Laura-Marie Geissler in Rennanzug

Mit Markt und Marke: Rennfahrerin setzt auf NFTs statt Sponsoren-Logos

26. Nov. 2022 · Lesedauer 6 min

Der 24-jährigen Rennfahrerin und Jungunternehmerin Laura-Marie Geissler ist das klassische Sportsponsoring ein Dorn im Auge. Mit dem weltweit ersten NFT-basierten Sportfinanzierungs-Modell will sie zeigen, dass es auch anders funktionieren könnte.

Laura-Marie Geissler hat eine Gangschaltung am Handgelenk tätowiert, die Lizenz nicht nur für den Rennsport, sondern auch für Motorboote und sogar für Helikopter. Ihr Haupt-Arbeitsplatz ist der Rennsimulator. Der steht in ihrer Wohnung in Starnberg bei München. Man könnte also behaupten, dass die 24-Jährige eine Vorliebe für Otto-Motoren hat. 

Der Motorsport und das Geld

Sehr früh beginnt Geissler im Rennkart zu sitzen und auch Meisterschaften zu fahren. Die Starnbergerin wusste aber lange nicht, ob sie ihr Hobby nach dem Abitur auch zum Beruf machen kann. Den Sprung in die großen, professionellen Motorklassen schafft sie aus finanziellen Gründen zunächst nicht. Denn im Motorsport landet man schnell im sechsstelligen Ausgabenbereich pro Rennsaison. Lizenz, Schutzkleidung, Rennauto, Startgelder, Trainingsgelder, Reparaturkosten oder Reisekosten müssen aus eigener Tasche finanziert werden. Ohne Sponsoren und Geldgeber geht da nichts.

Erfolgreiches Debüt in Spielberg

Mit Anfang 20 verdient Geissler mit Instruktionsfahrten am Nürburgring ihr Geld. Dabei werden Talentscouts auf sie aufmerksam. Als bei der Porsche Sprint Challenge Central Europe 2021 am Red Bull Ring in Spielberg ein Fahrer ausfällt, wird ihr ein Startplatz angeboten. Sie ergreift die Chance und fährt mit 23 Jahren und nur zwei Monaten Training auf Platz eins. Zahlreiche Rennteams und Sponsoren werden auf die junge Rennfahrerin aufmerksam.

Laura-Marie Geissler mit Helm und Rennanzug

Unterstützung "nur weil ich eine Frau bin"

"Ohne dass du viel Geld hast, ist der Einstieg in den professionellen Motorsport eigentlich nicht machbar", ist Geissler sehr wohl bewusst. "Ich habe brutal viel Leidenschaft für den Sport, aber keine finanziellen Mittel", beschreibt sie im PULS 24 Interview ihre damalige Situation. Bei der Sponsorensuche habe sie gemerkt: "Als Frau im Motorsport, da habe ich einen gewissen USP (unique selling point, also Alleinstellungsmerkmal, Anm.), was es mir erleichtert in Erstgespräche zu kommen."

Diese Art der Chance ist ihr aber auch ein Dorn im Auge: "Warum wollten mich die Sponsoren unterstützen? Eben nur, weil ich eine Frau im Motorsport bin." Sie will aber als Rennfahrerin und nicht bloß als "Frau im Motorsport" wahrgenommen werden.

Das Auto, nicht das "blonde Mädchen"

Geissler designt deshalb ihr Rennauto um - angelehnt an "die Sau", jenen Rennwagen, der in den 70er-Jahren die Le-Mans-Serie gewann. "Damit wollte ich Sponsoren dazu bringen, dass sie mich nicht als blondes Mädchen unterstützen, sondern das Auto mit all den Werten, was es repräsentiert und wofür es steht", erzählt sie stolz. "Ich habe da ein Beauty-OP Auto designt, mit Schnittnähten von der Chirurgie und mit Schönheitsbegriffen. Aber auch mit den aerodynamisch größten Druckpunkten, was die Druckbelastung auf Sportler repräsentieren soll."

Das Rennauto von Laura-Marie Geissler

Nur Sponsoren wollen als Gegenleistung für ihre finanzielle Unterstützung meist Werbefläche, was für Laura-Marie sowohl am Auto als auch am Rennanzug nicht in Frage kommt. "Nein, das funktioniert nicht! An mein Design kommt so einfach niemand ran", so ihre trotzige Reaktion. Alternativen zum traditionellen Sponsoring gab es bis vor kurzem aber nicht.

