes Jahr 2022 hat geholfen 

APA/APA/dpa/Philipp von Ditfurth

Kasper wurde schon die ganze Saison als Erstrundenpick gehandelt, der 20. Platz war hier der ungefähre Ausgangspunkt. Alles natürlich nur Annahmen, es geht erst jetzt ans Eingemachte.

2022 begann für Kasper nicht optimal, musste er doch im CHL-Finale zusehen. Es sollte sein letztes Spiel bei Rögle ohne Einsatz bleiben, vor allem im Playoff war er wieder ein Key Player.

Wem das noch nicht reichte, konnte ihn noch bei der WM beobachten, wo er sich weiter in den Vordergrund spielte. Im Spiel gegen die USA etwa war er der einzige Spieler am Eis, auf den sich die anwesenden Scouts zu konzentrierten hatten. Alleine sein grandioser Assist zu Benjamin Nissners Tor, das einem Rush über das ganze Eis folgte, wird sicher ausführlich notiert worden sein.

Wobei Scouts ein unscharfer Begriff ist: Europa-Scouts, Headscouts, Proscouts aus Nordamerika sowie einige GMs geben sich bei WMs ein Stelldichein. Kaspers robuster NHL-Stil beeindruckte viele von ihnen.

Sind die Red Wings besonders interessiert?

Einige GMs halten sich beim Draft nobel zurück, andere wiederum bringen sich ein – mit allen (negativen) Konsequenzen. Es bedarf da schon eines sehr mutigen Scouts, seinem Brötchengeber zu widersprechen und zu sagen: "Ja, Kasper ist super, aber nicht so gut wie Spieler X, der halt nur bei der U18-WM spielte und den du nie gesehen hast."

Kasper dürfte (ohne jegliche Garantie) weiter nach oben tendieren, ich halte Platz 10-15 (mit kleinen Ausreißern nach oben oder unten) für möglich.

Einige Mock Drafts bringen sogar Platz 8 ins Spiel. Grund dafür: Die Detroit Red Wings draften gerne Spieler aus Schweden, die Meinung von Europa-Headscout Hakan Andersson wird von GM Steve Yzerman hochgeschätzt.

Wie sehr Kaspers Position als Forward bzw. seine Rolle als Winger/Center eine Rolle spielt, bleibt abzuwarten. Die Red Wings suchen jedenfalls weiter nach einem Top-6-Pivot, nachdem der 2017 gezogene Michael Rasmussen (wir kennen ihn aus Graz) diese Rolle eher nicht erfüllen wird können.

Diese Kleinigkeit kann den Unterschied machen

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Shane Wright, Juraj Slafkovsky, Logan Cooley sowie die beiden Europa-Defender David Jiricek und Simon Nemec werden wohl auf den meisten Listen vor Kasper aufscheinen, danach kann sich das Bild schon etwas verwischen.

Sind etwa die beiden talentierten Winger Joakim Kemell (Finnland) und Jonathan Lekkerimäki (Schweden) eventuell größere offensive Hoffnungsträger? Haben Teams in der jetzigen Zeit wirklich die Traute, den russischen Defender Danila Yurov (Magnitogorsk) hoch zu ziehen? Hüpft mit Jiri Kulich, der eine bärenstarke U18-WM hinlegte, ein Tscheche nach vorne, der wie Kasper Center und Flügel spielen kann und heuer ebenfalls schon im Erwachseneneishockey reüssierte?

Die entscheidende Frage, die sich Scouts über Kasper stellen (und die auch an mich schon herangetragen wurde): Ist er ein kraftvoller, im Powerplay einsetzbarer Power Forward mit guten Skills oder reichen diese gar für eine konstante Top-6-Rolle in der NHL aus? Das macht nicht den Unterschied zwischen "Hoch draften" und "Finger weg", sondern die kleine Differenz zwischen zwei Top-Prospects, an deren NHL-Zukunft niemand zweifelt, aus.

Top-Ten-Platz? Ende der ersten Runde? Breites Mock-Spektrum

Ich bin kein Freund von Mock Drafts (ein Spieler am falschen Platz bringt ja schon das ganze Kartenhaus zum Einsturz), kenne auch fast nur die oben genannten Europäer an der Spitze des Drafts. Aber die Tendenz bei Kasper ging zuletzt klar nach oben – wenn seine Playmaker-Qualitäten, die er in jungen Jahren zeigte, zu seinem jetzigen giftigen Stil dazukommen, könnte er zu einem "Steal" werden.

Selbst eine Publikation wie "Red Line Report", das ihn "nur" an 17. Stelle führt und im Gegensatz zu den Berichten von Central Scouting auch negative Züge bei Spielern nicht verschweigt, findet nur Lob für den Österreicher: "Sehr talentierter traditioneller Playmaker mit exzellenter Größe und Übersicht. Spielt hart selbst gegen Männer. Smart, verlässlich mit und ohne Scheibe. Geht hart an den Mann, fährt seine Checks zu Ende, setzt Defender unter Druck. Sanfte Hände, schneller Schuss, kann Pässe mit beiden Seiten des Stock machen. Ums Tor herum opportunistisch, stets für 'Garbage Goals' gut. Spielt ausgereiftes Zweiweg-Hockey."

Während ihn RLR mit Elias Lindholm (Calgary) vergleicht, sieht Corey Pronman von "The Athletic" Parallelen zu Panthers-Center Sam Bennett. Pronman, der Kasper als Nummer 9 führt, sieht in ihm einen Top-6-Center in der NHL. Sein Kollege bei "The Athletic", Scott Wheeler, listet den Österreicher als Nummer 24, findet zwar viele lobende Worte über seine Einstellung, ist aber von seinen Scorer-Fähigkeiten auf NHL-Niveau nicht ganz so überzeugt.

Egal ob 8, 9, 17, 24 oder irgendwo dazwischen – der Draft ist nur eine Zwischenstation auf Kaspers Weg in die NHL. Dass er auf diesem nicht abzweigt, dafür sorgen sicher sein Vater Peter (als Agent kennt er das Business sehr gut, sieht seinen Sohn auch nie abgehoben) und Rögle-GM Chris Abbott, die beide beim Draft dabei sein werden.

Österreichs Eishockeyfreunde, die in der Nacht vom 7. zum 8. Juli den Draft online verfolgen werden, werden ihr Wachbleiben wohl nicht bereuen.

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf laola1.at erschienen 

Quelle: Redaktion / Laola1.at