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Johnny Ertls EM-Tagebuch: England ist reif für einen Titel

07. Juli 2021 · Lesedauer 4 min

PULS 24 Experte Johnny Ertl analysiert täglich während der EURO 2020 exklusiv aktuelle Themen rund um die Europameisterschaft. Dieses Mal berichtet der Ex-Nationalspieler über das packende Halbfinale zwischen Italien und Spanien und wieso er im zweiten Halbfinale auf die Engländer tippt.

Wir alle sahen gestern ein packendes Spiel zweier Klassemannschaften. Die hohe technische Qualität beider Mannschaften mit und gegen den Ball war eines Halbfinales mehr als würdig. Spaniens flüssiges Kombinationsspiel mit sehr hoher Ballsicherheit brachte die Italiener gewaltig ins Wanken. Obwohl man durch ein fantastisches Tor von Federico Chiesa in Führung ging, konnte Roberto Mancinis Team diesen Vorsprung nicht über die vollen 90 Minuten bringen.

Spanien hatte, wie schon in den letzten Spielen, einen hohen Ballbesitzanteil, mit 68% dominierten sie das Geschehen, 12 Tormöglichkeiten sollten in der Statistik zu Buche stehen. Ja, und diese Tormöglichkeiten waren es schlussendlich auch, die das Team von Luis Enrique einfach nicht machte. Alleine Mikel Oyarzabal vernebelte vier tolle Möglichkeiten, Dani Olmo rackerte zwar viel, seine Distanzschüsse gingen aber alle über das Tor oder er fanden im italienischen Verteidigungsbollwerk Chiellini/Bonucci seinen Meister.

Gianluigi Donnarumma zeigte erneut, dass er mit seinen 22 Jahren schon ein Weltklassetorhüter ist. Er entschärfte gute Möglichkeiten der Spanier und hielt den entscheidenden Elfmeter von Alvaro Morata. Er besticht durch eine tolle Ausstrahlung, ganz viel Sicherheit und ein - selten gesehenes - hohes Reaktionsvermögen auf der Linie.

APA - Austria Presse Agentur

Gianluigi Donnarumma nachdem er Moratas Elfer gehalten hat und Italien damit ins Finale einzieht.

Die Spanier werden sich ärgern: Mit ein bisschen mehr Durchschlagskraft in der gegnerischen Box hätte man die Italiener knacken können. Trotzdem kann man stolz auf eine neue Generation spanischer Spieler sein. Luis Enrique schaffte es trotz heftiger Kritik, seinem eigenen Kurs treu zu bleiben. Der Einbau von hochtalentierten jungen Spielern trägt sicherlich bei zukünftigen Großveranstaltungen Früchte.

England ist reif für einen Titel

Italien also im Finale, aber gegen wen? Für mich ganz klar: England. Der Heimvorteil der Mannschaft von Gareth Southgate ist nicht zu unterschätzen und wird nicht zu überhören sein. Schon gegen Deutschland hat man gemerkt, dass das Land reif ist für einen Titel. Eine neue Epoche englischer Fußballgeschichte könnte diese Woche geschrieben werden und das im neuen, renovierten Wembley Stadion. Seit der WM 1966 wartet eine ganze Nation auf den ersten Einzug in ein großes Finale.

Aber beim Gegner Dänemark handelt es sich um einen recht unangenehmen Außenseiter. Drehen wir kurz das Rad der Zeit zurück und blicken auf die Duelle der beiden Mannschaften in der Nations League im Herbst 2020: Dann fällt uns sehr schnell auf, dass es zuerst ein Unentschieden gegeben hat und die Dänen einen Auswärtssieg im Wembley feiern konnten. Bum! Das brachte Gareth Southgate gewaltig ins Schwitzen und unter enormen Druck. Das englische Team konnte sich danach aber schnell fangen und blickt nun auf eine makellose Bilanz von 11 Spielen ohne Niederlage mit einem Torverhältnis von 23:1 zurück. Fazit: Die Abwehr der Engländer steht.

Und diese Abwehr sollte auch heute wieder überzeugen. Ob mit einer Viererkette wie gegen die Ukraine oder doch einer Dreierkette wie gegen Jogi Löws Deutschland, England kann auf verschiedene Systeme zurückgreifen und verfügt über einen tiefen, ausgewogenen Kader mit sehr viel Qualität. Die Frage ob Bukayo Saka oder Jadon Sancho von Beginn an spielen, lässt sich Gareth Southgate aus taktischen Gründen offen. Ein bisschen etwas zum Grübeln möchte er seinem dänischem Gegenüber Kasper Hjulmand allemal geben.

Dänemark überzeugt mit Teamspirit

Hjulmand strotzt vor Selbstvertrauen und weiß um die Stärken seiner eigenen Mannschaft: Unglaublicher Zusammenhalt und fantastischer Teamspirit. Alle Geschehnisse während dieser EM haben das Team noch näher zusammengeschweißt, der Trainer ist vom Übungsleiter zum Freund für die gesamte Mannschaft geworden.

Dass er in Sachen Fußball einiges drauf hat, konnte er in Mainz nicht ganz bestätigen. Doch in seiner Heimat blickt er auf Meistertitel und eine eindrucksvolle Bilanz in der WM-Qualifikation mit dem Nationalteam zurück.  Jetzt kommt der erste richtige Test für die sympathischen Dänen. Wales im Achtelfinale ok, die Tschechen im Vietelfinale ok - alles in Reichweite, aber England ist ein anderes Kaliber. Umso wichtiger wird der Teamspirit an einem so denkwürdigen Tag wie heute sein.

Johnny ErtlQuelle: Redaktion