NFTs als Sponsoren-Ersatz

In dieser Zeit, Anfang 2022, beschäftigt sich Geissler privat viel mit Web3 und NFTs. Ein "Non-Fungible Token" (NFT) ist ein kryptografisch eindeutiges, unersetzbares und überprüfbares Token das einen bestimmten Gegenstand in einer Blockchain (das kryptografische Prinzip auf dem auch Kryptowährungen basieren) repräsentiert. Sozusagen ein nicht fälschbarer Eigentumsnachweis.

Nachdem bereits Anteile an Kunstwerken über solche NFTs verkauft werden - so etwa am "Kuss" von Gustav Klimt im Belvedere - hat Geissler die Idee, dies mit ihrem Autodesign auch zu versuchen. Ganz ohne Sponsoring, ganz ohne Werbeflächen. Sie gründet die LMG GmbH und versucht nun über diese, mit NFTs ihres Rennautos Geld zu verdienen. Privatpersonen, Fans oder Unterstützer können so einen oder mehrere Anteile am Rennauto der 24-Jährigen erwerben.

Einblicke und "Community" statt Werbefläche

Ein NFT verbürgt sozusagen den Besitz des Auto-Bruchteils und kostet derzeit rund 40 Euro. "Derzeit", denn der Preis variiert anhand von Angebot und Nachfrage. Das Eigentum am Auto ist freilich eher ideell und bezieht sich auf das Design, nicht das Gefährt. Würde jemand alle NFTs aufkaufen, wäre er dadurch nicht der Besitzer des Fahrzeugs. Als Gegenleistung bietet die Rennfahrerin aber "eine Community" und Zugang zu einem Kanal, wo die Unterstützer exklusiven Einblick in ihr Rennteam erhalten.

Das Geld, welches sie durch den Verkauf von NFTs einnimmt, kann sie dann frei für die Finanzierung ihrer Rennsaison verwenden. "Ich glaube so hat man viele Probleme im Sport gelöst bzw. man hat sich nicht mehr in so ein Abhängigkeitsverhältnis verfrachtet – Abhängigkeit von Management, Abhängigkeit von Sponsorenverträgen", bringt Geissler die Vorteile auf den Punkt. "Man ist da einfach frei und kann wirklich schauen, dass man als Sportler weiterkommt", erzählt die 24-jährige Jungunternehmerin.

Hoffnung auf Erholung des Marktes

Der große Erfolg mit dem weltweit ersten von NFTs gesponserten Rennteam bleibt aber bisher aus. Zum einen finden sich bis jetzt nicht genug Unterstützer, um einen komplette Rennsaison zu finanzieren. Zum anderen brach der NFT- und Kryptohype unmittelbar nach ihrem Projektstart zusammen. Geissler muss hoffen, dass sich der Markt nächstes Jahr erholt. "Dieses Jahr hat mir da der NFT-Markt schon eine mitgegeben", muss sie eingestehen.

So ganz ohne klassische Finanzierung geht es also wohl noch nicht: "Das Projekt hat aber auch Reichweite generiert, wodurch ich mir mit verschiedenen Werbedeals die Rennsaison mehr oder weniger finanzieren konnte", sagt sie. Mit "Plus" sei sie das vergangene Jahr aber nicht ausgestiegen, meint sie. 

Ziel: Frauen für den Motorsport motivieren

Trotzdem hält die Rennfahrerin am NFT-Projekt fest, weil sie der festen Überzeugung ist, dass Web3 die Zukunft ist. Für ihre Zukunft hat sie vor allem sportlich klare Ziele: durch ihr Engagement mehr Frauen für den Motorsport motivieren, einfachere Einstiegsmöglichkeiten schaffen und weiter in ihrer Rennklasse mit guten Leistungen überzeugen. Konkrete unternehmerische Ziele mit ihrer LMG GmbH hat sie dagegen keine. Es sei ihr aber wichtig, an innovativen Konzepten als Alternative zu Sponsorenverträgen festzuhalten.

Die Zukunft wird zeigen, ob sich NFTs im Sport durchsetzen können.

Das ganze Interview: 

Thomas GolavcnikQuelle: Redaktion / tgo