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Katerstimmung in England und Italien - Southgate unter Druck

15. Juni 2022 · Lesedauer 4 min

Mit einem heftigen Kater haben sich Fußball-Europameister Italien und EM-Finalist England in den Sommerurlaub verabschiedet. Vor allem im Mutterland des Fußballs war das Entsetzen nach der 0:4-Watschen in der Nations League gegen Ungarn groß, schließlich war es für das englische Team die schlimmste Heimpleite seit 94 Jahren. Am Stuhl von Teamchef Gareth Southgate wird bereits gesägt. Schlecht war auch die Stimmung der Italiener, die in Deutschland 2:5 verloren.

Viele englische Fans waren fassungslos angesichts der historischen Niederlage in Wolverhampton gegen den Überraschungstabellenführer Ungarn in Gruppe A3. Buh-Rufe, Pfiffe und Schmähgesänge ertönten in Richtung Southgate. Erste Kommentatoren stellten die Zukunft des Trainers infrage, mit dem England im Vorjahr noch EM-Zweiter geworden war und bei der WM 2018 das Halbfinale erreicht hatte. Doch die Bilanz nach vier Nations-League-Partien ist miserabel: Schlusslicht mit nur zwei Zählern und einem erzielten Tor.

Kane: "Größte Niederlage seit langer Zeit"

Kapitän Harry Kane wollte von einer Entlassung Southgates am Dienstagabend nichts wissen. "Diese Frage sollte ich nicht einmal beantworten, wenn ich ehrlich bin", meinte der 28-Jährige. "Das ist unsere erste große Niederlage seit langer Zeit. Das war natürlich ein Abend zum Vergessen, aber wir müssen das einstecken und weitermachen", so der Stürmer von Tottenham Hotspur.

Der Trainer zeigte Verständnis für die Kritik von außen. "Wir haben nicht viele Spiele verloren, und wenn du so schwer verlierst, insbesondere zu Hause, dann wird das in England sehr schmerzhaft", sagte Southgate, der die Schuld bei sich suchte. Er habe sich für die zahlreichen Wechsel und die taktische Ausrichtung des Teams entschieden und gegen Ungarn junge Spieler einbauen wollen, erklärte der 51-Jährige und sprach von einer "ernüchternden Erfahrung".

Kein Verständnis für die die Spottgesänge der Fans zeigte Ex-Nationalspieler Jamie Carragher. "Haltet den Mund, ihr Clowns", twitterte der heutige TV-Experte: "Dieser Trainer hat das Land zu den beiden besten Platzierungen seit 1966 geführt."

Ungarn in Feierstimmung

Die Gemütslage beim Gruppen-Ersten Ungarn nach dem zweiten Sieg gegen England binnen zehn Tagen war naturgemäß eine andere, Coach Marco Rossi sprach gar von einem "Wunder" der Magyaren. Als er 2018 den Job als Teamchef angenommen habe, habe er der ungarischen Staatsspitze gesagt, er wolle etwas hinterlassen, so der 57-jährige Italiener. Das habe er nun erreicht. "Wenn ich sterbe, bin ich sicher, dass es in den Stadien in Ungarn eine Schweigeminute geben wird. Das ist eine große Leistung für mich."

Schlechte Laune gab es derweil auch bei der Squadra Azzurra nach dem 2:5 gegen die DFB-Elf. "Wir sind sauer", sagte Torhüter und Europameister-Kapitän Gianluigi Donnarumma im TV-Sender RAI. "Für so etwas gibt es keine Entschuldigung. Heute hat bei uns gar nichts gepasst." Erstmals seit 65 Jahren und einem 1:6 gegen Jugoslawien im Mai 1957 kassierte Italien wieder fünf Gegentore. Trainer Roberto Mancini erinnerte hingegen an den Neuaufbau des Teams, zu dem Niederlagen gehörten: "Das kann passieren, wenn alles schlecht läuft, und wir haben schlecht verteidigt."

"Ein blaues Desaster"

Italiens Gazetten gingen dennoch hart mit dem jungen Team ins Gericht. Während "Tuttosport" "Ein blaues Desaster! Fünf Schritte zurück" titelte, sprach die "Gazzetta dello Sport" von einer "Albtraum-Nacht". Für die deutschen Kicker ging es hingegen mit einem Hochgefühl in den Sommerurlaub. Nach vier 1:1-Partien gab es den ersehnten Erfolg. Er müsse der "Mannschaft ein Riesenkompliment machen und auch mal danke sagen, für die Art und Weise, wie sie Fußball gespielt hat", meinte Teamchef Hansi Flick. Der Sieg, der höchste gegen Italien seit 83 Jahren, "war mehr als verdient, und deswegen können wir mit einem guten Gefühl in die Pause gehen".

Quelle: Agenturen / mpa